Andrea Dusl: Ein Lob der Beamtenregierung

    31. Mai 2019, 16:48
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    Der Übergang von einer Dilettantokratie zu einer Expertokratie hat alle Qualitäten eines Lehrstücks und berührt in österreichischer Leichtigkeit die Themen der großen Literatur

    Die rauschende Nacht in der Miet-Finca auf Ibiza hat Österreich verändert wie keine Nacht davor. Die Late-Night-Show mit falscher Oligarchin, aber echten Deppen bedeutete nicht nur das Ende des Heinz-Christian Strache und seines Amigos Johann Baptist Gudenus, sondern mit kurzer Verzögerung auch der Regierung Kurz. Der Fall von Vizekanzler und Kanzler bedeutete auch das Ende eines exekutiven Typus: des Ministers alten Stils, des Regierungsmitglieds mit überschaubarer Expertise.

    Nichts ist nach Ibiza, wie es vorher war. Der Amtsträger ohne Ahnung hat ausgedient: Der Versicherungsvertreter mit dem Lächeln aus Glück, der Studienabbrecher mit der Endreimbegabung, ja, und auch der Taxifahrer aus der Seilschaftsgilde – sie alle haben ausgedient.

    Tragödie oder komische Oper

    Angekündigt hatte sich der Paradigmenwechsel mit dem Ruf nach einer "Expertenregierung". Die Satiriker des Landes fragten sogleich nach, was so schlecht an den Nichtexperten gewesen war. Und falls doch, wieso man das erst jetzt, post Ibizam, in solcher Deutlichkeit erkenne.

    illustration: andrea dusl
    Die Amtsperson ist keine Akteurin lebenswichtiger Funktionen des Alltags, sondern eine Botschafterin. Sie ist ein Organ höchster exekutiver Eleganz.

    Wie auch immer, der Übergang zwischen Dilettantokratie und Expertokratie hat alle Qualitäten eines Lehrstücks und berührt in österreichischer Leichtigkeit die Themen der großen Literatur. Er enthält die besten Passagen aus Shakespeares Königsdramen, Wesentliches aus Goethes Ballade vom Zauberlehrling, und nie fehlt, was das Publikum tatsächlich erfreut: die derbe Direktheit eines Volksstücks.

    Die Protagonisten des Dramas wechseln mit jedem neuen Akt, aus der Kulisse treten Unbekannte, in die Versenkung fahren Bekannte. Das Getöse ist groß, die Theaternebel dicht. Die Plots sind bizarr und verdreht wie schlecht geflochtene Zöpfe.

    Und auch das Genre der dramatischen Ereignisse ist noch nicht ganz klar: Sind wir Publikum einer Tragödie oder Zuschauer einer komischen Oper? Und wer schreibt das Stück (falls es überhaupt eines gibt)? Ein unbekanntes Autorenteam, die Schauspieler selbst oder die Billeteure? Am Ende wir alle, in der verbindenden Mechanik des Tischerlrückens?

    Dieser Tage castet Theaterdirektor Van der Bellen, ein Mann von grüner Laune und grauer Miene die nächste Exekutive des Landes. Eine Regierung aus Experten und Beamten. Sehen wir uns diesen Menschenschlag an. Woher kommen diese Leute, was können sie, und wohin werden sie uns führen?

    Zwischen Macht und Ohnmacht

    Wir alle kennen sie. Wir alle fürchten sie: die Beamtin, den Beamten. Anders als die Wirtin, die Sprechstundenhilfe oder die Supermarktkassierin ist die Amtsperson keine Akteurin lebenswichtiger Funktionen des Alltags, sondern eine Botschafterin. Sie ist ein Organ höchster exekutiver Eleganz.

    Sie vermittelt zwischen Macht und Ohnmacht, nach österreichischem Verständnis der Verhältnisse zwischen der Behörde (dem Staat) und uns (dem Volk). Die Amtsperson hat die unlösbare Aufgabe, uns dieses Verhältnis mitzuteilen. Sie bedient sich dazu einer Myriade rätselhafter Formulare, erniedrigender Rituale und der Transzendentaltextsorte Bescheid.

    Teil der Begegnungskultur ist der Parteienverkehr und in dessen Rahmen das Erläutern von Unerläuterbarem. Dabei verliert sich die Amtsperson niemals in der Idee idealer Zustände. Sie präsentiert die Grundform der österreichischen Bürokratiebefindlichkeit, sie versteht sich als Vertreterin einer Obrigkeit. Einer Obrigkeit, wie sie Habsburgerabsolutismus und seine Nachgeburten Ständestaat und Nazidiktatur im Land der Berge etabliert haben.

