"A Hidden Life": Franz Jägerstätters Nein für die Ewigkeit

    21. Mai 2019, 07:00
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    Terrence Malick gelingt mit "A Hidden Life" eine bewegende Ode an den heimischen Widerstandshelden Franz Jägerstätter. Er ist nicht der einzige Stilvirtuose im Wettbewerb auf dem Filmfestival Cannes.

    Die Premiere von Terrence Malicks A Hidden Life hätte zu keinem besseren Zeitpunkt als am Sonntag stattfinden können. Während in Österreich ein Video über unmoralische Angebote seine Wirkung tat – und damit in Cannes für Konkurrenz in Bewegtbildern sorgte -, huldigte der US-Regisseur einem Mann, der sich im Zweiten Weltkrieg für ein Nein entschieden hatte.

    Franz Jägerstätter, den gläubigen oberösterreichischen Bauern, der den Schwur auf Hitler verweigerte und hingerichtet wurde, muss man in Österreich nicht eigens vorstellen. In der Hand eines bildmächtigen Regisseurs wie Malick erzeugt seine Geschichte jedoch besonderen Nachhall. Sie wird zur Mahnung für eine Gegenwart, in der ethisches Handeln (und der zu zahlende Preis) zu oft zu wenig gelten.

    A Hidden Life ist nicht die angekündigte Rückkehr Malicks zu konventionellerem Erzählen. Und doch wirkt der Film stärker gefestigt, entschiedener als seine letzten Arbeiten. Das Sujet des grundsätzlichen Mannes, der nicht nur den Nazis, sondern auch dem Opportunismus widersteht, harmoniert mit Malicks fragendem Blick auf die Welt, ihre Prüfungen. Jägerstätter ist bei ihm kein Held, der für eine höhere Sache kämpft. Außer vielleicht für die eine: den freien Willen.

    Bedingungslose Liebe

    Mit August Diehl und Valerie Pachner als sich bedingungslos liebendes Ehepaar ist er bravourös besetzt. Sie fangen Malicks oft schwerelose Bilder mit ihren Gesichtern auf. George Eliots Zitat, dass es die unhistorischen Akte sind, die das Gute stärken, steht am Ende des Films wie ein Wegpfeiler. Genau so muss man Malicks Hinwendung zu den kaum greifbaren Momenten des Lebens wohl verstehen. Das ländliche Idyll der Jägerstätters, "ihr Nest in den Bergen" (das majestätische Südtirol steht im Film für Oberösterreich ein), ist für ihn ein weiteres verlorenes Paradies. Noch in den dunkelsten Momenten des Films kehrt dieser zu den ländlichen Verrichtungen zurück. Das frische Heu, sagt Fany einmal, mache ihr Hoffnung.

    Zu Beginn sieht man Ausschnitte aus Riefenstahls Triumph des Willens. Malick stellt den Bildern dieser historischen Verirrung sein Drama eines glaubensstarken Mannes entgegen. Dass Jägerstätters Tun keine Konsequenzen habe, wird von der Gegenseite (am Ende auch von Bruno Ganz als Richter) am öftesten gesagt. Den Gegenbeweis tritt der Film damit an, indem er sich auf Jägerstätters Seite stellt, ohne ein Monument zu errichten. Malick erzählt, wie Jägerstätter mit seinem Entschluss weiterleben muss. Auch wie er darlegt, dass er seinen Mut aus der Liebe zu Fany bezieht, ist eine Stärke des Films. Er präsentiert einen Märtyrer, der sich mit keinen großen Gesten, keinen Worten deklariert. Diese Demut ist es, die an diesem Film so berührt.

    Schräge Referenzen

    Malick war allerdings nicht der einzige herausragende Regisseur dieses Wochenende in Cannes. Der Chinese Diao Yinan, der 2014 mit Black Coal, Thin Ice den Goldenen Bären in Berlin gewonnen hat, zeigt in The Wild Goose Lake erneut, wie brillant er Genreversatzstücken einen neuen Dreh zu verleihen versteht. Der Neo-Noir um einen Bandenchef, der sich plötzlich selbst als Gejagter sieht, schraubt sich zu meisterlich choreografierten Setpieces hoch, in denen unheilvolle Situationen in Gewaltmontagen kippen.

    Auch der Rumäne Corneliu Porumboiu überrascht mit einem Film, der mit Genremotiven jongliert und dabei doch realistisch bleibt. In kunstvoll verknappten Episoden, die ihre Auflösungen geschickt zurückhalten, sodass man sich selbst einen Reim machen muss, entwirft er die Geschichte eines Polizisten, der auf die Kanarische Insel La Gomera reist. Porumboius Kunstthriller ist voller schräger Referenzen, absurd-drolligen Humors (gepfiffener Sprache!) und kontrapunktisch gesetzter Musiknummern wie einer Arie aus Hoffmanns Erzählungen. In seinem virtuos kontrollierten Überschuss ist La Gomera vielleicht sogar der bisher brillanteste Film dieses Festivals. (Dominik Kamalzadeh, 21.5.2019)

    • August Diehl und Valerie Pachner als Ehepaar Franz und Fany Jägerstätter in Terrence Malicks "A Hidden Life": Glaubensstärke im verlorenen Paradies
      foto: cannes 2019

      August Diehl und Valerie Pachner als Ehepaar Franz und Fany Jägerstätter in Terrence Malicks "A Hidden Life": Glaubensstärke im verlorenen Paradies

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