Die SPÖ und ihre Kommunikationsprobleme: Leid im Bild

    29. Mai 2019, 11:06
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    Ein Parteimanager, dem das Auto davonfährt. Ein düsteres Interview. Bilder vom Mauscheln mit den Freiheitlichen im Parlament. Die SPÖ leistete sich einige bildpolitische Patzer

    Christian Kern hatte sie zumindest am Anfang auf seiner Seite. Hatte sie genutzt, mit ihr gespielt, sichtlich Freude daran gehabt. Dann entschwand sie ihm langsam: die Macht der Bilder. Unter Pamela Rendi-Wagner als Parteichefin scheint sie der SPÖ ganz abhandengekommen zu sein. Die Sozialdemokraten leistete sich in den vergangenen Tagen der politischen Turbulenz einige bildpolitische Hoppalas.

    1. Der Bundesgeschäftsführer schnippt seinem Chauffeur hinterher

    Thomas Drozda ist gerade dabei, Journalisten im Vorbeigehen zu erklären, dass die Sozialdemokraten sich mit dem Misstrauensantrag gegen Sebastian Kurz (ÖVP) keine Koalitionsmöglichkeiten verspielt hat – da sieht der Bundesgeschäftsführer der SPÖ aus dem Augenwinkel, dass die schwarze Limousine davonfährt. Die schwarze Limousine, in der er sitzen sollte. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner und Kommunikationschef Stefan Hirsch sitzen längst auf der Rückbank. Drozda läuft zum Wagen, ruft "Hey! HEY!", schnippt ein paar Mal in Richtung Fahrer und schüttelt fassungslos den Kopf. Dem Parteimanager ist das Auto davongefahren. Er versucht, die peinliche Szene wegzulächeln, doch es nutzt nichts: Sie ist auf Band und wird wenige Stunden später im ORF-Report ausgestrahlt.

    screenshot orf

    Jetzt könnte man sagen: Was soll's, es ist ja nur eine ungünstige Szene. Was zählt, sind doch die Inhalte. Oder nicht? "Wir wissen, dass 90 Prozent des Inhalts über nonverbale Kommunikation vermittelt werden", sagt der Kommunikationsexperte Yussi Pick. Bei den Roten fehle in dieser Hinsicht "ganz viel von den Basics", sagt er. Eines dieser Basics: Eine klare Botschaft haben. Aus seiner Sicht hat es die SPÖ in der Woche vor dem Misstrauensantrag schlicht keine eindeutige Linie gehabt. Das könne die beste PR nicht kompensieren: "Kommunikation kann nicht überschatten, dass es keine Position gibt." Dazu kämen dann eben Pannen wie Sonntagabend, wo der rote Klubchef Jörg Leichtfried live bei Im Zentrum vom Präsidiumsbeschluss für den Misstrauensantrag informiert wurde – und zwar von Moderatorin Claudia Reiterer, nicht von seiner Partei.

    2. Die Parteichefin gibt ein Fernsehinterview im Dunkeln

    Am Abend zuvor gab Parteichefin Rendi-Wagner der ZiB 2 ein düsteres Interview. Im Finsteren stand Pamela Rendi-Wagner auf dem Heldenplatz, notdürftig beleuchtet, das schwarze Mikrofon mit beiden Händen fest umklammert. Dahinter, mit einigem Sicherheitsabstand und mit wenig Licht bedacht, standen weitere Mitglieder des Parteipräsidiums – offenbar, um Geschlossenheit zu demonstrieren. Da war gerade entschieden worden, dem Kanzler das Misstrauen auszusprechen. Für eine Oppositionspartei ein erklärbarer, vielleicht sogar ein selbstverständlicher Akt, der Österreich laut SPÖ nicht ins Chaos stürzt. Rendi-Wagner ließ es durch das selbst ausgesuchte Interviewsetting wirken wie eine Grabrede auf die Republik.

    scrennshot/orf

    Pick kann sich vorstellen, wie so etwas passiert: Nach einer langen Sitzung stellt man sich "noch schnell" für das Interview zur guten Sendezeit hin. Die Idee, Parteifreunde hinter sich zu stellen, sei zwar im Grunde gut. "Aber dann muss man sich auch die Zeit nehmen, gutes Licht zu finden." Abgesehen davon sei es für Rendi-Wagner unangenehm, aus dem Dunklen quasi ins Nichts zu sprechen. "Das ist ein Szenario, dem man sich nicht unbedingt aussetzen muss", findet Pick.

    3. Thomas Drozda mauschelt im Parlament mit Herbert Kickl

    Der Ex-Innenminister und jetzige blaue Klubobmann nickt Thomas Drozda von seinem Abgeordnetenplatz aus zu, deutet mit dem Daumen auf die Seite des Plenarsaals. Dann gehen die beiden gemeinsam dorthin, durch die Zuschauertribüne fast geschützt vor den Linsen der ORF-Kamera. In der dunklen Ecke sprechen die beiden.

    screenshot/orf

    Eigentlich ein normales Bild: Abgeordnete zweier Parteien stellen sich während einer Nationalratssitzung zusammen, um etwas zu besprechen. Doch es fällt auf fruchtbaren Boden für die Erzählung, die die ÖVP seit vergangener Woche schon verbreitet: Dass sich eine rot-blaue Koalition bilde – auch, wenn alle Parteien ständig in wechselnden Kombinationen gemeinsam für Anträge stimmen. "Sie hätten auch über das Wetter reden können", sagt Pick, "trotzdem bleibt hängen: Da gibt es Absprachen." Das liege am erfolgreichen "Framing" der ÖVP.

    Hinzu kommt, dass die SPÖ mittlerweile eine Rolle eingenommen hat, die in der Politikwissenschaft mit "Sure Loser", sicherer Verlierer, betitelt wird: Sie befindet sich in einer Abwärtsspirale und wird auch so wahrgenommen. Dann wird auch in Medien vermehrt über Fehler berichtet: ungünstige Entscheidungen, interne Konflikte und missglückte Bildpolitik – siehe dieser Artikel. Gleichzeitig sieht etwa Experte Pick "umso mehr" eine Chance für die SPÖ in der insgesamt chaotischen Situation, "jetzt das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen". (Sebastian Fellner, 29.5.2019)

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