Philosophin: "Naive Skepsis ist nicht besser als naives Vertrauen"

    Interview21. Mai 2019, 10:51
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    Anne Burkard über das Verhältnis von Wahrheit, Fake-News und Bildung

    Fake-News werden nicht nur von von US-Präsident Donald Trump als beliebtes Killerargument gegen unliebsame Wahrheiten ins Feld geführt, sondern sind auch reale Faktoren im öffentlichen Diskurs, aber auch in Wahlkämpfen, die damit manipuliert werden. Die Wahrheit ist also von mehreren Seiten unter Druck. Damit umzugehen, ist vor allem für junge Menschen eine große Herausforderung. Anne Burkard beschäftigt sich mit der Frage, was philosophische Bildung in der Schule im Umgang mit Fake-News leisten kann – und was nicht.

    STANDARD: Wie muss die Schule auf das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Fake News reagieren?

    Burkard: Einerseits wird der Ausdruck "Fake-News" als Kampfbegriff eingesetzt, um unliebsame Nachrichten oder Publikationsorgane zu diskreditieren. Da ist es wichtig, einer naiven Skepsis entgegenzuwirken. Denn wenn wir dem seriösen Journalismus vorschnell unser Vertrauen entziehen, verlieren wir eine zentrale Wissensquelle. Gerade auch für wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen wir die Vermittlungsfunktion des Journalismus. Andererseits werden mit "Fake-News" falsche oder irreführende Veröffentlichungen bezeichnet, die Produkt bewusster Täuschung oder einer gleichgültigen Haltung gegenüber der Wahrheit sind. Schule hat die Aufgabe, dafür ein Problembewusstsein zu schaffen und naivem Vertrauen gegenüber nicht verlässlichen Quellen entgegenzuwirken. Es geht um eine Balance zwischen Zweifel und Vertrauen.

    STANDARD: Was kann Philosophieunterricht leisten, um mit der Flut an Informationen, deren Herkunft immer weniger gesichert ist, mündig und kritisch umzugehen?

    Burkard: Generell ist es eine Aufgabe aller Fächer, die Lernenden beim Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen zu unterstützen, die ihnen helfen, die Qualität von Informationen einzuschätzen und vorhandene Hilfsmittel wie Faktencheck-Seiten zu nutzen. Philosophieunterricht kann gezielt erkenntnistheoretische Dimensionen des Phänomens beleuchten, etwa: Welche Bedeutung hat das Zeugnis anderer für unseren Wissenserwerb? Welche Faktoren spielen eine Rolle dafür, dass wir anderen Vertrauen schenken können? Wann sind Skepsis oder Urteilsenthaltung angebracht, wann wären sie unvernünftig und sogar gefährlich? Auch die Schulung des kritischen Denkens, eine zentrale Aufgabe des Philosophieunterrichts, kann eine mündige Medienrezeption unterstützen.

    STANDARD: In der Philosophie spielt Skepsis als Haltung eine wichtige Rolle. Wie lässt sich diese Skepsis fruchtbar machen mit Blick etwa auf das, was als "alternative Fakten" herumgeistert und sogar wissenschaftliche Kenntnisse zu relativieren versucht?

    Burkard: Grundsätzlich kann eine skeptische Grundhaltung, die vermeintliche Selbstverständlichkeiten hinterfragt, ideologische Setzungen und Fehlschlüsse entlarvt und unklarem Gerede auf den Grund geht, für rationale Urteilsbildung ausgesprochen wertvoll sein. Das könnte eine kritische Analyse der Redeweise von "alternativen Fakten" einschließen. Wichtig ist, dass skeptische Thesen selbst einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Unbegründete oder naive Skepsis ist nicht besser als unbegründetes oder naives Vertrauen. Dass sich Skepsis auch manipulativ einsetzen lässt, zeigt sich mit besonders dramatischen Folgen am Beispiel sogenannter Klimaskepsis. Es ist gut dokumentiert, wie über Jahrzehnte politisch und ökonomisch motiviert Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum anthropogenen Klimawandel gesät wurden. Hier hat die schlecht begründete Skepsis zu einer Tatenlosigkeit politischer Entscheidungsträger beigetragen, deren Folgen insbesondere Menschen im globalen Süden, zukünftige Generationen und unzählige Tierarten tragen müssen.

