Künstler über das Ende von Türkis-Blau: Entsetzen, Scham, Misstrauen

    20. Mai 2019, 11:28
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    Große Teile der heimischen Kunst- und Kulturszene standen Türkis-Blau äußerst skeptisch gegenüber. Nach dem Showdown vom Samstag: Was denken Kulturschaffende jetzt?

    foto: imago

    Klaus Maria Brandauer (Schauspieler)

    Groß ist an diesem Skandal eigentlich nur das Entsetzen, mit dem man auf die vielen Details schaut, die jetzt ans Licht kommen. Der Rest ist so erbärmlich, dass man gar nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Das war eben kein einmaliger Ausrutscher, sondern ein ganzes System hat sich erneut von seiner dreckigen Seite gezeigt und steht jetzt blamiert bis auf die Knochen da. Den Staat und seine Institutionen als Beute zu begreifen, diese verantwortungslose Art und Weise, Politik zu betreiben, ist in jeder Hinsicht am Ende. Und eine Frage muss gestellt werden: Wer ist davon wirklich überrascht?


    foto: apa

    Marlene Streeruwitz (Schriftstellerin)

    Als Filmskript wäre die Geschichte zu fad. Der Plot würde gerade für eine einzige Episode in einer 80er-Jahre Fernsehserie reichen, und die Ausstattung wäre besser. Als historischer Vorgang ist es die Bestätigung, wie sehr die Verbindung von rechter Ideologie und neoliberaler Praxis entsolidarisiert hat. Es wäre schon richtig gewesen, wenn Strache und Gudenus vom Inlandsgeheimdienst beobachtet worden wären. Sie planten schließlich eine Diktatur und brachen mit jedem Wort jeden Augenblick ihren Schwur auf die Verfassung. Immerhin. Für jetzt einmal können wir mit der Rückkehr zu Rechtsstaatlichkeit rechnen. Die Demokratie werden wir weiter erkämpfen müssen.


    foto: apa/pfarrhofer

    David Schalko (Regisseur und Schriftsteller)

    Unabhängig von dem überraschenden Timing und der unbekannten Herkunft des Videos, entlarvt selbiges nichts Neues und schon gar nichts Überraschendes. Es macht nur amtlich, was jeder weiß: Die FPÖ ist eine grenzwertig dumme, machtgierige, korrupte und totalitär veranlagte Partei, die in Regierungsämtern nichts verloren hat. Neben den Orbánisierungsversuchen im ORF, die ich hautnah miterleben durfte und denen jetzt hoffentlich Einhalt geboten wird, hat man ja auch schon andere erste "Umsetzungen" von dem, was in dem Video angekündigt wird, mitbekommen. Ergo ist es nicht nur eine besoffene Geschichte, sondern der klare Beweis, dass die FPÖ diese Republik aus den Angeln heben wollte.

    Es stellt sich aber auch die Frage: Welche Verantwortung hat Kurz? Kann jemand Bundeskanzler sein, der einer solchen Partei wider besseres Wissen alle Geheimdienste übergibt? Oder sollten wir nicht lieber schauen, dass man hierzulande wieder zur verdienten Normalität zurückfindet? Ich hoffe vor allem, dass es zu einem atmosphärischen Wechsel kommt. Denn die letzten Monate in Österreich waren beklemmend und deprimierend, und man hat sich sehr oft geschämt, Bürger dieses Landes zu sein.


    foto: apa/bertlmann

    Renate Bertlmann (Künstlerin)

    Als ich zum ersten Mal das Ibiza-Video sah, war ich über diese Menschenverachtung entsetzt, und ich wusste, dass es ein Erdbeben in der politischen Landschaft auslösen wird. Der leidenschaftliche Protest der Demonstranten am Ballhausplatz – ich war eine von ihnen – hat mich bestärkt, dass es mehr als notwendig ist, diese für unser Land beschämende Haltung mancher Politiker nicht mehr zu tolerieren und kategorisch zu verurteilen. Wir Kulturschaffenden müssen alle weiteren Schritte, die jetzt von der Politik gesetzt werden, genauestens verfolgen und prüfen, wem wir in Zukunft unser Vertrauen schenken, und wir dürfen nicht die kleinste Respektlosigkeit gegenüber uns tolerieren!


    foto: apa

    Martin Kušej (Regisseur und zukünftiger Burgtheaterdirektor)

    Es hat das Videomaterial gebraucht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Über all die Monate hat man die Rechtspopulisten gewähren lassen, nein, schlimmer, hat rote Linien verschoben und ist ihnen entgegengekommen. Ist das den Wählerinnen und Wählern bewusst? Allein durch das Ende dieser Regierung wird sich die politische Situation nicht nachhaltig ändern. Deshalb traue ich der Sache nicht. Es wäre zu hoffen, dass dieser schonungslose Einblick in die kruden Gehirne zweier FPÖ-Politiker so viel Dynamik entwickelt, dass eine ganz grundsätzliche Veränderung in unserer Gesellschaft und politischen Kultur stattfindet. Ich war gestern am Ballhausplatz – den Jubel dort habe ich verstanden, bin aber skeptisch, ob er uns nicht bald im Halse stecken bleibt.


    foto: lorenz brugger

    Sabine Gruber (Schriftstellerin)

    "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist", hat Norbert Hofer 2016 prophezeit. Jetzt hat Österreich sein blaues Wunder.

