Kann man Radio verfilmen? Der Film "Gehört, gesehen" hat es versucht

Blog23. Mai 2019, 09:00
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Gewagtes Experiment: Wird das Phänomen Radio entzaubert oder bekommt es eine neue Facette dazu?

So richtig passt das nicht zusammen: Radio und bewegte Bilder. Wer Radio hört, lässt seiner Fantasie die Zügel schießen. Die Töne, die Texte und die Musik aus dem Radiolautsprecher entfachen beim aufmerksamen Publikum ein Feuerwerk bildlicher Assoziationen im eigenen Kopf. Radio lebt im Kopf derjenigen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen. Wer das nicht will, schaut Netflix oder geht ins Kino. Dort werden zu den Tönen die bunten Bilder mitgeliefert, die eigene Fantasie hat Pause.

Radio ist Kino im Kopf, nicht auf der Leinwand

Umso kühner erscheint das Vorhaben, Radio zu verfilmen. Was kann dabei schon herauskommen? 90 Minuten Missverständnis? Eineinhalb Stunden Demontage des Radiozaubers? Das Vorhaben von Jakob Brossmann und David Paede, Radio ins Kino zu bringen, ist mutig und widersprüchlich. Radio ist Kino im Kopf, nicht auf der Leinwand.

Der Dokumentarfilm "Gehört, gesehen" trägt die Hypothek vor sich her, die Grenzen des Genres Radios auszureizen, ja zu überschreiten, mit dem Anspruch, der großartigen Natur des Radios und des Hörens mit Bildern gerecht zu werden.

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"Bollwerk gegen Dummheit"

Anlass für den Film ist der 50. Jahrestag der Gründung des Kultur-, Klassik- und Nachrichtensenders Ö1. Im Oktober 2017 feierte Europas erfolgreichstes Kulturradio runden Geburtstag, und die Kamera war mit dabei, als Robert Menasse bei den Feierlichkeiten das Radio als "Bollwerk gegen die Dummheit" lobpries und Radiochef Peter Klein dem Festpublikum seinen Sender schönredete.

In zarten und einfühlsamen Bildern hat die Kamera die Stimmung im Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße eingefangen, hat die Putz-Equipe bei ihrer Arbeit an den frühmorgens noch leblosen Schiebereglern der eindrucksvollen Mischpulte begleitet. Und war dabei, als sich Sendungsverantwortliche in langatmigen Sitzungen die Köpfe darüber zerbrachen, wie der Spagat zwischen sinkenden Radiobudgets und den eigenen Qualitätsansprüchen wohl zu bewerkstelligen sei.

Die Bilder sprechen für sich, auf Kommentar verzichten die Filmemacher. Sie zeigen diejenigen, deren Stimmen das Radiopublikum tagaus, tagein wie enge Vertraute durch den Tag begleiten. Von denen sich die Hörerinnen und Hörer aufgrund des Timbres der Stimmen, aufgrund der Inhalte der gesprochenen Texte und der gestellten Fragen an die Studiogäste ihre eigenen Bilder virtueller Personen zurechtgelegt haben. Wie Avatare der analogen Radiowelt.

Wer viel Ö1 hört und während der Kinovorführung die Augen schließt, erkennt sie alle wieder, die Stimmen aus dem Radio, den Stefan Kappacher aus dem "Morgenjournal" und aus "Double Check" und seine Kolleginnen und Kollegen aus den vielen Programmflächen von Ö1. Die Kinovorführung gerät mit einem einfachen Kniff zu einem großartigen Wahrnehmungserlebnis: Mit geschlossenen Augen ist es Radio, und im nächsten Moment ist es wieder Kino – die eigenen Bilder wetteifern mit den Bildern des Films. Ein faszinierendes Experiment. Dessen Ergebnis fällt überraschend aus und auch ein wenig desillusionierend: So also sehen sie aus, die Radioheldinnen und -helden, deren Stimmen uns so vertraut sind. Will man die alle wirklich sehen? Wenn nicht, einfach wieder Augen zu!

