George Minne: Gefragter Bildhauer anno 1900

    2. Juni 2019, 12:00
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    Sein typisch asketischer Stil beeinflusste die Wiener Moderne und war bei Sammlern sehr begehrt. In Wien gelangt nun eine Kollektion zur Auktion

    Einer, dessen Werk für die Entwicklung der Wiener Moderne unverkennbar eine Rolle spielte, geriet hierzulande nahezu in Vergessenheit: George Minne, ein belgischer Bildhauer, bekannt für seinen charakteristischen Hang zu eigentümlich herber Ästhetik, die bei der Avantgarde Anklang fand.

    Im Zuge der 128. Kunstauktion gelangt am 17. Juni beim Auktionshaus "im Kinsky" in der Sparte Jugendstil eine in Umfang nicht nur für Österreich außergewöhnliche Sammlung von Werken des Künstlers aus einer deutschen Privatsammlung zur Versteigerung: 18 Skulpturen sowie 34 Skizzen und Entwurfszeichnungen, an denen die Connaisseurs im Umfeld der Secessionisten einst wohl ihre Freude gehabt hätten.

    Sein Wien-Debüt gab George Minne von November 1900 bis Jänner 1901, als ihm die Secession im Rahmen der achten Ausstellung einen eigenen, von Koloman Moser gestalteten Saal widmete: zwölf Skulpturen zeigte man dort, vorwiegend aus Bronze, sowie das Gipsmodell eines Brunnens.

    Diese Fontaine war das zentrale Hauptwerk, dessen Basis laut Kunsthistorikerin Marian Bisanz-Prakken nach schriftlichen Anweisungen Minnes in Wien angefertigt worden war. Auch die fünf den Brunnenrand zierenden knienden männlichen Figuren waren nach einer Gussform Minnes in Wien aus Gips produziert worden. Später sollte der Brunnen in Marmor (1905/06, Folkwang-Museum Essen) sowie in Bronze (1930/38, Gent) ausgeführt werden.

    foto: reproduktion aus ver sacrum
    Sein Wien-Debüt gab Georg Minne im Zuge der 8. Ausstellung der Secession (November 1900 bis Jänner 1901): Hauptwerk war der Brunnen, der später in Marmor (Folkwang Museum Essen) und in Bronze (Gent) ausgeführt wurde.

    Für die Ausstellung in der Secession hatte Moser einen runden Raum konzipiert, der den sakralen Charakter des Ensembles gleich einer Kapelle betonte und seine Wirkung nicht verfehlte. "Man meint auf den ersten Blick altgotische Denkmäler zu sehen, so asketisch, so unfleischlich, so nur durch Empfindung sind lebendig seine Gestalten", fasste Berta Zuckerkandl den "mystisch-rätselvollen Eindruck" der Komposition in Worte.

    Röhrenknochen und Muskelschwund

    Eine Meinung, der sich andere Feuilletonisten nicht anschließen konnten. Etwa Balduin Groller (Pseudonym für Adalbert Goldscheider), der im Neuen Wiener Journal ein "bedenkliches Armutszeugnis" ortete, insbesondere die Figuren betreffend: "Ein zum Skelett abgemagerter Knabe kreuzt die Arme auf der Brust so, dass er die Hände auf den Schultern ruhen lässt. Das Kind ist direkt aus dem Spitale geholt, ein erbarmungswürdiger Anblick!"

    Noch deutlicher formulierte es Ludwig Hevesi, selbst Förderer der Wiener Secession: Seit dem Mittelalter sei "keine solche dürre, grätige, eckige Asketenplastik gemacht worden", die Gestalten bestünden "größtenteils aus Röhrenknochen und Muskelschwund", nur deshalb sei es ihnen überhaupt möglich, sich in dieser Weise selbst zu umarmen. Im Knien seien sie wiederum "Spezialisten, sie sind dazu geboren und stammen von Büßern ab, die auf den Knien heilige Berge emporrutschten".

    Die damalige Wiener Sammler-Community ließ sich von solch bissigen Kommentaren nicht beeindrucken. Zu den emsigsten Sammlern gehörte der Industrielle und Mitbegründer der Wiener Werkstätte Fritz Waerndorfer.

