Ein Hoppala, in Stein gemeißelt

Blog23. Mai 2019, 11:00
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Eine vergessene Textzeile auf einer Grabplatte zeigt, dass damals wie heute ziemlich ähnlich mit Fehlern umgegangen wird

Sie konnten nicht miteinander, das kann ja passieren. Der Phlegmatiker Kaiser Friedrich III. und der Choleriker König Matthias Corvinus von Ungarn waren zu verschieden, ihre Charaktere waren einfach nicht kompatibel. Wenn Leute wie Sie und ich streiten, dann fliegen die Fetzen, dann schreit man sich an oder spricht jahrelang nicht miteinander, und irgendwann versöhnt man sich wieder – oder auch nicht. Wenn Herrscher miteinander streiten, gibt es Krieg.

Jahrzehntelang hatte es immer wieder Unstimmigkeiten zwischen Friedrich und Matthias gegeben, dann kam ein allerletzter Auslöser: Ein langjähriger Vertrauter des ungarischen Königs, der Erzbischof von Esztergom, war bei diesem in Ungnade gefallen. Daraufhin floh er im Jahr 1476, nicht nur mit dem einen oder anderen mobilen Schatz seiner Erzdiözese, sondern vor allem auch mit der Kenntnis so manch brisanten Geheimnisses. Es überrascht uns nicht wirklich, dass Kaiser Friedrich ihn mit offenen Armen aufnahm und nun seinerseits zu seinem Vertrauten und zum Erzbischof von Salzburg machte. Es überrascht uns auch nicht, dass Matthias tobte. Und daraufhin beschloss, anstelle des Kaisers Herzog von Österreich zu werden. Vielleicht auch Erzherzog; über diese Frage könnte man lange und unergiebig streiten.

Der Verlust Wiener Neustadts

In den frühen 1480er-Jahren wurde es ernst für Österreich. Matthias und die ungarischen Truppen marschierten in Niederösterreich ein. Der König war ein ausgezeichneter Stratege. Innerhalb kurzer Zeit hatte er einen großen Teil der Städte des östlichen Niederösterreich erobert. Und dann, nach langer Belagerung, fiel am 1. Juni 1485 die Hauptstadt Wien. Für Friedrich war das nicht so schlimm, denn sein Verhältnis zu Wien war in etwa so herzlich wie das zu Matthias, was übrigens ebenfalls auf Gegenseitigkeit beruhte.

zeichnung: johann nepomuk fronner, monumenta novae civitatis austriae, 1. bd., s. 190; faksimile merbod-verlag 1989
Der Schauplatz des ersten ungarischen Angriffs auf Wiener Neustadt 1487 war das Wiener Tor. Hier scheint es größere Zerstörungen gegeben zu haben. Zwei Jahre später wurde am Stadtgraben ein neues Schleusenhaus errichtet.

Wirklich wehzutun drohte Friedrich aber der Verlust seiner Lieblingsstadt und Residenz Wiener Neustadt. Und das wusste natürlich auch Matthias. Im Februar 1487 schlossen die ungarischen Truppen dann auch den Belagerungsring um Wiener Neustadt. Die Gegenwehr dieser Stadt, der "allzeit Getreuen", war verbissen. Trotzdem musste sie vor dem militärischen Geschick des Königs kapitulieren. Drei Jahre stand sie unter ungarischer Herrschaft. Matthias beherrschte "Österreich unter der Enns" und residierte zumeist in Wien. Hier starb er auch am 6. April 1490. Angesichts seines explosiven Temperaments überrascht es uns auch nicht, dass die Todesursache ein Schlaganfall war.

foto: renate kohn
Auch das Stadttor selbst musste ausgebessert werden – noch
während der Herrschaft von König Matthias, wie die Bauzahl beweist.

Ein kleiner Fehler

Entschuldigen Sie bitte die etwas lange Einführung. Sie fragen sich sicher schon, wo das Hoppala bleibt, das ich Ihnen versprochen habe.

Österreich kehrte sehr schnell unter habsburgische Herrschaft zurück, und Wiener Neustadt begann damit, seine Wunden zu lecken. Dazu gehörte auch ein Denkmal für die Gefallenen, genauer gesagt für die beiden namhaftesten Todesopfer des ersten ungarischen Angriffs auf die Stadtbefestigungen am 23. Februar: Gotthard Vindorfer und Wolfgang von Herzogenburg erhielten eine gemeinsame Grabplatte.

foto: renate kohn
Nach der Rückeroberung durch den Kaisersohn Maximilian I. wurde das Tor schnell "habsburgisiert". Über dem
Stadtwappen thronen der Reichsadler und ein österreichisch-burgundischer
Wappenschild.
foto: renate kohn
Die Grabplatte der beiden Todesopfer war ursprünglich an der Außenwand des Doms angebracht und wurde im 19. Jahrhundert aus konservatorischen Gründen in das Innere verlegt.

Stellen Sie sich vor, wie so eine Grabinschrift entstand. Ein Steinmetz erhält einen Text, der wahrscheinlich auf einem Blatt Papier vorgeschrieben ist. Und dann überträgt er den Text auf eine Steinplatte, teilt den verfügbaren Platz ein und schlägt schließlich mühsam Buchstaben für Buchstaben aus dem harten Material heraus. Buchstaben, die er aus einem handschriftlichen Entwurf übernehmen muss – wir wollen hoffen, dass dieser halbwegs gut zu entziffern war. Vielleicht konnte der Steinmetz, der dieses "Heldenmal" auszuführen hatte, sogar lesen und begriff den Sinn dieser Buchstaben, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls passierte es ihm, dass er mitten im Text eine längere Passage, etwa eine Zeile der Vorlage, vergaß. Hoppala! Das Blöde ist nur, am Stein kann man nicht radieren. Und da Stein irrsinnig teuer war, warf man ein verpatztes Werkstück auch nicht so einfach weg wie ein verschriebenes Blatt Papier.

Hoppalas machen einzigartig

Der Steinmetz machte also das Einzige, was ihm noch übrigblieb: Er setzte an die Stelle, wo etwas fehlte, ein Kreuz. Ein weiteres Kreuz machte er unterhalb der Inschrift und schrieb anschließend die ausständigen Worte. Damit aber auch jeder Betrachter verstand, wie das gemeint war, meißelte er neben den Textblock eine kunstvolle Hand, deren ausgestreckter Zeigefinger darauf hinwies, wohin der nachgetragene Text gehörte.

foto: renate kohn
Die Zeichen, die die verwirrende Reihenfolge der Zeilen erklären sollen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Haben wir nicht alle so etwas Ähnliches in unseren Schulheften gemacht? Da merkt man wieder einmal: Alles war schon einmal da, nichts haben wir erfunden.

Die Grabplatte der beiden Herren im Wiener Neustädter Dom ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man einen Fehler elegant überspielt. Na ja, gar so elegant vielleicht doch nicht, aber immerhin bewirkt das besagte Hoppala, dass diese eine Grabplatte aus der großen Masse derartiger Denkmäler heraussticht. Sie hat Individualität, und jeder, der sie einmal entschlüsselt hat, wird amüsiert lächeln und sie so schnell nicht vergessen. (Renate Kohn, 23.5.2019)

Renate Kohn ist Historikerin und hat sich auf die Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Inschriften spezialisiert. Am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört sie zum Team der sogenannten Wiener Reihe des interakademischen Editionsunternehmens "Die Deutschen Inschriften". Ihr erster Editionsband waren die Inschriften der Stadt Wiener Neustadt. Gegenwärtig bearbeitet sie den riesigen Bestand der Inschriften des Wiener Stephansdoms.

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