    STANDARD: Inwiefern kann Philosophieunterricht auch kontraproduktiv sein bei der Entwicklung jener Fähigkeiten, die es Schülerinnen und Schülern ermöglichen sollen, naives Vertrauen und naive Skepsis zu vermeiden?

    Burkard: Prinzipiell hat der Philosophieunterricht großes Potenzial, diese Fähigkeiten zu fördern. Doch es gibt tatsächlich auch kontraproduktive Tendenzen. So ist bisweilen ein starker Fokus auf dem bloßen Austausch von Meinungen zu beobachten. Auch nimmt die gezielte Schulung argumentativer Fähigkeiten offenbar im Philosophieunterricht nicht so viel Raum ein, wie es möglich und angemessen wäre. Zudem kommt es vor, dass konfligierende philosophische Positionen in einer Weise nebeneinandergestellt werden, die eine Beliebigkeit suggeriert. Zusammengenommen können diese Tendenzen dazu führen, dass die Wahrheitsorientierung im Philosophieunterricht verloren geht. Der Eindruck der Beliebigkeit und Fruchtlosigkeit philosophischer Überlegungen ist nicht nur für den Unterricht selbst schädlich. Er kann auch eine pauschale skeptische Haltung gegenüber der Möglichkeit vernünftiger Diskurse zu ethischen und politischen Fragen befördern, die für demokratische Gesellschaften unverzichtbar sind.

    STANDARD: Ist es für Teenager heute schwieriger, eine ausgebildete Urteilskraft – eine Kernaufgabe des Philosophieunterrichts – zu entwickeln als früher? Es war noch nie so viel Wissen relativ leicht zugänglich — aber googeln können bedeutet ja noch lang nicht wissen.

    Burkard: Das Phänomen "Fake News" ist ja schon sehr alt. Irreführende und bewusst reißerische, teils auch frei erfundene Berichterstattung gibt es spätestens, seit es Zeitungen gibt. Es war schon immer wichtig und herausfordernd, Informationsquellen aller Art kritisch zu rezipieren. Aber ja, die sich rasant entwickelnden sozialen Medien, die technischen Möglichkeiten der Manipulation, die Explosion der Menge an Informationen aus aller Welt bei gleichzeitiger Schwächung der traditionellen Medien stellen sicher eine neue Herausforderung dar. Jungen Menschen hier Hilfestellungen zu bieten, die Problemlage mit ihnen zu analysieren und alltagstaugliche Strategien zu entwickeln, ist eine besonders wichtige gesellschaftliche und schulische Aufgabe. (Lisa Nimmervoll, 21.5.2019)

    Anne Burkard (38) ist Juniorprofessorin für Didaktik der Philosophie an der Universität zu Köln. Sie referiert am 22. Mai (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" über "Beiträge und Grenzen philosophischer Bildung im Umgang mit 'Fake-News'".

    Mehr zum Thema:

    Homepage der Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers"

    Gesammelte STANDARD-Interviews zur Vortragsreihe hier.

    • "Dass sich Skepsis auch manipulativ einsetzen lässt, zeigt sich mit dramatischen Folgen an der sogenannten Klimaskepsis", sagt Philosophin Anne Burkard.
      foto: privat

      "Dass sich Skepsis auch manipulativ einsetzen lässt, zeigt sich mit dramatischen Folgen an der sogenannten Klimaskepsis", sagt Philosophin Anne Burkard.

    • Was sind Fakten, was behauptete und was tatsächliche Fake-News? Nicht so leicht herauszufinden.
      foto: getty images / istockphoto / ivelin radkov

      Was sind Fakten, was behauptete und was tatsächliche Fake-News? Nicht so leicht herauszufinden.

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