Wird die kalte Fusion doch noch einmal heiß?

    Video31. Mai 2019, 06:00
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    1989 behaupteten Forscher, dass Kernfusion im Reagenzglas möglich sei. Der damalige Irrtum wird neu überprüft – mit Google-Unterstützung

    foto: science photo library / picturedesk.com
    Martin Fleischmann (links) und Stanley Pons wollten 1989 in solchen Reagenzgläsern mittels kalter Kernfusion Energie erzeugt haben.

    Vor ziemlich genau 30 Jahren, am 23. März 1989, fand eine der legendärsten Pressekonferenzen der Wissenschaftsgeschichte statt. An diesem Tag traten Martin Fleischmann und Stanley Pons (University of Utah) vor die Öffentlichkeit und verkündeten, dass ihnen eine einfache und saubere Lösung für die Energieprobleme der Menschheit gelungen sei, nämlich die kalte Fusion.

    stevenkrivit

    Eine Fusion von Atomkernen findet normalerweise nur bei extrem hohen Temperaturen und gewaltigem Druck statt – wie in unserer Sonne und den anderen Sternen. Doch das Forscherduo behauptete, dass es auch auf elektrochemischem Weg und mittels einer Palladium-Elektrode möglich sei, in einem einfachen Reagenzglas bei Raumtemperatur Wasserstoff-Isotope zu verschmelzen – inklusive der Abgabe von Gammastrahlen und der Erzeugung von Wärme.

    grafik: theresa knott / wikimedia
    Schematische Darstellung der elektrochemischen Zelle, mit der kalte Fusion angeblich erzeugt wurde.

    Etwas Ähnliches glaubte der österreichische Chemiker Friedrich Paneth 1926 entdeckt zu haben, ehe er selbst eine bessere Erklärung für die Erzeugung der zusätzlichen Helium-Atome fand. Doch Fleischmann, der als angesehener Elektrochemiker galt, und sein Mitarbeiter Pons traten bei ihrer Pressekonferenz anscheinend so überzeugend auf, dass auch die führenden US-Nachrichtenmagazine der vermeintlichen Weltsensation Titelgeschichten widmeten.

    Euphorie und Enttäuschung

    Natürlich war auch die Fachöffentlichkeit elektrisiert, und obwohl Pons und Fleischmann nur wenige Einzelheiten über ihren Versuchsaufbau verrieten, machten sich hunderte von Chemikern und Physikern in aller Welt daran, um die vagen, aber umso sensationelleren Behauptungen zu überprüfen. Einige Labors schienen bei der Replikation sogar erfolgreich zu sein.

    foto: times. newsweek, business week
    Einger der US-Magazincovers aus dem Frühjahr 1989.

    Doch bereits im Mai 1989 wurden bei einer Tagung der Electrochemical Society in Los Angeles ernste Zweifel an den Behauptungen laut. Und im November 1989 kam schließlich eine vom US-Energieministerium eingesetzte Kommission zum Schluss, dass die gegenwärtigen Hinweise auf die Entdeckung einer kalten Fusion nicht überzeugend seien.

    Damit flaute die Euphorie um die kalte Fusion in der Fachwelt rasch wieder ab. Sie wurde vielmehr zum Beispiel für pathologische Wissenschaft, bei der aufgrund von Wunschdenken ein behauptetes Phänomen – zumindest eine Zeit lang – ernst genommen wird.

    Fortsetzung der Versuche

    Die kalte Fusion erwies sich freilich als besonders hartnäckiger Fall. Nicht nur Fleischmann und Pons, die von der University of Utah geschasst worden waren, setzen die Experimente – etwa finanziert von Toyota – fort. Viele andere Forscher taten es ihnen gleich. Gemeinsam war ihnen, dass sie bis heute keine konkreten Ergebnisse vorlegen konnten.

    Doch wie man spätestens diese Woche im Fachblatt "Nature" nachlesen konnte, interessiert sich seit einigen Jahren auch Google für das umstrittene Phänomen: Der Technologiekonzern finanzierte ein Forscherteam um Curtis Berlinguette (University of British Columbia in Vancouver) seit 2015 mit zehn Millionen Dollar, um die kalte Fusion noch einmal systematisch zu untersuchen.

    foto: chemical & engineering news
    Das Fachblatt Chemical & Engineering News. herausgegeben von der American Chemical Society, berichtete 2016 von der Wiederaufnahme der Experimente.

    Neue seriöse Überprüfungen

    Die aus 30 Forschern bestehende Gruppe hatte in den vergangenen Jahren mehrere Experimente durchgeführt, deren Ergebnisse sie nun in "Nature" vorstellte – nicht als Fachartikel, sondern als "Perspektive". Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Auch diese Forschergruppe konnte bei Experimenten mit elektrochemischen Zellen, wie sie 1989 vorgeschlagen worden waren, keine Hinweise auf den sogenannten Fleischmann-Pons-Effekt finden.

    Trotz dieser erwartbaren Ergebnisse halten sie weiterführende Experimente für notwendig: Es gebe nämlich noch eine Vielzahl von Parametern, die untersucht werden müssten, schreiben die Forscher in Nature.

    Das führte zu geteilten Reaktionen: Der Elektrochemiker Michael McKubre etwa, der selbst seit langem an der kalten Fusion forscht, begrüßte die neue seriöse Diskussion. Der Physiker Frank Close (Oxford University) hingegen, der dazu beigetragen hat, Fleischmann und Pons zu widerlegen, hält die Experimente für unnötig: Nur weil man nicht in der Lage sei, das behauptete Phänomen vollständig auszuschließen, müsse man es nicht weiterverfolgen. (Klaus Taschwer, 30.5.2019)

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