Forscher decken Invasionsrouten der Roten Sumpfkrebse auf

    20. Mai 2019, 18:03
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    Der aus den USA stammende Krebs Procambarus clarkii ist längst weltweit verbreitet. Genetische Muster zeigen, welche Wege der Bioinvasor nahm

    Bewohner der deutschen Hauptstadt Berlin schwankten zwischen Neugier und Entsetzen, als im Sommer 2017 die Nachricht durch Medien und soziale Netzwerke fegte: In der Umgebung des Großen Tiergartens wanderten plötzlich massenhaft dunkelrote Krebse über die Straßen.

    foto: apa/dpa/gregor fischer
    Ein Krebs auf Streifzug in Berlin.

    Es handelte sich dabei um Rote Amerikanische Sumpfkrebse, die das verregnete Berlin offenbar auf der Suche nach neuen Habitaten erkundeten. Tatsächlich ist die Art ausgesprochen häufig anzutreffen, wenn auch nicht unbedingt auf der Straße: Procambarus clarkii, wie die Fachbezeichnung der Spezies lautet, ist der meistgezüchtete Süßwasserkrebs der Welt, sein Fleisch ist überall drin, wo "Flusskrebs" ohne weitere Angaben draufsteht.

    Allesfresser auf dem Teller

    Die Tiere sind ursprünglich im Südosten der USA und im Norden Mexikos zuhause. Allerdings werden sie ihres Fleisches wegen weltweit gezüchtet und sind auch als Aquarienbewohner beliebt. Einmal ausgesetzt oder entkommen, sind die Krebse schwer aufzuhalten: Ihre enorme Flexibilität (sie sind wahre Allesfresser) und Fortpflanzungsfreudigkeit machen sie zu äußerst erfolgreichen Bioinvasoren.

    foto: reuters/fabrizio bensch
    Die Krebse fressen Pflanzen, Larven, Schnecken, Fischlaich, Kaulquappen und zur Not auch eigene Artgenossen.

    Welche Ausbreitungswege die Roten Amerikanischen Sumpfkrebse bereits beschritten haben, untersuchten nun Forscher um Francisco Oficialdegui von der Doñana Biological Station. Am Beginn der Invasion stand übrigens, wie so oft, der Mensch.

    Verschleppung und Ausbreitung

    Die Wissenschafter analysierten für ihre Studie im Fachblatt "Freshwater Biology" die DNA von insgesamt 1.412 Krebsen aus 122 Populationen und suchten nach genetischen Mustern, die Rückschlüsse auf die Verbreitung geben. In den USA identifizierten Oficialdegui und Kollegen zwei Verbreitungsrouten der Sumpfkrebse: Ausgehend von Louisiana, ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet, west- und ostwärts.

    foto: reuters/fabrizio bensch
    Rote Amerikanische Sumpfkrebse fühlen sich auch in europäischen Gewässern wohl.

    Die heute im Westen der USA verbreiteten Populationen zeigen demnach eine höhere genetische Vielfalt – vermutlich, weil es dort schon in den 1920er-Jahren Versuche gab, sie anzusiedeln. Von Kalifornien aus dürften die Krebse dann über Hawaii und Japan nach China gelangt sein. Die Wissenschafter nehmen an, dass die heutigen asiatischen Bestände der Art auf nur etwa 20 Individuen zurückgehen – denn die längst auf Millionen von Tieren angewachsenen Populationen zeigen eine sehr geringe genetische Vielfalt.

    Zuchtverbot in der EU

    In den 1970er-Jahren wurden Rote Amerikanische Sumpfkrebse dann auf Betreiben eines Adeligen aus ihrer ursprünglichen Heimat im Süden der USA auch nach Spanien gebracht. Bisher nahm man an, dass alle heute in Europa verbreiteten Vertreter der Art auf diese spanischen Populationen zurückgehen. Die Analysen ergaben nun aber bei Krebsen auf der Iberischen Halbinsel ein anderes genetisches Profil als bei mitteleuropäischen Populationen. "Das deutet darauf hin, dass es weitere Einschleppungen aus den USA oder anderen Gebieten nach Europa gegeben haben könnte", so Oficialdegui.

    foto: reuters/fabrizio bensch
    Möglich wurde die weltweite Verbreitung des Krebses durch den Menschen.

    Tauchen die Krebse in neuen Verbreitungsgebieten auf, können sie schnell zur ökologischen Gefahr werden: Sie dezimieren Amphibienarten und sind Überträger der Krebspest, die bei ihnen selbst milde verläuft, für viele Krebsarten aber tödlich ist. Die EU führt Procambarus clarkii daher seit 2016 auf der "Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung" und hat inzwischen nicht nur die Freisetzung, sondern auch Zucht und Handel mit der Art untersagt. In österreichischen Gewässern wurde die Art 2005 erstmals nachgewiesen. (dare, 20.5.2019)

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