    Wenn wir einer Amtsperson begegnen, treten wir habituell in einen Dialog mit den Untoten. Unter diesem Druck leidet die Amtsperson. Sie entlastet sich und uns, indem sie sich vom fremdbestimmten Werkzeug zum selbsthandelnden Subjekt erhöht.

    Die Amtsperson, die Beamtin, der Beamte, tritt uns in der Regel nicht mehr ausschließlich als Vertreterin einer Behörde, eines Dezernats, eines Referats, eines Ministeriums entgegen, sondern versteht sich als deren Interpretin. Das macht die Dinge nicht einfacher.

    Habilitierte im Fach Österreich

    Als Habilitierte im Fach Österreichkunde verstehen wir uns in der Kunst, mit der Amtsperson zu verhandeln. Wir können einer Amtsperson erfolgreich einreden, unsere meterlange Fahne stamme vom Franzbranntwein an der verspannten Schulter, der Fahrschein befinde sich in der anderen Jacke, der Hund habe den Einschreiber gefressen. Die Amtsperson wird uns nicht glauben, aber so tun. Oder uns glauben, aber nicht so tun.

    In einem alles und alle durchdringenden Prozess der Verösterreicherung vereinigt die Amtsperson auf eigenen und fremden Zuruf sämtliche Mächte in sich, die Exekutive (ihre eigentliche Aufgabe), die Judikative (ihre große Schwäche) und die Legislative (ihre geheime Leidenschaft), sie transzendiert im Absoluten.

    Will doch die Amtsperson, wenn sie sich spüren will, nicht gefürchtet werden. Die Amtsperson will geliebt werden (manchen genügt die Anbetung). An der Erfüllung dieses Wunsches scheitern beide Seiten, Amtsbehandelte und Amtspersonen.

    Erfüllung alles Österreichischen

    Wer sind diese bekannten Unbekannten? Wer sind diese Amtspersonen, die wir alle so gut zu kennen meinen? Wo wurde die Beamtin, wo wurde der Beamte sozialisiert, was hat Menschen aus diesem kleinen, aber eminenten Bevölkerungssegment zu dem gemacht, was sie sind, wo erlangten sie Expertise für ihr Lassen und ihr Tun? Was hat sie geprägt? Das Amt. Das Amt als Ort, das Amt als Idee, das Amt als Beruf. Das Amt als Erfüllung alles Österreichischen.

    Schauen wir uns die Begrifflichkeit etwas genauer an. Was steckt im Wort selbst, welche Geschichte hat es aufgesogen, welche Bedeutungen erfahren? Die Silbe "Amt" kommt vom germanischen Wort ambahtjan (Gefolgsmann), ambaχtaz (Diener, Dienstmann, Büttel) und ist dem gallisch-lateinischen ambactus entlehnt, "den (um den Herrn) Herumbewegten".

    Das Französische hat auf diese etymologischen Verhältnisse mit ambassade geantwortet, das Italienische mit ambasciata und das Englische mit embassy, unserem Begriff der "Botschaft". Das Amt ist also Konsulat zwischen Obrigkeit und uns. Wer die Obrigkeit ist, werden wir noch untersuchen.

    Hinter jedem Amt steht immer auch die Person. Das graue Individuum in Funktion. Wie geht es uns mit der Person? Die Vokabel wurde im 13. Jahrhundert aus dem lateinischen persona ins Deutsche übernommen. Manche Sprachwissenschafter halten den Begriff für eine Entlehnung aus dem griechischem prosôpon (Maske, Rolle, Mensch), anderen zufolge kommt es vom etruskischen phersu, Maske.

    Hinter dem Begriff "Person" steht seit der Antike das tiefenpsychologische Bild, dass Menschen in den meisten Situationen nicht sich selbst repräsentieren, sondern sich wie Schauspieler verhalten, die ihre Rolle mehr oder weniger gut spielen.

    Die tragischen und komischen Masken des antiken Theaters hatten einen trichterförmigen Mund, durch den die Stimme "personierte", im besten Sinne des Wortes also durchtönte. Fassen wir zusammen: Die Amtsperson ist nach Lage der sprachgeschichtlichen Verhältnisse herumbewegt und durchgetönt, Botschafterin des Selbst.

