Vergessene Sammlerlegende Anton Loew

    18. Mai 2019, 12:00
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    Der Sanatoriumsgründer und Secession-Mäzen besaß eine umfangreiche Sammlung. Vieles ist seit der NS-Zeit verschollen. Restitutionen blieben rar

    Als Gustav Klimt seine Judith 1901 erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, verfehlte sie ihre erotische Wirkung auf das männliche Publikum nicht. Selbst Kunstkritiker schmissen sich ihr symbolisch vor die Füße, hingerissen von ihrem "knabenhaft zarten" Leib, "der sich zu dehnen und zu strecken scheint" und den "kleinen, knospenden Brüsten, die sich mit selbstständiger Gebärde darbieten", wie Felix Salten schwärmte.

    Dazu pries der Autor, der 1906 anonym die Memoiren der Josefine Mutzenbacher publizierten, den "flimmernden Fleischton, über den tausend spielende Lichter zärtlich hinweghuschen", traute ihr jedoch auch "kleine scharfe Bisse" zu. Mit der traditionellen Ikonografie der biblischen Figur hatte diese Femme fatale nichts mehr zu tun.

    Auf ihre Verführung setzt das Belvedere bis heute. Die kleinformatige Judith I tingelt seit Jahren von Show zu Show und spielt jedes Mal um die 100.000 Euro an Leihgebühr ein. Seit einem Monat fungiert sie in Japan als Testimonial für die in Kooperation konzipierte Schau Gustav Klimt: Vienna-Japan 1900, die derzeit in Tokio und ab Juli in Toyota anberaumt ist. Für das Plakatsujet wählte man ein Close-up auf Judiths laszives Mienenspiel, ganz ohne Busenblitzer, der öffentlich hätte verstören können.

    foto: belvedere
    Judith I, 1901 von Gustav Klimt gemalt, fungiert aktuell als Testemonial einer Ausstellung in Japan. Ihr erster Besitzer war Anton Loew. 1920 ließ die Familie das Gemälde in Genf versteigern.

    Ein visionärer Mediziner

    An den Maßstäben des Kunstmarktes orientiert war sie schon bei ihrem ersten Auftritt in der Secession im Frühjahr 1901 eine Trophäe. Wer sie damals erwarb? In der Fachliteratur sucht man seinen Namen vergebens. Trotz der Bedeutung dieses Werkes im OEuvre Klimts mochten die Autoren der Werkverzeichnisse auf genaue Provenienzrecherche bislang keine Mühen verschwenden.

    Einzig das Belvedere führt den Namen des ersten Eigentümers mittlerweile in der Datenbank: Anton Loew, ein visionärer Mediziner, Mäzen und Kunstsammler. Das von ihm gegründete gleichnamige Sanatorium in der Mariannengasse im 9. Wiener Gemeindebezirk war weit über die Grenzen der k. k. Monarchie hinaus bekannt.

    Anders als der gegenwärtig mit einer Pflegeanstalt verknüpfte Begriff Sanatorium nahelegen würde, handelte es sich um ein hochmodernes Privatspital, in dem die Koryphäen unter den Medizinern ihre Privatpatienten behandelten oder operierten: die Hochwohlgeborenen, die Mitglieder aus Königs- und Kaiserhäusern ebenso wie Vermögende oder Prominente.

    Sah man vom Komfort für Patienten ab, nährte vor allem der "konzentrierte Auszug alles klinischen Wissens und Könnens" das Ansehen des Sanatoriums, wie Ludwig Hevesi im Nachruf auf Loew 1907 vermerkte. Insofern sei es "etwas ganz Natürliches", dass Loew auch als "Kunstfreund und Sammler, einer der nobelsten von Wien, ein begeisterter Anhänger und Förderer der modernen Kunst war". Es hänge "eben alles mit allem zusammen", schlussfolgerte Hevesi.

    "Museum von Appetitlichkeit"

    Dennoch geriet Anton Loew, der zu den Stiftern der Secession gehörte, völlig in Vergessenheit. Auch als Sammler, dessen Heim Objekte der Renaissance und des Barock schmückten, Gemälde, Skulpturen, Porzellan, Silber und erlesenes Mobiliar. Darunter auch Werke von Auguste Rodin, Giovanni Segantini, Maurice Denis oder Ferdinand Hodler. Die "Klimts" nicht zu vergessen, Zeichnungen oder das 1902 gemalte hinreißende Porträt der Tochter des Hauses.

