Wenn Medien über Medien berichten: Jenseits der Selbstbeobachtungsfalle

    17. Mai 2019, 12:10
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    Wie beurteilt Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin Medienjournalismus? Und wie erlebte er die ersten 20 Jahre des Branchendiensts derStandard.at/Etat?

    Medienberichterstattung ist, sich und einander beim Beobachten öffentlich zu beobachten. Medienjournalismus meint dabei jenen Teil dieser vielfältigen Beobachtungen, der aus den unterschiedlichsten sozialen Systemen medienbezogene Themen sammelt, sie selektiert, bearbeitet und publiziert. Sein Spezifikum ist dabei das Objekt der journalistischen Arbeit: eben die Medien und der Journalismus selbst.

    In diesem simplen Umstand liegt auch schon ein zentrales Problem: Denn wie soll man (kritische) Distanz zu einem Themenfeld aufbauen, in dem man selbst tätig ist? Medienjournalismus steht also unter Verdacht. Unter Verdacht, gar kein Journalismus im engeren Sinn zu sein, sondern "Hofberichterstattung", gut gemachte und trefflich verschleierte (Eigen-)PR, eine publizistische Speerspitze im Konkurrenzkampf, das Verschweigen eigener Fehler durch Ablenkung (auf die der anderen) oder schlicht auch nur unterhaltsame Pannen- und Patzersammlung.

    Diese Kommunikation wird mit dem Ziel betrieben, möglichst kostengünstig und effizient PR-Leistungen für Produkte des eigenen Unternehmens beziehungsweise der eigenen Mediengruppe zu erbringen. Die journalistische Leistung wird zur Verbesserung der wirtschaftlichen Verwertungsbedingungen instrumentalisiert und als Teil einer integrierten Unternehmenskommunikation verstanden.

    Teil einer kritischen Selbstreflexion

    Andererseits kann Medienjournalismus auch mit dem Ziel betrieben werden, dem Publikum "media literacy" und Medienmündigkeit zu vermitteln und Teil einer kritischen Selbstreflexion und damit einer aufgeklärten Öffentlichkeit zu sein.

    Mit klugen Beiträgen zu dieser kann der Medienjournalismus helfen, den Sinn und die Funktion von professionell journalistisch hergestellter Öffentlichkeit auch in Bezug auf sich selbst zu erhellen. Ehrlichkeit auch Fehlern des eigenen Hauses gegenüber, analytische Ableitung, evidenzbasierte Argumentation, das Anbieten mehrerer Begründungen, das Offenlegen von Zweifeln und das Eintreten für Professionalität und ethische Integrität sind Zentralmotive dieser Auffassung.

    Um Letzteres bemüht Etat sich seit 20 Jahren – und macht nicht nur deutlich, dass Medienberichterstattung selbstverständlicher Teil jeder aktuellen Reflexion der Mediatisierung der Gesellschaft sein sollte (und damit jedes Mediums), sondern auch, dass es möglich ist, nicht in die Selbstbeobachtungsfalle zu tappen und auch in Bezug auf das eigene Handeln professionell und mit großer Transparenz zu agieren.

    Etat zeigt: Medienjournalismus jenseits von Special-Interest-Publikationen und Fachzeitschriften ist auch in Österreich möglich – in einer Tageszeitung und mit Niveau. Es geht also. Solide recherchiert, gut geschrieben, unterhaltsam und informativ, mit Daten und Archivmaterial hinterlegt, transparent und deutlich, wenn es um die Rolle und Relevanz von Qualitätsjournalismus für Gesellschaft und Demokratie geht.

    Auch wenn man im Detail die eine oder andere Präzisierung und für manche Themen mehr Platz erhoffen würde, erfüllt Etat jedenfalls die erste und vornehmste Pflicht des Medienjournalismus: überhaupt betrieben zu werden! (Matthias Karmasin, 17.5.2019)

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