Wie Aktivisten die Bilder NS-Überlebender schützen

    Video28. Mai 2019, 23:10
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    In Wien passt nun rund um die Uhr eine spontan organisierte Mahnwache auf die Porträts von NS-Überlebenden auf. Vandalismus gab es auch am Dienstag

    Wien – Links und rechts vom Wiener Burgtor, am Zaun zum Heldenplatz, ist seit Montagabend je ein Zelt aufgestellt – für die Aktivisten, die einander im Rahmen einer spontan organisierten Mahnwache in Schichten ablösen.

    Neben den Zelten, Seite an Seite, stehen die über 90 Porträts NS-überlebender Menschen des deutsch-italienischen Fotografen Luigi Toscano aus dessen Ausstellung Gegen das Vergessen.

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    Freiwillige wollen zerstörte Holocaust-Bilder bewachen

    Auf sie passen die Citycampierer vom Performancekolletiv Nesterval, der Young Caritas, der Muslimischen und der Katholischen Jugend Österreich sowie der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen auf – und zwar rund um die Uhr, nachdem unbekannte Täter in der Nacht auf Montag sieben Fotografien mit Messern zerfetzt haben. Nach Messerschnitten und Hakenkreuzbemalungen war das der bereits dritte Angriff auf die Bilder, seit die Schau in Wien Anfang Mai eröffnet wurde.

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    Im Video vom Montag zeigt sich Fotograf Luigi Toscano erschüttert über die Schändung seiner Bilder

    Zigarette auf Bild ausgedämpft

    Vandalismusvorfälle gibt es auch am Dienstag: "Auf einem Bild am Ende der Reihe hat jemand eine Zigarette ausgedämpft, direkt unterhalb eines Auges", meldet eine Dame den Nesterval-Leuten, die sich unter einem Zeltdach vor dem strömenden Regen schützen. "Wie man so etwas tun kann, ist mir ein Rätsel", sagt das Nesterval-Mitglied Martin Finnland.

    "Nach 17 Monaten Türkis-Blau" mit etlichen rechtsextremen sogenannten Einzelfällen hätten manche "wohl das Gefühl, dazu berechtigt zu sein", sagt er.

    Groß sei aber auch die seit Montag bekundete Solidarität für Ausstellung und Mahnwache, sagt Alice Uhl, Leiterin der Young Caritas. Menschen kämen vorbei, um ein Zeichen zu setzen. Tatsächlich liegen auf dem Boden vor jedem Porträt inzwischen Blumen. Andere haben die zerfetzten Bilder wieder instand gesetzt, mit Nadel und Faden. Die entstandenen Nähte sind nur aus der Nähe sichtbar.

    Einfach reden

    Außerdem – so Uhl – hätten Ausstellungsbesucher und Passanten den Aktivisten "Unmengen von Essen und Trinken" vorbeigebracht. Mancher wiederum wolle "einfach reden" und nehme auf einem der Campingstühle Platz.

    "Der Antisemitismus und die Zerstörungswut wundern mich nicht, nachdem führende Politiker zuletzt offen mit Rechtsextremen sympathisiert haben", sagt etwa ein Mann. Er arbeitet bei der Berufsfeuerwehr und hat "nach seinem Dienst vorbeigeschaut".

    Lob vom Bundespräsidenten

    Dienstagmittag kam hoher Besuch. Bundespräsident Alexander Van der Bellen – er hat den Ehrenschutz der Ausstellung inne – und seine Frau Doris Schmidauer legten Blumen vor einem Porträt nieder. Van der Bellen lobte die Aktivisten: "Sie alle setzen ein starkes Zeichen für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft."

    foto: andy urban
    Präsident Alexander Van der Bellen – neben ihm seine Ehefrau Doris Schmidauer, IKG-Präsident Oskar Deutsch, Alice Uhl (Caritas) und der Fotograf Luigi Toscano (v. re.) – legte Blumen nieder.

    Begleitet wurde der Bundespräsident unter anderem vom Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, dem Fotografen Toscano und von Peter Schwarz, Geschäftsführer des Psychosozialen Zentrums Esra, das die Fotoausstellung initiiert hat. Schon am Montag hatten sich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig und Sozialstadtrat Peter Hacker blicken lassen.

    Tätersuche bislang erfolglos

    Auch die Polizei habe ein genaueres Auge auf die Ausstellung, sagt Uhl: "Die Streife fährt häufig vorbei." Bei der Tätersuche ist die Exekutive hingegen noch nicht weitergekommen: "Keine neuen Erkenntnisse", sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. (Irene Brickner, 28.5.2019)

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