Streeruwitz-Roman über Türkis-Blaue und einen Kinderkanzler

    29. Mai 2019, 11:40
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    Der Roman "Flammenwand" entstand während der türkis-blauen Kurz-Regierung. Jetzt bekommt er eine neue Lesart

    Dieses Buch ist Teil einer Zeitenwende. Geschrieben wurde Marlene Streeruwitz' jüngster Roman Flammenwand während der türkis-blauen Koalition unter Sebastian Kurz (im Roman: der Kinderkanzler). Veröffentlicht wurde er in Zeiten einer Regierungskrise, die manche eher als Richtigstellung und Befreiung empfinden. Nach Ibiza ist Türkis-Blau passé. Das ändert auch die Wirkung dieses Buches.

    Denn Flammenwand ist ein Roman "mit Anmerkungen". In datierten Kapiteln wird, in personaler Form, dem stakkatohaften Streeruwitz-Sound und teils variierenden Versionen, das Geschehen am 19. März 2018 in Stockholm erzählt, dem Tag der Trennung von Heldin Adele und Gustav. Die Anmerkungen im Anhang geben in nüchtern-journalistischem Tonfall Auskunft über das tagespolitische Geschehen am jeweiligen Tag.

    "Die Kürzungen der Mindestsicherung beträfen vor allem Kinder und nicht 'Ausländer', sagt der scheidende Diakonie-Direktor." Vor allem diesen Teil des Buchs liest man nach dem 17. Mai anders als vorher. Nicht mehr in erster Linie mit Schrecken darüber, was alles bereits möglich war – eher mit Erleichterung, einem Gefühl des Davongekommenseins.

    Das Versagen "der Linken"

    Im Roman selbst entwickelt sich langsam das Geschehen dieses einen Tages: Adele, eine Frau in ihren Fünfzigern, ist mit ihrem Geliebten Gustav nach Stockholm gereist. Es gibt keinen ordentlichen Kaffee in der winzigen Wohnung, die er, ein deutscher Steuerfahnder, der gerne bei Aldi einkauft, angemietet hat. Adele geht welchen besorgen; als sie zurückkehrt, sieht sie "Gustl" das Haus verlassen. Sie folgt ihm, doch sie wird ihn im Laufe des Buchs nicht mehr erreichen.

    Stattdessen entfaltet sich in ihrem Kopf ein Panorama aus politischer, persönlicher und kultureller Geschichte. Der kriegsversehrte Vater, ein Schuldirektor, der den Bruder prügelte, während die Tochter "nur" zuschauen muss. Sprachlos gefangen in seinem Schicksal ist er genauso wie die Mutter, eine verbitterte Hausfrau, unfähig, sich zu befreien, missgünstig gegenüber jenen, denen es gelingt.

    Adele selbst scheint gezeichnet nicht nur von ihrer Kindheit, der autoritär-patriarchalen Erziehung im Elternhaus, durch Schule und Kirche. Sie ist auch zermürbt von der als entfremdet empfundenen Arbeit als Sprachlehrerin an der Wiener Universität, der rechtsnationalen Koalition in ihrem Land, aber auch von einem lärmenden, teuren Dachgeschoßausbau in ihrem Haus.

    Der Alltag scheint eine einzige neoliberale Zumutung zu sein. Auch im Privaten, im Bett, bildet sich die Entfremdung ab: Vordergründig ist Gustavs Impotenz das Problem, doch sie wirkt nur wie eine Chiffre dafür, dass er nicht mit ihr schläft, dass er nichts von sich hergibt, sich nicht einlässt.

    Isoliertes Denken

    Auch die Trennung der beiden vollzieht sich nicht im Dialog, sondern rein durch Vermittlung: Der Anruf einer ehemaligen und mutmaßlich auch aktuellen Geliebten sagt Adele alles. Sie sucht nicht das Gespräch mit Gustav, stattdessen stellt sie im Geist immer feiner ziselierte Verbindungen her zwischen dem Verrat (denn darum geht es letzten Endes: um einen Vertrauensbruch) und der Welt, in dem dieser stattfand: "Konnte sie in so einer Nichtdemokratie so lieben, wie sie es sich gewünscht hatte. Wie sie es betrieben hatte. War die Liebe vom Staat zu trennen. Ihre Person aus den Griffen des Allgemeinen heraußenzuhalten."

    Wie in den Todesarten von Ingeborg Bachmann, die auch einmal genannt wird, sollen die Verhältnisse gezeigt werden, die (vornehmlich Männern) ermöglichen, zu vernichten. Doch anders als bei Bachmann gibt es hier nur eine Perspektive: die der Protagonistin selbst.

    Indem Streeruwitz die personale Erzählweise verwendet, indem sie die politischen Ereignisse dazustellt (die laut dem Klappentext den Text "in der jeweiligen Gegenwart des Schreibens" verankern sollen), zeigt sie umso deutlicher, wie egozentrisch diese Heldin in ihrem isolierten Denken ist, wie abgekoppelt vom äußeren Geschehen.

    Im Text heißt es einmal klarsichtig: "So wollte man Personen wie sie haben. Hochausgebildet. Viel durchschauend. Deshalb gute Fachkräfte. Motiviert daraus. Unerfüllt. Auch das Motivation im Job. Aber genug behindert im Privaten, kein politischer Faktor werden zu können. Sie alle. Heerscharen von Mittelklasse. Einander im Persönlichen behindernd. Antisolidarisch das Geschäft der Rechten erledigend."

    Adeles Verhalten lässt sich letztlich auch als Bild für das Versagen "der Linken" verstehen: Über dem Ergründen der Strukturen und Ursachen, dem Suchen nach den richtigen Worten und Handlungen vergisst sie das Tun. Sie stellt Gustav nicht zur Rede, auch gegenüber der rechtskonservativen Regierung scheint sie sich zwar als Opfer zu fühlen, aber nicht in Opposition zu gehen.

    Bezeichnend ist, wie sie in Stockholm Kleider von Roma-Frauen überzieht und, da man sie in dieser Verkleidung für eine solche hält, verfolgt wird. Selbst aus ihrer privilegierten Position heraus findet sie erst sehr spät zu einer Haltung, aus der heraus sie sich behaupten kann. Jedoch, und das ist der Punkt: Sie bleibt nicht länger passiv. Sie handelt. (Andrea Heinz, 29.5.2019)

    cover: s. fischer

    Marlene Streeruwitz, "Flammenwand. Roman mit Anmerkungen". 22,70 Euro / 416 Seiten. S. Fischer, 2019.

    • Marlene Streeruwitz:  "Sie bleibt nicht länger passiv, sie handelt."
      foto: apa / georg hochmuth

      Marlene Streeruwitz: "Sie bleibt nicht länger passiv, sie handelt."

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