Morrissey – vom charmanten Exzentriker zum starrsinnigen Rassisten?

    25. Mai 2019, 08:00
    133 Postings

    Am Mittwoch wurde der britische Popstar 60, am Freitag erschien sein neues Album "California Son". Die Chronik eines Fans in sechs Emojis

    foto: facebook

    Als Steven Patrick Morrissey als Sänger von The Smiths 1983 auftauchte, war schnell klar, dass es sich hier um einen Popstar neuen Zuschnitts handelte. Ein scheuer Egozentriker, ein romantischer Zyniker, verwurzelt im Ethos der Working Class ebenso wie in Fantasien, die ihm das klassische Hollywoodkino und seine Stars eingeschrieben hatten. Innerhalb von vier Jahren veränderten The Smiths mit vier Alben das Erscheinungsbild des Insel-Pop und die Leben hunderttausender Fans auf der ganzen Welt. 1987 löste sich die Band aus Manchester auf.

    foto: facebook

    Morrisseys erstes Soloalbum erschien 1988. Auf Viva Hate balancierte er melancholische Großtaten wie Everyday is Like Sunday mit sarkastischen Spitzen gegen eine seiner Lieblingsfeindinnen: Margaret on the Guillotine war seine Art, mit der ihm verhassten britischen Premierministerin Margaret Thatcher schon zu deren Lebzeiten abzurechnen. Der Titel The Queen is Dead des dritten Smiths-Albums zwei Jahre zuvor war da nur einer von vielen Appetizern. Wenngleich das Album musikalisch kein Großereignis darstellte, flogen dem Mann allein schon dafür, dass er weitermachte, die Herzen zu.

    foto: facebook

    Über Morrissey zu lachen war dem Fan nie ganz einfach. Zwar entfuhren dem überzeugten Vegetarier immer wieder sarkastische Ein- und Zweizeiler, die einem durchaus einen Lacher abzuringen wussten, man ist ja selbst zuweilen ein Zyniker. Wirklich lachhaft war lediglich Morrisseys Trotzigkeit, mit der er sich in Relation zur Welt sah und sieht. Der liebevoll Mozza gerufene Star füllte die größten Hallen und Stadien rund um den Globus, sieht sich aber bis heute als Opfer einer großen Verschwörung gegen ihn. Die profane Fehleinschätzung, er werde nicht im Radio gespielt, übersetzte er in große Gesten eines deshalb ewig am Weltschmerz zerbrechenden Künstlers. Doch an unserer Fanschulter war ihm Halt gewiss – wenngleich das Ganze lächerlich war.

    foto: facebook

    Nach mehreren Jahren ohne Veröffentlichung ab 1997, in denen die große Verschwörung gegen ihn aus seiner Sicht dafür gesorgt hatte, dass er nur lächerliche Verträge angeboten bekommen hatte, kehrte er 2004 mit einer musikalischen Großtat zurück. You Are the Quarry zeigte Morrissey 2004 auf dem Zenit seiner Kunst. Das machte einerseits freudig Staunen, gleichzeitig offenbarte sich in Interviews eine revanchistische Sauertöpfigkeit, die bald in die Einbahnstraße der Würdelosigkeit abbog.

    foto: facebook

    Die Qualität von You Are the Quarry hat er nicht wiedererreicht, aber nicht nur künstlerisch ging es langsam bergab. Morrisseys Dogmatismus manifestierte sich musikalisch in platten Rockismen, abseits der Musik in reihenweise provokant-dummen Äußerungen. Chinesen nannte er Untermenschen, und wenn er verbranntes Fleisch rieche, sagte er, hoffe er jedes Mal, es sei menschliches Fleisch. Da lebten sich viele unter erheblichen Trennungsschmerzen mit ihm auseinander, und natürlich legte er nach.

    foto: facebook

    Als Anders Breivik 2011 in Norwegen 76 Menschen ermordete, sagte Morrissey, das sei nichts im Vergleich zu dem, was täglich bei McDonalds passiere. 2017 verstrickte er sich in einem Interview mit dem Spiegel in eine Mischung aus Rassismus, Brexit-Nationalismus und Verschwörungsquatsch – und reagierte beleidigt, als es veröffentlicht wurde. Alles falsch, alle gegen ihn ... – das übliche Opfergewese, wie wir es in der heimischen Politik gerade ebenfalls erleben. Apropos: Zurzeit trägt Morrissey bei TV-Auftritten Anstecker der Nationalisten-Partei For Britain. Manche Plattenläden boykottieren deshalb sein neues Album – Morrissey wird sich im Verschwörungswahn als bestätigt sehen dürfen. Fans fragen sich derweil wieder, was aus This Charming Man geworden ist – so hieß die erste Single der Smiths. (Karl Fluch, 25.5.2019)

    Das neue Album

    California Son ist eine Sammlung vonzwölf Coverversionen von Morrisseys persönlichen Helden. Er interpretiert vornehmlich Sixties- und Seventies-Pop, Songs von Außenseitern wie Tim Hardin, Jobriath oder Phil Ochs, aber auch von Bob Dylan. Die Fremdvorlagen halten den meist viel zu derb spielenden Gitarristen in Morrisseys Band, Boz Boorer, im Zaum, und das ist gut so. An zumindest einem Lied überhebt er sich aber: Morrissey versucht sich an Roy Orbisons "It’s Over" – geht sich nicht aus. Der Rest ist nicht so schlecht, wie man es sich wünschte. (flu)

    • Morrissey hat sich zum 60er mit einem neuen Album beschenkt.
      warner music

      Morrissey hat sich zum 60er mit einem neuen Album beschenkt.

    • morrissey

      "It's Over" von Morrisseys neuem Album. An Roy orbison überhebt sich der Musiker.

    • morrissey

      Für "Lady Willpower" coverte Morrissey Gary Puckett & The Union Gap.

    • morrissey

      "Morning Starship" von Morrisseys neuem Album. Das original stammt von Jobriath.

    • morrissey

      "I Thought You Were Dead" von Morrisseys neuem Album.

    Share if you care.