Kolumbien-Forscherin: "Ein Ende der Gewalt gibt es nicht"

    Interview8. Juni 2019, 14:00
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    Offiziell herrscht seit 2016 Frieden zwischen Farc-Rebellen und Regierung. Doch die Gewalt vor allem gegen Frauen geht weiter, sagt Politologin Julia Sachseder

    STANDARD: Nach dem Friedensvertrag von 2016 in Kolumbien war international der Optimismus sehr groß. War das aus heutiger Sicht falscher Optimismus?

    Sachseder: Die Vertragspartner – die größte linke Guerilla Gruppe FARC und die neoliberale kolumbianische Regierung unter der damaligen Präsidenten Manuel Santos könnten unterschiedlicher nicht sein. Vor dem Hintergrund stellte der Friedensvertrag natürlich einen Meilenstein dar. Aber die Realität sieht anders aus: Seit 2016 wurden über 680 soziale AktivistInnen umgebracht. Vergewaltigungen und Vertreibungen gehen weiter. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht, obwohl die internationale Gemeinschaft und auch die Politikwissenschaft im Speziellen oft von Frieden sprechen.

    STANDARD: Sie haben in Kolumbien mit vielen Frauen gesprochen, die von Gewalt betroffen sind. Was haben die erzählt?

    Sachseder: Ganz zentral für viele Frauen war der Zugang zu Land und ökonomischen Ressourcen. Viele haben selbst auf dem Land gearbeitet und konnten so an (finanzieller) Unabhängigkeit gewinnen – aber nur, bis sie dann von dem fruchtbaren Boden vertrieben wurden. Eine meiner Interviewpartnerinnen, María (Pseudonym), ist beispielsweise aus Chocó, einem Bundesland im Nordwesten, nach Cartagena de las Islas, einem ehemaligen Sklavenhafen, geflohen. Die Stadt ist heute eigentlich ein Touristenziel und bekannt für die koloniale Architektur. Für María war sie trotzdem kein sicherer Zufluchtsort, sondern ein Schmelztiegel, in dem Paramilitärs, Guerillakämpfer, Drogenhändler und organisiertes Verbrechen aufeinandertreffen. Sie wurde dort erneut von einem ehemaligen Paramilitär vergewaltigt und ist bis heute stark traumatisiert. María ist aber kein Einzelfall. Viele der Interviewpartnerinnen waren ähnlichen Gewaltformen ausgesetzt.

    María ist aus ihrer Heimat, dem Departamento Chocó im Nordwesten des Landes, vertrieben worden.

    STANDARD: Welche Frauen sind besonders von Gewalt betroffen?

    Sachseder: Unverhältnismäßig oft indigene und afrokolumbianische Frauen aus der Peripherie, also aus den ländlichen Gegenden.

    STANDARD: Also diejenigen, die ohnehin schon wenig haben?

    Sachseder: Genau. Und das ist kein Zufall. Besonders sichtbar war der Konflikt in jenen Gebieten, in denen es einen großen Anteil marginalisierter Bevölkerungsgruppen und gleichzeitig viele Rohstoffe, wie Kohle und Gold, gibt. Die Bevölkerung wird von dem ressourcenreichen Land vertrieben und nicht zuletzt können dafür neben den lokalen Konfliktparteien auch globale ökonomische Akteure verantwortlich gemacht werden. Der Ursprung dieser Benachteiligung liegt schon in der Kolonialzeit.

    STANDARD: Inwiefern?

    Sachseder: Vor 1492 war die Bevölkerung in Kolumbien nicht in jene Gruppen unterteilt, die wir heute kennen Durch den Kolonialismus wurden den Menschen Identitäten aufgezwungen und neue Hierarchien geschaffen. So ist auch die These meiner Dissertation: Durch die Konstruktion dieser negativ konnotierten Identitäten kam es zu einer gewissen Dehumanisierung, die als Rechtfertigung diente: Weder indigene noch afrokolumbianische Frauen hatten in der Folge das Recht auf Menschsein. Deshalb konnten sie auch so leicht vergewaltigt und vertrieben werden. Diese politische Gewalt ist somit kein Kollateralschaden des Konflikts. Sie dient unter anderem als eine zentrale Waffe, die gezielt gegen die Bevölkerung gerichtet wird, um auf Ressourcen zugreifen und diese extrahieren zu können.