    Als "ein Museum von Appetitlichkeit", ein "Lebensbild, voll von der Seele des Bewohners", hatte Hevesi das unweit des Sanatoriums gelegene Palais der Familie bezeichnet, das in der NS-Zeit zerstört wurde. Im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne.

    foto: privatarchiv
    Fotografien aus dem Inneren des Palais Loew haben sich nicht erhalten. Von der einstigen Pracht des Salons zeugt ein Aquarell von Armin Horovitz: Im Detail sind hier am Kaminsims zwei Büsten erkennbar, links ein Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt.

    Nach dem Tod ihres Vaters hatte Gerta (Gertrud) als Hauptgesellschafterin die Leitung des Sanatoriums übernommen. Eine Position, die sie bis zum Anschluss im März 1938 innehatte. Das Sanatorium wurde arisiert, die Aktiengesellschaft liquidiert.

    Ihre Kinder aus der Ehe mit dem 1923 verstorbenen Elemer von Felsövanyi hatten zu diesem Zeitpunkt längst das Land verlassen. Sie selbst flüchtet im Frühjahr 1939 nach Belgien und emigrierte später in die USA.

    foto: wien museum
    Messerschmidts "Die Einfalt im höchsten Grade" gelangte im Juni 1939 über einen Ankauf (1500 RM) von der Galerie Wolfrum in den Bestand des Historischen Museums der Stadt Wien. Dabei dürfte es sich um einen Charakterkopf aus der Sammlung Loew handeln.

    Die Einrichtung des Palais, Wertgegenstände und die Kunstsammlung verblieben in Wien. Laut Vermögensanmeldung belief sich deren Wert auf rund 90.000 RM. Trotz intensiver Bemühungen fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur einige wenige Kunstwerke, das Gros blieb verschollen. So auch Klimts Porträt von Gerta, das, wie Jahrzehnte später rekonstruiert werden konnte, zusammen mit Zeichnungen 1941 im Besitz des NS-Propagandaregisseurs Gustav Ucicky landete.

    Diese Werke waren 2015 Gegenstand eines Restitutionsvergleiches mit der von Ucickys Witwe Ursula gegründeten Klimt-Foundation. Das Porträt Gertas wurde 2015 via Sotheby's London für 34,78 Millionen Euro (inkl. Aufgeld) versteigert, der Nettoerlös geteilt. Die fünf Klimt-Zeichnungen hatten die Erben der Klimt-Foundation mit der Hälfte ihres Schätzwertes abgegolten: Eine davon geht jetzt als Dauerleihgabe an das San Francisco Museum of Modern Art, zwei weitere gelangen nun (17. 6.) bei "im Kinsky" zur Versteigerung.

    foto: privatarchiv
    1835 schuf Ferdinand Georg Waldmüller Porträts der Familie Werner: jenes von Johann und seiner Ehefrau Magdalena war einst über Vermittlung Carl Molls in die Sammlung Loew gelangt. Wenige Tage nach Gerta Felsövanyis Flucht verkaufte eine Bekannte das Gemäldepaar unautorisiert und unter einem Decknamen an Bruno Grimschitz. Im April empfahl die Kommission jetzt eine Rückgabe der Gemälde.

    Zu den bereits im Herbst 1945 von der Familie "gefundenen" Objekten gehörten zwei Gemälde Ferdinand Georg Waldmüllers im Bestand des Belvedere: Die 1835 datierten Bildnisse eines gewissen Johann Werner und seiner Frau Magdalena waren im Mai 1939 vom damaligen Direktor Bruno Grimschitz angekauft worden. Damit befasste sich der Kunstrückgabebeirat erstmals 2000 und lehnte eine Rückgabe ab – ein Beschluss, der im April revidiert wurde.

    Ungeklärter Messerschmidt

    Der Knackpunkt war eine Vollmacht, die Gerta Felsövanyi einer Bekannten zum Zwecke der Übersiedlung der Güter ins Exil übertragen hatte. Selbige entpuppte sich rückblickend jedoch als Betrügerin, die so gut wie alles verscherbelte. Teils über die Galerie Wolfrum, darunter die Waldmüller-Bilder. Die gleiche Herkunft weist ein Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt im Bestand des Wien-Museums auf: Die Einfalt im höchsten Grade war einer von sechs, die sich noch 1938 im Palais Loew befanden.