    Der Überlieferung nach sollen sich in dessen Kollektion elf Minne-Skulpturen in Stein und Marmor sowie Skizzenbücher, Zeichnungen und Buchillustrationen befunden haben. Darunter war auch die um 1898 entworfene Marmorgruppe Solidarité (Fraternité), die 2012 nach Wien zurückkehrte und via "im Kinsky" für stattliche 180.000 Euro (exkl. Aufgeld) den Besitzer wechselte.

    foto: leopold museum wien / manfred thumberger
    Im Bestand des Leopold Museums befindet sich ebenfalls eine Gipsversion des "knienden Jünglings". Ob es sich um jene handelt, die einst im Besitz von Carl Moll war, ist unbekannt: die Provenienzgeschichte der Skulptur wurde noch nicht erforscht

    Zu den gefragtesten Werken gehörte aber rückblickend der kniende Jüngling, den George Minne in verschiedenen Größen und Materialien produzierte. In den Besitz des Zuckerfabrikanten Ferdinand Bloch-Bauer wanderte einst ein marmornes Paar, das bis zur NS-Zeit das Stiegenhaus des Palais in der Elisabethstraße zierte. 2007 wurden die Skulpturen vom Belvedere an Maria Altmann restituiert, die sie Ronald Lauder (Neue Galerie New York) überließ.

    Einfluss auf Wiener Moderne

    Der Künstler Carl Moll, der im Dezember 1905 in der Galerie Miethke eine Präsentation von Minne-Werken organisierte, besaß wiederum eine Gipsvariante, die auch in einem Interieur-Bild aus dem Bestand der Galerie der Akademie der bildenden Künste dokumentiert ist, das Moll am Schreibtisch sitzend und die Skulptur auf einer Kommode stehend zeigt.

    foto: gemäldegalerie der akademie der bildenden künste
    Carl Molls "Selbstbildnis im Atelier" (um 1906) gastiert derzeit als Leihgabe im Leopold Museum. Hier ist auch jene Gipsvariante des Knienden zu sehen, die Moll einst besaß.

    Das Gemälde aus dem Jahr 1906 gastiert derzeit (bis 2024) im Leopold Museum, begleitet von einer weiteren Gipsfassung aus dem hauseigenen Bestand. Ob es sich dabei um jene aus einstigem Moll-Besitz handelt? Man weiß es nicht, denn die Provenienzgeschichte dieser Skulptur wurde bislang noch nicht erforscht.

    Gesichert ist, dass der hager stilisierte, kniende Jüngling zum berühmtesten Werk Minnes avancierte. Seine Ästhetik beeinflusste beispielsweise Gustav Klimt bei der "Entfaltung eines neuartigen, überschlank stilisierten Figurentypus" und der ihm eigenen "geometrisierenden, eckig betonten Gestik", erläutert Bisanz-Prakken. Als allegorische Figur Mitleid, in der ausgemergelten Gestalt des Nagenden Kummers tauchen sie 1902 in Klimts Beethovenfries auf.

    Auktionsrekord 2001

    Auch die frühen expressionistischen Arbeiten von Egon Schiele und Oskar Kokoschka waren von Minne beeinflusst, betont Bisanz-Prakken in einem 2011 von den Kunsthändlern Wienerroither & Kohlbacher (Wien, New York) publizierten Katalogbeitrag. Anlass war eine um 1901 in Marmor ausgeführte Fassung des knienden Brunnenjünglings, die das Händlerduo bei der Tefaf-Kunstmesse in Maastricht offerierte und schließlich für 950.000 Euro in eine griechische Sammlung verkaufte.

    International sind George Minnes Skulpturen sehr gefragt, gelangen jedoch nur sporadisch über Auktionen auf den Markt. Der vorläufige Auktionsrekord datiert aus dem Jahr 2001 (Phillips, De Pury & Luxembourg, New York) und lag bei umgerechnet 335.000 Euro (exkl. Aufgeld) – für eine knapp 80 cm hohe Marmorversion des Knienden, der sich in unterschiedlichen Fassungen vier weitere Male unter den zehn höchsten Minne-Auktionsergebnissen findet.

    Darunter zwei ehemalige Kinsky-Schützlinge: Eine Gipsversion erzielte netto 80.000 Euro (2006), eine Marmorausführung 75.000 Euro (2014). Für den nun zum Aufruf gelangenden Kollegen in Bronze sollten Interessierte wenigstens 40.000, wenn nicht 50.000 Euro bereithalten. (Olga Kronsteiner, 1.6.2019)

    foto: wienerroither & kohlbacher
    2011 publizierten die Kunsthändler Wienerroither & Kohlbacher den von Marian Bisanz-Prakken verfassten Beitrag zu "Georg Minne und die Wiener "Moderne" um 1900"
    • Georg Minnes Entwurf des knienden Jünglings datiert von 1898 und wurde später in verschiedenen Materialien und Größen produziert: eine bronzene Version gelangt nun zur Versteigerung (Schätzwert 30.000 bis 50.000 Euro)
      foto: im kinsky / hubert zierhofer

      Georg Minnes Entwurf des knienden Jünglings datiert von 1898 und wurde später in verschiedenen Materialien und Größen produziert: eine bronzene Version gelangt nun zur Versteigerung (Schätzwert 30.000 bis 50.000 Euro)

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