    STANDARD: Der Friedensvertrag setzt dem kein Ende?

    Sachseder: Der Vertrag ist sehr inklusiv. Die Zivilgesellschaft und lokale Gruppen, in denen viel Aufklärungsarbeit geleistet wurde, wurden mit einbezogen. Dafür, dass die Gewalt kein Ende findet, ist vor allem die fehlgeschlagene Demobilisierung paramilitärischer Gruppen verantwortlich, die oft ganz eng mit dem Staat verbandelt sind und im Interesse multinationaler Konzerne agieren.

    STANDARD: Dann sind der Staat und die Konzerne direkt für die Gewalt verantwortlich?

    Sachseder: 2007 gab es bereits eine Erklärung von Chiquita, einem der größten Bananenexporteure der Welt, Paramilitärs und private Sicherheitsfirmen finanziert zu haben – damit hat der Konzern auch teilweise ganz aktiv zur Vertreibung der Bevölkerung von ihrem Land beigetragen, um dort weiterhin Bananen anbauen zu können. Daran hat sich bisher relativ wenig geändert. Chiquita ist nur ein Beispiel von vielen multinationalen Konzernen, die in Kolumbien operieren. Menschenrechtsverletzungen werden außer Acht gelassen, und nicht zuletzt profitiert der kolumbianische Staat direkt von internationalen Investitionen.

    STANDARD: Investiert auch Österreich?

    Sachseder: Die österreichische Wirtschaftskammer zum Beispiel hat letztes Jahr den ehemaligen Präsidenten Juan Manuel Santos eingeladen, um über neue Investitionsmöglichkeiten nach der Befriedung zu sprechen.

    STANDARD: Gewalt geht auch von der Farc-Guerilla aus, in deren Lager Sie einige Zeit verbracht haben...

    Sachseder: Viele meiner Interviewpartnerinnen haben angegeben, dass ein Großteil der Gewalt von Paramilitärs ausging, allerdings ist natürlich auch die Farc ein Konfliktakteur, der vor allem an Zwangsabtreibungen beteiligt war. 2016 und 2017 hatte ich Kontakt zu ihnen. 2017, nach der Demobilisierung der Guerilla, habe ich für meine ethnographische Forschung dann auch einige Zeit in einem der Farc-Lager verbracht.

    STANDARD: Wie war das für Sie?

    Sachseder: Die Fahrt zu dem Lager war für mich wegen der prekären Sicherheitslage schon ein Desaster. Wenn beispielsweise paramilitärische Kräfte herausbekommen hätten, dass ich zu einem Farc-Lager bin, wäre ich wohl auch zu einem Ziel geworden. Ich musste beispielsweise vier Mal das Taxi wechseln, um von mir abzulenken, obwohl die UN zu dem Zeitpunkt das Lager bereits "beschützt" hatte.

    STANDARD: Wie lebten die Farc-Kämpfer?

    Sachseder: Die Farc muss man sich als marxistisch-leninistische Gruppe vorstellen, die sehr diszipliniert und hierarchisch strukturiert ist. Das heißt, um fünf Uhr morgens war Frühstück, danach politische Diskussion. Da konnte fast jeder Gramsci, Marx und Lenin zitieren. Dahinter steckt aber auch eine politische Strategie, das dient der "Causa", wie sie immer gesagt haben, nämlich der Übernahme des Staates durch die Farc. Die Guerilla hat mich freundlich aufgenommen. Ich habe mein Forschungsinteresse erklärt und dass ich meine Position als Forscherin bewahren möchte. Da die Balance zu halten, war teilweise gar nicht so einfach, weil man beginnt, sich mit seiner Umgebung zu identifizieren und hinter die Kulissen zu blicken. In dem Lager waren auch Farc-Kämpferinnen.