    Schutzheiliger allen folgenlosen Irrens

    Wer aber ist dieses Selbst? Sind das wir, sind das sie, die Botschafter? Die Message-Kontrolleure? Und wessen Botschaft wird vermittelt? Die des Souveräns? Wer ist das jetzt wieder? Das Volk (wie oft gesagt), das Parlament (wie man auch schon hören konnte) oder der Herr Bundespräsident (die neueste Theorie)? Wir werden diese Frage noch klären.

    Zurück zum Amt, idealtypisch verkörpert in der Person des Hofrats, der höchsten (und alle Genderstereotypien transzendierende) Form beamteten Seins. Der Titel für oberstes österreichisches Beamtentun hat den Untergang des kaiserlichen Hofs unbeschadet überstanden und sich in der Regel von jedweder imperialen Ratstätigkeit befreit.

    Als Ehrentitel vom Bundespräsident an Gymnasialdirektoren und Richter verliehen, unterscheiden Kundige "Titular"-Hofräte von "wirklichen" Hofräten (so der Amtstitel für "wirkliche" Beamte der höchsten Dienstklassen).

    Nicht selten leiteten pensionierte Hofräte, "Hofräte i. R." (Hofräte im Ruhestand), die Geschicke der früheren Dienststelle auch nach der Emeritierung. Das macht sie, das macht ihn zu einer Person höchster verwalterischer Expertise. Der Hofrat Vergeiger ist Schutzheiliger allen folgenlosen Irrens.

    Die dunkle Seite der Medaille

    Wieso sind wir nicht früher auf die Idee gekommen, die Expertise der Beamten ministeriell zu nutzen? Wir sind. Sehen wir uns die dunkle Seite der Medaille an.

    Die Geschichte der österreichischen Verwaltung wäre nur lückenhaft erzählt, ohne Augenmerk auf eine wirkmächtige Nebenform der Amtsperson zu werfen: den Apparatschik. Im Rahmen eines Henne-Ei-Problems ist noch gänzlich ungeklärt, wer zuerst da war.

    Der Apparatschik oder die Strukturen, in denen er sich bewegt. Hat der Apparat den Apparatschik erschaffen, oder der Apparatschik den Apparat? Das Wort selbst bezeichnet den servilen und stets vorauseilend gehorsamen Funktionär eines Parteiapparats.

    In fataler Konsequenz wird die Durchtränkung jeglicher Verwaltung mit Apparatschiktum einzig der österreichischen Sozialdemokratie angelastet. Die christlich-soziale Welt bediente sich des Aktenläufers, Freiheitliche und Liberale (und neuerdings die türkise Sekte) des Zuträgers, vereinfacht des Schakls.

    Die Strategie, sich bei Vorgesetzten beliebt und, wenn möglich, unentbehrlich zu machen, ermöglicht dem Apparatschik in bürokratisierten Systemen den direkten Aufstieg in die Vorstands- oder Parteispitze, wo er unversehens zum Bonzen wird.

    Höchste Form der Erkenntnisbefreiung

    Im Rahmen der Architektur österreichischer Parteiapparate können sich Sitzungsgestählte zu Funktionsakkumulatoren ausbilden lassen, dabei werfen sie jegliches belastbare Vorwissen ab und installieren sich als Vorsitzender, Obmann, Buagamasta, Bezirkskaiser und schließlich: Landeshauptmann.

    Als höchste Form der Erkenntnisbefreiung wird dann der nichtamtliche Titel Grande geführt. Die Urform der österreichischen Amtsperson sehen manche in Maria Theresia.

    Nicht zufällig finden sämtliche Angelobungen der Republik unter einem Staatsporträt der Habsburgerin statt. Modernere Hermeneutik indes macht Kaiser Franz Joseph als prägende Gestalt der österreichischen Amtskavallerie aus. Der Langzeitmonarch musste die ihm zugedachte Rolle als Krieger nach mehreren fatal verlorenen Waffengängen gegen eine Dauerstellung im Innendienst tauschen.

    Dort entwickelte der Habsburger eine exemplarische Form des Amtspersonentums. Eine höhere Dienststelle war kaum denkbar. Tag für Tag arbeitete Franz Joseph im Rahmen seiner Kontrollverlustsdepression klafterhohe Aktenstöße durch, signierte, dekretierte im Minutentakt und hielt Amtsstunden, die nur aus Respekt vor dem Fetisch Gottesgnadentum "Audienz" genannt wurden und die in Form und Inhalt ein persönlich vorgetragenes Gebet an die allerhöchste Amtsperson darstellte.

