US-Polizeibehörden nutzen zusehends Daten privater DNA-Tests

    30. Mai 2019, 11:00
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    Das FBI verwendet diese Daten für Fahndungserfolge, Österreichs Bundeskriminalamt schließt dagegen so etwas aus

    Kommerzielle DNA-Tests boomen. Zahlreiche TV-Werbespots, Fernsehsendungen und Online-Werbebanner machen seit einigen Jahren auf die immer zahlreicheren Firmen aufmerksam, die einfache Kits für den Gebrauch daheim anbieten. Das Kostenspektrum rangiert dabei meist nur mehr zwischen 50 und 100 Euro. Eine kleine Speichelprobe beziehungsweise oftmals gar nur ein Wangenabstrich reichen dafür.

    Nach knapp einem Monat können die Menschen online ihre ausgewerteten Daten einsehen und mehr darüber herausfinden, woher sie stammen könnten und welche Wanderbewegungen ihre Ahnen vielleicht vollzogen. Einige Firmen werben mittlerweile gar damit, in der Familie vorkommende Erbkrankheiten ausfindig machen zu können. Auch der perfekte Wein zur persönlichen DNA ist mittlerweile scheinbar etwas, mit dem sich Leute zu DNA-Tests locken lassen.

    Schätzungen zufolge haben bereits 26 Millionen Menschen in den USA einen vergleichbaren DNA-Test gemacht. Die "MIT Technology Review" rechnet damit, dass diese Zahl binnen der nächsten zwei Jahre auf mehr als 100 Millionen Menschen ansteigt. Genaue Daten für Europa sind nicht bekannt. Klar ist aber, dass immer wieder mit royaler Abstammung als möglichem Ergebnis eines Tests geworben wird.

    Praktischerweise kann man sich bei der Auswertung solcher Tests auch gleich ansehen, wer die bisher unbekannten Cousins dritten Grades oder Großtanten aus Übersee sind – sofern andere dieser Funktion ebenfalls zustimmten. Dass diese riesigen Gen- und Datenpools eine potenzielle "Goldgrube" im Falle kriminalpolizeilicher Ermittlungen sind, um zu Fahndungsergebnissen zu kommen, erkannte vor knapp zwei Jahren auch das amerikanische FBI.

    Golden-State-Killer

    Bereits bei der Suche nach dem berüchtigten Golden-State-Killer, der in den 1970ern und 1980ern mindestens zwölf Menschen umbrachte und viele weitere vergewaltigte, konnten die Kriminalbehörden dank der kostenlosen Genealogie-Datenbank GEDmatch einen erstaunlichen Ermittlungserfolg erzielen. Einige der rund 900.000 DNA-Profile, die sich damals in der Datenbank befanden, ähnelten dem des mutmaßlichen Täters so sehr, dass gemeinsame Ur-Ur-Ur-Großeltern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckt werden konnten. Monatelangen Familienstammbaumforschungen resultierten schließlich in der Identifizierung des Täters mit hundertprozentiger DNA-Übereinstimmung sowie dessen Festnahme im April 2018.

    foto: apa/afp/claudio reyes
    Ein handelsübliches DNA-Kit für zu Hause, wie es sich jeder für unter 100 Euro mit wenigen Klicks kaufen kann.

    Gegenüber "BuzzFeed" bestätigte schließlich auch die private US-Datenbankfirma Family Tree DNA, dass es mindestens seit Herbst 2018 eine stille Kooperation mit dem FBI gebe, wonach man das Erfolgsrezept weiterverfolge und bestimmte DNA-Proben in das System einspeise und abgleiche. Mehr als zwei Dutzend Kriminalfälle wurden so schon gelöst. Brisant daran: Die meisten Nutzer wussten bis dahin nicht, dass ihre Daten für solche Zwecke verwendet werden könnten. Erst im Nachhinein informierte man die Nutzer über die Änderung in den Datenschutzrichtlinien.

    Datenschutzfragen

    Der Präsident des Mutterkonzerns Gene by Gene rechtfertigte das Verhalten von Family Tree DNA damals damit, dass die Ermittler wie jede andere Person ein Profil erstellen und Daten einspeisen könnten. So können sie etwaige Verwandschaftsverhältnisse nachvollziehen. Außerdem könnte jeder Nutzer und jede Nutzerin die Funktion "Gefunden werden" unterdrücken, was jedoch dem gesamten Firmenkonzept widerspräche – geht es schließlich doch genau um dieses "Finden und gefunden werden". Später bot man scheinbar jedoch eine Option an, die ein Opt-out für den Fall ermöglicht, dass ein Verwandter bei solchen Suchen nach etwaigen Mördern auftaucht.

    myheritage
    Eine Unmenge an Youtubern, aber auch zahlreiche Prominente wie diese Fußballlegenden, fungieren immer wieder als Testimonials für große DNA-Analysefirmen wie My Heritage.

    Das FBI hat scheinbar dennoch die Möglichkeit, Rohdaten von anderen kommerziellen Plattformen runterzuladen und dann mit öffentlich zugänglichen Portalen wie GEDmatch abzugleichen.