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Karl Markovics.

Augen zu im Kino

Auf diese Weise wird der Kinobesuch des Film "Gehört, gesehen" zu einem köstlichen Spiel. Doch zu lange sollte man die Augen nicht schließen. Zum einen können die Stimmen ja morgen wieder im Radio gehört werden. Zum anderen würde man zu viele der sorgfältig arrangierten Bilder und Sequenzen des Films verpassen. Das wäre schade.

Etwa, wenn man Marina & the Kats dabei zusehen kann, wie sie ihre mitreißenden Rhythmen einspielen, oder wenn das große Orchester immer wieder die so vertrauten Sendungskennungen probt. Oder wenn ein Bär von Mann den zarten Lyriktext einspricht und sich vom Regisseur den letzten Schliff bei der Brustatmung verpassen lässt. Jakob Brossmann und David Paede gelingt ein vielschichtiges und verständnisvolles Panoptikum der harten Arbeit, die hinter den flüchtigen Radiotönen steckt.

Dunkle Wolken

Trotz oder gerade wegen ihrer Empathie für dieses älteste aller elektronischen Medien lassen die Filmemacher dunkle Wolken über ihrem Objekt aufsteigen. Sie erinnern daran, dass sich die Büros und kleinen Studios mit dem Retro-Charme der Jahrhundertwende in Kürze in Luxuswohnungen verwandeln werden, in bester Innenstadtlage zu unerschwinglichen Preisen. In schmerzhaft wiederkehrenden Aufnahmen von Sitzungen wird wieder und immer wieder frucht- und ergebnislos darüber beraten, was nun den abschmelzenden Budgets geopfert werden muss. Aus eigener Kraft kann sich Ö1 nicht aus dieser Falle befreien – das ORF-Gesetz lässt Werbung auf Ö1 nicht zu. In einer betriebswirtschaftlich geführten Unternehmung wird eine Einheit ohne eigene Umsätze schnell zum lästigen Kostenträger degradiert. Das wissen auch die Senderchefs von Ö1.

Schließlich droht noch eine weitere Kaltfront, die nicht vorbeiziehen wird: Das kreative Chaos der Internet-Streaming-Plattformen liegt den Menschen buchstäblich in den Ohren, da sieht das lineare Radio schnell alt aus. Resigniert, aber zutreffend hält ein Redakteur im Film auch fest: "Wir glänzen nicht mit Digital." Ö1 altert mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Die Jungen hören Spotify, FM4 oder die privat-kommerziellen Gute-Laune-Schleifen.

Trendwende

Die jüngsten Erhebungen des Radiotest kündigen überraschend eine Trendwende an: Erstmals seit vielen Jahren nehmen Reichweite und Marktanteil von Ö1 wieder zu. Die Menschen hören wieder ein paar Minuten länger Radio, und selbst in der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen steigt der Marktanteil von Ö1. Auch die Ergebnisse des aktuellen Digital News Report 2019, die im Juni präsentiert werden, weisen für das Radio steigende Nutzungszahlen aus.

Und so kommt der Film doch noch zu einem Happy End. Eine Trendwende bei den Hörerinnen und Hörern wirkt wie warme Luft unter den Flügeln dieses flüchtigen Mediums, das auch im 52. Jahr seines Bestehens nichts an Faszination eingebüßt hat und dem Jakob Brossmann und David Paede ein ergreifendes filmisches Denkmal setzen. (Josef Trappel, 23.5.2019)

"Gehört, gesehen" startet am 24. Mai in den österreichischen Kinos.

Josef Trappel ist Professor für Medienpolitik und Medienökonomie und leitet den Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg. 2014 war er zudem Professor am Department of Information Science and Media Studies der Universität Bergen in Norwegen. Im STANDARD ist er einer der Autoren des Blogs "Ein Fall für die Wissenschaft".

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