Mehr als Spielerei: "Vertigo" im Mumok will die Op-Art rehabilitieren

    28. Mai 2019, 07:21
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    "Eine Geschichte des Schwindels" zeigt produktive Störungen aus fünf Jahrhunderten

    Die Lust an optischen Täuschungen und am Spiel mit der Wahrnehmung ist alt. 1538 entwarf Erhard Schön erotische Szenen und Bauern am Klo. Wer frontal auf die Holzschnitte schaut, erkennt jedoch nichts davon. Erst wenn man mit einem Auge seitlich hinspäht, sammeln sich die breit über das Blatt gezogenen Schlingen und verzerrten Wirbel zu Konturen und Figuren.

    Mit der Op-Art der 1950er und 60er-Jahre hat das nicht direkt zu tun. Die Schau Vertigo. Eine Geschichte des Schwindels schlägt im Mumok dennoch die Brücke. Schwindel darf nämlich zweideutig verstanden werden: einen schwindelt und man wird angeschwindelt.

    Schöns Werke gehören der zweiten Kategorie an, sie sind raffinierte Taschenspielertricks. Tatsächlich schwindelt es einen aber, wenn Almir Mavignier in einem Raster größere und kleinere Punkte in blau und grün eng nebeneinander setzt. Wiederholung und Variation heißen die Zauberworte und ergeben optische Effekte, die einem erst die Augen und dann den Magen umdrehen.

    Löst der Faltenwurf von Marias Mantel in Matthias Grünewalds Verkündigung aus dem frühen 16. Jahrhundert ein ähnliches Flimmern im Betrachter aus wie Bridget Rileys Spiralbild Blaze 450 Jahre später? Nicht ganz. Doch auch Gründewald mehrt den Reiz dieser Ausstellung als höchst unterhaltsamer Wunderkammer.

    Unterhaltsame Wunderkammer

    Auf zwei Ebenen zeigt das Mumok Exponate von 1520 bis 1970. Der Blick zurück dient nicht zuletzt aber auch einer Nobilitierung der Op-Art, die oft abfällig als oberflächlich und effekthascherisch bewertet wird – weswegen viele der ausgestellten Namen kaum bekannt sind. Die Arbeitsthese lautet, die Op-Art sei ein Manierismus der klassischen Moderne, wie es sie bereits früher als verspieltes Anhängsel verschiedener Stile gab. Im Erdgeschoß halten unter anderem zwei Zebras (1932) Victor Vasarelys als Beleg her.

    Obendrein will die Schau zeigen, dass es keine objektive Wahrnehmung gibt. Denn sich vor Werken hin und her bewegend sieht der Betrachter, wie Kippeffekte kommen und gehen, Wirkung erst durch Nähe oder Distanz entsteht.

    Aus dem richtigen Blickwinkel funktioniert das Werk, aus allen anderen verrät es seine Konstruktion. Es erfüllt sich erst im Betrachter. Das unterscheidet Op-Art von illusionistischen oder bloß verwirrend dekorierten Werken wie Piranesis Stich der Via appia von 1756: ihre zugrundeliegenden Tricks lassen sich durchschauen.

    Kapitulieren vor der Fülle

    Francois Morellets Gespinste tragen ihre Auflösung oft sogar im Titel. In Vier Doppelraster legt Morellet vertikale und horizontale Linien übereinander, die von schrägen geschnitten werden. Sie verlaufen in Winkeln von 22,5 und 67,5 Grad, wodurch sie an den Schnittpunkten der übrigen vorbeizielen. Auch sie folgen streng rationalen Gesetzen, wirken dennoch als Störung.

    Apropos Störung. Im oberen Stock rattert es. Videos laufen neben von Motoren betriebenen Objekten. Gianni Colombos Spazio elastico war erstmals 1968 auf der Biennale in Venedig zu sehen. In dem Labyrinth folgt einem Geflecht aus leuchtenden Fäden ein Raum zum Beobachten von Nachbildern. Jesús Raphael Sotos Kammer Metal Vibration indes klirrt weit hörbar, weil der Weg des Besuchers beim Betreten und Verlassen durch hunderte Metallstäbe führt. Nebenan zucken Stroboskoplichter oder wabern psychedelische Videos – die neueste Technik der Zeit.

    Die Werke der Op-Art verweisen auf keine Bedeutung außer sich, stattdessen wird Sehen zum körperlichen Ereignis. Weil das unsere Kontrolle über uns selbst oft aushebelt oder zumindest in Frage stellt, interessierten sich auch Philosophen wie Umberto Eco dafür. Vertigo ist aber schlichterweise auch einfach ein Erlebnis. (Michael Wurmitzer, 27.5.2019)

    Bis 26. Oktober

    Mumok

    • Marina Apollonios Bodenarbeit aus konzentrischen Kreisen.
      foto: mumok/marina apollonio

      Marina Apollonios Bodenarbeit aus konzentrischen Kreisen.

    • Bridget Rileys "Blaze 2" von 1963, das Grät-Muster ist populär im Werk der Künstlerin.
      foto: bildrecht wien/bridget riley, 2019

      Bridget Rileys "Blaze 2" von 1963, das Grät-Muster ist populär im Werk der Künstlerin.

    • Von links Maria, von rechts Jesus: ein Vexierbild aus dem Umkreis von Guido Reni aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
      foto: sammlung werner nekes

      Von links Maria, von rechts Jesus: ein Vexierbild aus dem Umkreis von Guido Reni aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

    • ots

      Videoeinblick in die Ausstellung "Vertio" mit Kuratorenstatements.

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