    Erkennbar ist er auf einer Gouache, die das Interieur des Salons zeigt – der einzige Beleg, der den Erben verblieb, da sämtliche Dokumente und Fotografien während des Zweiten Weltkriegs verlorengingen. Die einst der Vermögensanmeldung beigelegte Schätzliste hat sich gleichfalls nicht erhalten.

    Die Wiener Rückstellungskommission lehnte eine Rückgabe bislang ab: Das Aquarell reiche als Beweis nicht aus, da die für Messerschmidt zuständige Expertin Maria Pötzl-Malikova wegen der "Ungenauigkeit" eine Identifikation verweigere.

    Auf einer zwischenzeitlich im Archiv des Bundesdenkmalamtes aufgefundenen Schätzliste von 1919 scheinen die Köpfe zwar auf, wurden aber nicht näher spezifiziert. Anders im Falle der unter Nr. 125 verzeichneten und auf 5000 Franc taxierten Judith.

    Das Gemälde wurde im April 1920 bei der Galerie Moos in Genf für 3750 Schweizer Franken versteigert. Erworben wurde es von Ferdinand Hodlers Witwe Berthe, die es im Jahr 1954 für umgerechnet 17.800 Schilling an die Österreichische Galerie verkaufte. (Olga Kronsteiner, 18.5.2019)

    WISSEN

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich die Familie um die Auffindung der in der NS-Zeit verschwundenen Sammlung. Mit mehr als spärlichem Erfolg. DER STANDARD begleitet diese Causa seit einigen Jahren. 2013 gründete Ursula Ucicky, Witwe des NS-Propagandaregisseurs, die Klimt-Foundation, in die sie einige Kunstwerke einbrachte.

    Dazu gehörte auch das 1902 von Gustav Klimt gemalte Porträt von Gertrude Felsövanyi (geborene Loew). Ihr Sohn Anthony Felsovanyi und andere hatten sich viele Jahre um Kontakt mit Ursula Ucicky bemüht. Die Briefe waren allesamt unbeantwortet geblieben. Peter Weinhäupl, Vorstand der Klimt-Foundation und damals noch wirtschaftlicher Direktor des Leopold-Museums, sicherte im September 2013 zu, eine "gerechte und faire Lösung im Sinne der Washingtoner Principles" anzustreben. Anthony Felsovanyi sollte sie nicht mehr erleben, er verstarb 98-jährig am 7. Oktober 2013.

    Die Sammlung von Gustav Ucicky, ein unehelicher Sohn von Gustav Klimt, rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Im November 2013 förderten STANDARD-Recherchen zutage, dass die Klimt-Foundation auch im Besitz von Klimt-Zeichnungen aus der Sammlung Loew-Felsövanyi war.

    2015 kam es zu einem Restitutionsvergleich zwischen der Klimt-Foundation und den den Erben nach Felsovanyi, dem die Versteigerung des Klimt-Gemäldes bei Sotheby’s in London folgte. Die fünf Zeichnungen von Gustav Klimt wollte Familie Felsovanyi vorerst behalten und galt sie der Klimt-Foundation zur Hälfte ihres Schätzwertes ab. Zwei dieser Zeichnungen von 1897/98 gelangen nun bei "im Kinsky" zur Versteigerung.

    • Gustav Klimts "Damenbrustbild von vorne" von 1897/98 (200.000-400.000 Euro) zierte mit fünf weiteren vergleichbaren Zeichnungen einst die von Koloman Moser konzipierte Wohnung der jung vermählten Tochter Anton Loews. Einem Restitutionsvergleich von 2015 folgend, gelangt diese Zeichnung zusammen mit einer weiteren nun aus dem Besitz der Familie zur Auktion.
      foto: im kinsky

      Gustav Klimts "Damenbrustbild von vorne" von 1897/98 (200.000-400.000 Euro) zierte mit fünf weiteren vergleichbaren Zeichnungen einst die von Koloman Moser konzipierte Wohnung der jung vermählten Tochter Anton Loews. Einem Restitutionsvergleich von 2015 folgend, gelangt diese Zeichnung zusammen mit einer weiteren nun aus dem Besitz der Familie zur Auktion.

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