Wie der Tiroler Schriftsteller Thomas Schafferer Europa sieht

    Ansichtssache26. Mai 2019, 09:00
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    Thomas Schafferer reist seit mehr als 20 Jahren quer durch den Kontinent und schreibt poetische Momentaufnahmen nieder. Über die vielfältigen Europa-Bilder eines Tiroler Schriftstellers

    Seit 1995 tingelt der Tiroler Schriftsteller Thomas Schafferer als Teilzeitnomade durch Europa. In einem Zeitraum von 20 Jahren ist das Buch "500 Polaroids einer Reise durch Europa" entstanden. Schafferers Polaroids sind keine Fotos, sondern lyrische Momentaufnahmen, unterwegs notierte Gedichte, die ein vages Bild von der Vielfalt Europas ergeben.

    Nach Erscheinen des Buches ist der 45-Jährige gleich wieder aufgebrochen zu einer Lesetour durch Europa, um, wie er sagt, "eine Rückkopplung" zu erfahren. Er kehrt dafür an Orte seiner lyrischen Polaroids zurück, will die alten Momentaufnahmen im Gespräch mit seinen Zuhörern hinterfragen. So lässt sein Megaprojekt der nun schon 24 Jahre andauernden, aber nicht ununterbrochenen Reise ein Bild von Europa entstehen, das wohl nie ganz fertig sein wird.

    Zur EU-Wahl haben wir Thomas Schafferer gebeten, sich an fünf konkrete Orte seiner Reise zu erinnern. Diese Orte haben wir mit echten Polaroids versehen. Schafferer rekonstruiert, was er dort über Europa erfahren hat. (Sascha Aumüller, RONDO, 26.5.2019)

    foto: istock

    La Spezia, Italien: "Spannend ist es dort Entdeckungen zu machen, wo man sich an an einem vertrauten Ort glaubt. Italien würde ich neben Tirol und Luxemburg als meine dritte Heimat sehen, ich halte mich dort viel auf, kenne mich aus. Doch gerade im Hinterland der Küste bei La Spezia werde ich immer wieder überrascht. Ich fahre ziellos durch die kleinen Ortschaften und betrete wahllos Lokale, um dort das Arbeitermenü auszuprobieren. Zu Mittag kommen alle von der Baustelle, vom Geschäft oder von wo auch immer zusammen, um diese Auszeit zu zelebrieren. Dabei macht man nicht nur kulinarische Entdeckungen aus Ligurien, sondern fühlt sich für einen Moment aufgenommen in diesen Kreis zufällig zusammengekommener Genießer."


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    Lappland, Finnland: "Ich erinnere mich gut an Geschmäcker und dabei an ganz konkrete Gerichte, vor allem Hausmannskost. Das kann wie in Brünn die Böhmische Küche sein oder der Moment, wie ich auf Kreta von einem Großmütterchen bekocht worden bin. Das geschah an dem mythologisch aufgeladenen Ort Matala, wo Zeus in Stiergestalt die entführte Prinzessin Europa wieder an Land gebracht haben soll. An diesem Ort bekam ich von der alten Frau einen Ziegeneintopf mit ganz viel Olivenöl serviert. Eine einfache Sache, aber unglaublich aufgeladen mit dem Hintergrund der Location. Zu meinen stärksten geschmacklichen Erinnerungen zählt dennoch geschnetzeltes Rentier mit Preiselbeeren und Erdäpfelpüree, wie es in Lappland serviert wird. Da isst du gleich die ganze Landschaft mit."

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    foto: istock

    Differdingen, Luxemburg: "Meine Frau ist Luxemburgerin und lebt seit 1995 in Tirol. Ohne sie hätte ich dieses Land wohl nie kennengelernt und ich bin froh darüber. Es ist ein guter Ort, um sich der Frage anzunähern: "Was bedeutet es, europäisch zu sein?" Europa ist dort spürbar, sei es durch die vielen Sprachen, die gesprochen werden, durch die vielen Nationen, die im Wortsinn ein- und ausgehen, weil das Land so klein ist, und natürlich auch durch die EU-Institutionen, die in der Hauptstadt angesiedelt sind. Für ein Gefühl von Europa empfehle jedem, einmal in das Dreiländereck mit Belgien und Frankreich bei Differdingen zu fahren. Das ist ein ehemaliges grenzübergreifendes Industriegebiet, hinter jeder Hausecke lauert quasi ein anderes Land. Grenzen sind dort schon sehr lange nicht mehr spürbar."

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    foto: istock

    Prešov, Slowakei: "Ich bin deshalb unterwegs, um überall in Europa unvoreigenommen Menschen zu begegnen. Dabei entdecke ich viel Verbindendes zwischen einzelnen Menschen egal in welcher Gegend. Dennoch schleichen sich bestimmte Wahrnehmungen ein, die aber wohl mehr mit Landschaften zu tun haben. Es gibt etwa europäische Regionen, die dadurch überraschen, wie wenig sie unserem Bild von Europa entsprechen. Rund um Prešov in der Ostslowakei etwa fühlt es sich an wie tief in Sibirien, was die Weite betrifft. Die Städte sind grau, der Asphalt ist brüchig,die Atmosphäre ist staubig. In dieser Umgebung habe ich eine Zeit lang Schreib-Workshops abgehalten und den größtmöglichen Kontrast erfahren: Da war ganz viel Strahlen und Buntheit in den Menschen, in ihrem Denken, in ihrem Auftreten, ohne dass sie an unserer Hochglanzkultur teilhaben würden."

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    foto: istock

    Brünn, Tschechien: "Ich verspüre manchmal das Bedürfnis, an Orte in Europa zurückzukehren, die ich in den vergangenen 20 Jahren besucht habe. Es geht mir um den Alltag, in den ich tiefer eintauchen will, aber auch um neue kulinarische Erfahrungen oder ganz konkrete Wünsche. In Brünn wollte ich zum Beispiel schon immer einmal im Hotel Barceló Palace übernachten. Das ist ein Luxushotel und für mich noch kein Grund, dort zu übernachten. Aber das Haus hat eine unglaubliche Atmosphäre und ich habe mir immer vorgestellt, wie es wohl wäre, dort einer paar Tage zu verbringen, um zu schreiben. Ich will aus solchen Orten Inspirationen ziehen, sie bewusst erleben und dabei Erinnerungen erzeugen. Obendrein belohne ich mich auf diese Weise mit einem schönen Moment, über den ich meistens wieder schreibe."

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    foto: w9 / mario webhofer

    Seit 1995 reist der Tiroler Schriftsteller Thomas Schafferer als Teilzeitnomade durch Europa. In einem Zeitraum von 20 Jahren ist das Buch "500 Polaroids einer Reise durch Europa" entstanden.

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