    STANDARD: Wie viele sind das?

    Sachseder: Fast 50 Prozent. Viele von ihnen sind nicht unbedingt aus ideologischen Gründen beigetreten, sondern lebten oft in ihrem Dorf; das wurde überfallen und dann hatten sie die Wahl: Entweder sie erfahren selbst Gewalt oder sie schließen sich der Guerilla an. Bei der FARC selbst wurde ihnen oft sogar Bildung angeboten und sie wurden zu Krankenschwestern, Pflegekräften, Zahnärztinnen ausgebildet, was woanders durch die fehlende Infrastruktur auf dem Land gar nicht möglich gewesen wäre.

    STANDARD: Wie kann sich die Situation in Kolumbien in Zukunft ändern?

    Sachseder: Auch die internationale Gemeinschaft hat eine Verantwortung, nicht zuletzt weil wir durch unseren Konsum und Lebensweise jeden Tag dafür sorgen, dass die Gewalt, die bei uns im globalen Norden kaum sichtbar ist, weiterhin auf fruchtbaren Boden stößt und globale Konzerne eben auch zu politischer Gewalt beitragen. Wenn das in Zukunft nicht anerkannt oder in die Verhandlungen, auch mit der anderen Guerilla, der ELN, nicht einbezogen wird, dann erscheint ein Ende der Gewalt relativ unwahrscheinlich. (Milena Pieper, 6.6.2019)

    foto: reuters/nacho doce
    Die 37-jährige Yeimy wurde von vier Farc-Kämpfern vergewaltigt. Gemeinsam mit ihren Kindern Paula und Juan und Reuters-Reportern besuchte sie 2018 den Ort im Departamento Tolima im Zentrum Kolumbiens, der bis Anfang der 2000er ihr Zuhause war.

    Julia Sachseder (28) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sie war für zwei Forschungsaufenthalte jeweils mehrere Monate in Kolumbien und führte für ihre Dissertation mehr als 70 Interviews mit kolumbianischen Männern und Frauen, Farc-Kämpfern und Soldaten, vor allem im Norden und Westen des Landes.

    Stichwort Kolumbien-Konflikt

    Mehr als 50 Jahre dauerte der bewaffnete Konflikt in Kolumbien, nachdem die linke Guerilla Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) sich in den 1960ern gegründet und begonnen hatte, gegen die ungleiche Verteilung von Land zu kämpfen. Weitere Akteure sind das kolumbianische Militär und rechte paramilitärische Gruppen. Anschläge auf die Zivilbevölkerung und Menschenrechtsverletzungen durch alle Beteiligten machen den Konflikt zum Bürgerkrieg.

    2016 sollte ein Friedensvertrag zwischen der Regierung und den Farc-Rebellen nach vier Jahren Verhandlungen und der Ablehnung einer ersten Version durch ein Referendum endlich ein Ende der Gewalt bringen. Geglückt ist das bis heute nur teilweise. Denn die Farc hat sich zwar in eine politische Partei umgewandelt, trotz des Waffenstillstands werden aber fast täglich Aktivistinnen und Aktivisten sozialer Bewegungen ermordet, es kommt zu Vergewaltigungen und Vertreibung. Die Guerilla ELN (Nationale Befreiungsarmee) kämpft weiterhin. Präsident Iván Duque brach die Friedensgespräche mit den Rebellen Anfang des Jahres ab.

    Hintergrund des Bürgerkriegs sind vor allem die große Ungleichheit im Land sowie die Ereignisse von "La Violencia", dem blutigen Machtkampf zwischen Liberalen und Konservativen Ende der 40er-Jahre. Bis 2016 forderten die Auseinandersetzungen zigtausende Tote. Wie viele es genau sind, ist unklar, in verschiedenen Medien ist von 70.000 bis 220.000 Todesopfern die Rede. Fast sieben Millionen Menschen flüchteten innerhalb des Landes. (mpi)

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