    Die Firmen reagierten auf die teils heftige öffentliche Kritik ihrerseits damit, dass es doch nur zu befürworten sei, wenn Morde, Gewaltverbrechen und Sexualdelikte eher aufgeklärt würden – was kaum jemand dementiert. Dennoch befürchten Datenschützer eine stetige Ausweitung solcher Methoden, sodass eines Tages vielleicht auch schon viel weniger dramatische Delikte per DNA ausgeforscht werden beziehungsweise die Diskriminierung aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie wieder verstärkt werden könnte.

    Zahlreiche Ausnahmen

    In den Datenschutzrichtlinien von My Heritage, das unter anderem damit wirbt, über 3,5 Milliarden Profile, 104 Millionen Nutzer und 46 Millionen Stammbäume zu verfügen, heißt es in den Datenschutzbestimmungen, dass keinesfalls die von "unseren Nutzern zur Verfügung gestellten personenbezogenen Daten verkauft, lizenziert oder anderweitig an Werbetreibende, Sponsoren, Partner oder andere Dritte weitergegeben" werden.

    ancestry deutschland
    Das Datenschutzvideo von Ancestry.

    Ausnahmen gebe es jedoch für den Fall, dass solch ein Auskunftsbegehren "gesetzlich vorgeschrieben" sei oder von "Regulierungsbehörden, Rechtsverfahren oder zum Schutz der Rechte oder des Eigentums von My Heritage oder anderen Nutzern (auch außerhalb Ihres Wohnsitzlandes)" angefordert werde. Auch "um Betrug oder Cyberkriminalität zu verhindern" könnte DNA weitergegeben werden, heißt es etwas kryptisch. Sollte das Unternehmen eines Tages verkauft werden, würden "personenbezogene Daten selbstverständlich zu einem der übertragenen Vermögenswerte". Dennoch erlauben die meisten DNA-Testfirmen eine Löschung der Daten und eine Vernichtung der Speichelprobe.

    Beim Konkurrenten Ancestry heißt es diesbezüglich, dass man, wenn man zu einer Offenlegung personenbezogener Daten "gegenüber den Vollstreckungsbehörden verpflichtet" sei, das Möglichste tue, die Kunden im Vorfeld darüber zu informieren, sofern dies nicht gesetzlich untersagt sei. Für eine Übernahme gelten die gleichen Bedingungen wie etwa bei My Heritage: Man sieht sich dann einfach nicht mehr als zuständig. Hinsichtlich der europäischen Datenschutzgrundverordnung fühlt man sich bei Ancestry durch die explizite Einwilligung der Kundschaft gut abgesichert. Alle personenbezogenen Daten, die man seitens des Unternehmens nur nutze, um "berechtigten Interessen" nachzukommen, könnten auf Wunsch aber widerrufen werden, heißt es auf der Homepage.

    Lage in Österreich

    Seitens des österreichischen Bundeskriminalamts heißt es zu dem Thema, dass solche Datenbereitstellungen oder Nutzungen rechtlich verboten seien und deshalb absolut unmöglich wären. DNA-Daten aus den nationalen Datenbanken würden ausschließlich nach den Bestimmungen des Sicherheitspolizeigesetzes verarbeitet, betont Bundeskriminalamtssprecher Vincenz Kriegs-Au. Dies erfolge aber "ausschließlich zur Klärung und Verhinderung von Straftaten, die mit mindestens einjähriger Freiheitsstrafe bedroht sind".

    Abgesehen vom nationalen Datenbanksystem würde man nur in absoluten Ausnahmesituationen und in sehr eingeschränktem Umfang auf andere Quellen zugreifen, etwa zur Identifizierung von Unfall- und Katastrophenopfern oder zur Vermisstenidentifizierung. "In keinem Fall würden derartige Daten an private Firmen bereitgestellt werden. Das Bundeskriminalamt würde auch keine Daten von privaten Firmen in unseren Datenbanken verarbeiten", betont Kriegs-Au.

    Fragwürdigkeit solcher Tests

    Dennoch sollte Vorsicht geboten sein. Jeder Person, die solch einen Test in Erwägung zieht, muss klar sein, dass ihre DNA-Daten womöglich eines Tages in Händen landen, die man nicht beabsichtigt hatte. Im Falle einer Insolvenz oder einer Übernahme etwa kann mit dem nötigen Kleingeld jeder eine gewaltige Menge an personenbezogenen Daten erwerben und grundsätzlich damit sehr viel machen.

    Auch kommen von Wissenschaftern ganz allgemein immer wieder erhebliche Zweifel an der Validität solcher DNA-Tests. "Die zur Referenz benutzten Bevölkerungsproben sind limitiert, die darauf angewendeten ethnischen Kennzeichnungen sind fragwürdig und repräsentieren nur selten wahre Proben einer bestimmten Bevölkerungsgruppe", urteilte etwa das University College London. Meist geht es nur um ungefähre Schätzungen. Wer glaubt, hundertprozentige Antworten mit detailgenauen geografischen Zuordnungen zu bekommen, wird meist enttäuscht. Zudem beweisen zahlreiche Tests im Internet, dass verschiedene Firmen regelmäßig zu recht unterschiedlichen Ergebnissen kommen. (Fabian Sommavilla, 28.5.2019)

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