    Der grantige alte Kaiser

    Mit der Transformation Österreichs von der apostolischen Monarchie zur demokratischen Bundesrepublik trat das Volk selbst die Dienststelle als Souverän an. Im kulturellen Gedächtnis der Verwaltung blieb aber der Kaiser oberster Beamter. Er hieß jetzt nur anders: Bundespräsident. Und er wurde nicht von Gottes Gnaden inthronisiert, sondern gewählt.

    Diese Wahl des Bundespräsidenten leistet traditionell zweierlei. Sie bestätigt der Öffentlichkeit, es besteht aus Wahlvolk, Parteien und Presse (und neuerdings der Twitteria), dass das höchste Amt im Staate dem höchsten Geschlecht im Staate zusteht. Nach herrschender Glaubenslehre ist dieses das männliche Geschlecht.

    Wohl haben immer wieder Frauen versucht, Bundespräsident zu werden, gelungen ist ihnen bisher nur, Bundespräsidentschaftskandidatin zu werden. Heide Schmidt konnte Irmgard Griss viele Strophen dieses alten Lieds vorsingen.

    Kommen wir zum zweiten Aspekt einer Bundespräsidentschaftswahl. In ihm finden jene Befindlichkeiten ihren Ausdruck, die das Gefühl betreffen. Der Bundespräsident soll (so das ungeschriebene Gesetz) Franziskojosephinizität ausstrahlen.

    Wir erinnern uns: Der grantige alte Kaiser im blauen Galarock war vor allem eines: Staatsnotar und Dekretsignierer. Mit tattrigem Nuscheln und einer ans Ewigliche kratzenden Langsamkeit erfüllten Franz Jonas und Rudolf Kirchschläger diese Vorgaben fast idealtypisch.

    Greis und Vollösterreicher

    Auch der reitende UNO-Monarch Kurt Waldheim trat als Greis und Vollösterreicher an, zudem konnte er sich genau erinnern, woran er sich nicht erinnern konnte. Das sprach einer Mehrheit der Österreicher aus dem Herzen. Die Antwort aus dem Dilemma der Frühveralzheimerung der Staatsspitze war Thomas Klestil, Straßenbahnersohn aus Erdberg und gelernter ambactus, Diplomat.

    In seiner sichtbaren Wut über Zustände und Entwicklungen fanden sich auch Nichtbürgerliche wieder. Klestil etablierte die nach unten zeigenden Mundwinkel als Präsidialsignum, erfand die Präambel und gefiel sich und der Opposition im Ablehnen von Ministern.

    Heinz Fischer schließlich war Mahner und Abwiegler in einem, Distanzakrobat und Händeschüttler, Sphinx und Klarträumer, kurz Sozialdemokrat der alten Schule. Es wunderte nicht, dass der nächste Bundespräsident nicht allzu sehr aus der Reihe seiner Vorgänger tanzte. Bart, Grant, Nuscheln, Langsamkeit. Alles sprach für Alexander Van der Bellen.

    In einer das Amt vollständig ausfüllenden Unantastbarkeit hat sich der in Wahl, Stichwahl und Stichwahlwiederholung gekürte Professor zur Letztinstanz über alle Entscheidungen gewandelt. Sogar grausamste politische Gegner knicksen mittlerweile in Demut vor der Grundgütigkeit seiner bundespräsidialen Administrativhandlungen.

    Alexander Van der Bellen I. ist schon jetzt der beliebteste UHBP der Geschichte. Es darf uns nicht wundern, dass der Republikmonarch auf das Stolpern der Regierung aus Freischaffenden und Kompetenzagnostikern mit der Einsetzung von "Experten" antwortete. Das Parlament erkannte die Zeichen der Zeit und rief die Beamten in Erinnerung. Sie waren immer schon die wahren Regenten des Landes. (Andrea Maria Dusl, 31.5.2019)

    Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin, Zeichnerin und Autorin und lehrt an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

    cover: metroverlag

    Andrea Maria Dusl, "Wien für Alphabeten, Wunderwelt von A–Z, mit 52 Schaubildern der Autorin". 19,90 Euro / 192 Seiten. Metroverlag, Wien 2019

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