    Gute Politik verlangt nach Transparenz und Kompromissen, die sind ohne konstruktive öffentliche Auseinandersetzungen, also auch "Streit", nicht zu haben. Der türkis-blaue "Harmonie-Stil" in Form einer Stabsstelle für strategische Kommunikation war von Anfang an eine tickende Bombe: Vom Braunauer Rattengedicht bis zu den Verbindungen zu den Identitären, von den antisemitischen Sagern bis zu den rassistischen Äußerungen und Übergriffen – menschenverachtende Dumpfbacken lassen sich nicht zivilisieren und haben an der Spitze eines Staates nichts zu suchen.


    foto: lukas beck

    Virgil Widrich (Filmemacher)

    Das erstaunlichste am gestrigen Tag war, dass irgendetwas endlich einmal Folgen hatte. Was war überhaupt? Wurden Strache und Gudenus etwa auf Ibiza beim Absingen einschlägiger Burschenschaftslieder gefilmt? Nein, viel schlimmer! Sie wurden von sechs versteckten Kameras dabei festgehalten, wie sie das taten, was man in Österreich wirklich niemals tun darf: gegen die Kronen Zeitung sein! Sobald klar war, dass die Krone Strache und Gudenus fallenlassen würde, hat auch Sebastian Kurz sie fallengelassen. Was für eine perfekte Gelegenheit, "einzig den Lesern verpflichtet"! Wenn das lange geplante Neuwahlspiel des von der Industrie finanzierten selbstlosen Heilbringers aufgeht, wird es ab Herbst leider noch viel schlimmer werden für alle, die nicht von GmbH-Gewinnen, Zinsen oder Mieteinnahmen leben.


    foto: apa

    Franzobel (Schrifttsteller)

    Zuerst habe ich die jüngsten Ereignisse mit Freude erlebt. Ein Österreich ohne FPÖ-Regierungsbeteiligung ist in jedem Fall lebenswerter. Dann hat sich in mein Hochgefühl auch Skepsis gemengt: Die Macht der Kronen Zeitung ist nicht geschmälert, im Gegenteil. Die (umgehend dementierten, haha) Spenden der Großindustriellen an die FPÖ bleiben schockierend, und dass die Blauen durch eine Falle zerbröselt sind, hat auch einen bitteren Beigeschmack. Noch hat sich nicht viel geändert. Dieses Ibiza-Gate wirft viele Fragen auf und wird uns noch lange beschäftigen. Russische Oligarchen, Geheimdienste, Korruption im großen Stil? Das Ganze liest sich wie ein Thriller, so als hätte ich es erfunden. Mein letzter Krimi Rechtswalzer hat ja bereits vieles davon vorweggenommen.


    foto: porgy & bess

    Christoph Huber (Leiter des Wiener Jazzclubs Porgy & Bess)

    Warum nur hat mich das nicht sonderlich erstaunt, als die Meldung des Ibiza-Videos kam? Vielleicht, weil einen vor lauter publik gemachten Einzelfällen sowieso gar nichts mehr überraschen kann? Vielleicht auch, weil man nie an die moralische Integrität des rechten Lagers glauben wollte oder konnte? Vielleicht auch, weil in einem anderen Zusammenhang schon vor längerem von einer "abgesandelten Republik" gesprochen wurde. Vielleicht auch, weil vom "neuen Regieren" die Rede war, das verheißt im Regelfall selten was Gutes, noch dazu mit einer Partei, der vornehmlich das Gestern zur Rechtfertigung ihrer Gegenwart dient. Wählt nicht die Rechten, sondern die Richtigen. In ein paar Monaten gibt's dazu wieder Gelegenheit. Chapeau, Herr Kanzler! (Stephan Hilpold, 20.5.2019)

    • Am Ballhausplatz demonstrierten spontan Tausende gegen die türkis-blaue Regierung. Darunter viele Kulturschaffende.
      foto: apa

      Am Ballhausplatz demonstrierten spontan Tausende gegen die türkis-blaue Regierung. Darunter viele Kulturschaffende.

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