Kündigungen und Protest bei russischer Qualitätszeitung "Kommersant"

    20. Mai 2019, 22:13
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    Innenpolitik-Redaktion kündigt kollektiv nach kolportierter Intervention von Senatspräsidentin bei Kreml-nahem Zeitungsbesitzer

    Moskau – Nach der Entlassung von zwei Redakteuren und der kollektiven Einreichung von Kündigungsschreiben durch die Innenpolitikredaktion haben mehr als 140 Mitarbeiter des "Kommersant"-Verlagshauses am Montagabend eine angriffige Erklärung veröffentlicht. Sie forderten ihre Leser auf, dem Zeitungsbesitzer Alischer Usmanow zu erklären, dass er dabei sei, eines der besten Medien Russlands zu zerstören.

    "Das Kollektiv von 'Kommersant' erachtet es als notwendig, seine Leser darüber zu informieren, dass die Zeitung für eine unbestimmte Zeit nicht mehr über russische Politik informieren kann. Eine derartige Zwangspause ereignet sich zum ersten Mal in der 30-jährigen Geschichte des Verlagshauses. Wir möchten uns dafür, bei unseren Lesern entschuldigen", hieß es in der Erklärung, die zahlreiche Mitarbeiter der Zeitung am Montagabend in sozialen Netzwerken verbreiteten.

    Verletzung journalistischer Standards

    Die Unterzeichner der Erklärung widersprachen Aussagen von Vertretern Usmanows, wonach dieser erst aus den Medien von der Entlassung von Maksim Iwanow und Iwan Safronow gehört habe. Widerspruch gab es auch an der Darstellung des Geschäftsführers und Chefredakteurs Wladimir Schelonkin, der am Montag gegenüber dem russischen Dienst der BBC von der Verletzung journalistischer Standards in einem Artikel über einen möglichen Abgang der Präsidentin des Föderationsrates, Walentina Matwijenko, gesprochen hatte.

    "Der Artikel hat allen Standards der Zeitung entsprochen, ihre Autoren seien anschließend für diese Publikation redaktionsintern sogar ausgezeichnet worden", hieß es. In der Erklärung ist aber auch die Rede davon, dass der Zeitungsbesitzer und Kreml-nahe Oligarch Alischer Usmanow nicht nur mit dem Artikel unzufrieden gewesen sei, sondern von den Journalisten auch die Preisgabe von anonymen Informanten gefordert habe. Nachdem die involvierten Journalisten im Einklang mit dem russischen Medienrecht dies abgelehnt hätten, sei die Entscheidung zur Entlassung gefällt worden.

    Matwijenko-Sprecher spricht von "Provokation"

    Zuvor hatte am Montag ein Gesprächspartner innerhalb von "Kommersant" gegenüber der APA versichert, dass hinter der Entlassung von Iwanow und Safronow ein diesbezüglicher Wunsch von Senatspräsidentin Matwijenko stünde. "Sie wollte Blut sehen und hat es bekommen", erklärte er. Im Föderationsrat selbst wollte man hingegen eine diesbezügliche Rolle Matwijenkos weder kommentieren noch dementieren: Die Frage, ob Matwijenko Usmanow um die Entlassung der Journalisten ersucht habe, sei an sich eine Provokation, sagte am Montag Matwijenko-Sprecher Wladislaw Ponomarenko zur APA.

    Die 1989 gegründete wirtschaftsliberale Zeitung "Kommersant" galt gerade in den 1990er Jahren als das wichtigste und stilprägende Qualitätsmedium des Landes, das sich durch eine neue russische Zeitungssprache sowie ätzende Berichte über die Mächtigen auszeichnete.

    2006 übernahm der Kreml-nahe Oligarch Alischer Usmanow die Zeitung – parallel zu autoritären Tendenzen im Land nahm seit 2011 auch der politische Druck auf die Redaktion und Selbstzensur merklich zu. In einer russischen Medienlandschaft, die sich zunehmend auf staatlich koordinierte Propaganda verlegt hat, galt "Kommersant" bis zuletzt gerade für Russlands Eliten jedoch weiterhin als äußerst relevantes Printmedium. (APA, 20.5.2019)

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