Forscher will mysteriösen Voynich-Code entschlüsselt haben

    16. Mai 2019, 07:22
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    Der Romanist Gerard Cheshire präsentiert eine Lösung für das geheimnisvollste Buch der Welt. Experten zweifeln

    foto: apa/afp/cesar manso
    So sieht das rätselhafte Voynich-Manuskript im Original aus (beziehungsweise das exakte Faksimile davon).

    Unzählige Sprachwissenschafter, Kryptografen und Computerprogramme haben sich bereits daran versucht und sind gescheitert: Die Rede ist von der Entzifferung des sogenannten Voynich-Manuskripts, das seinen Namen dem polnischen Büchersammler Wilfrid Michael Voynich verdankt, der das Manuskript 1912 kaufte und für die Wissenschaft "entdeckte".

    Zuvor hatte sich das mittelalterliche Schriftstück übrigens auch einmal in "österreichischem" Besitz befunden, da es gut 300 Jahre vor Voynich der Habsburger Herrscher Rudolf II. (1552–1608) erworben hatte. Seit genau 50 Jahren befindet sich das rund 200-seitige Schriftstück unter Katalognummer MS 408 nun im Bestand der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University in den USA.

    Da sich Wissenschafter wie auch künstliche Intelligenzen in Sachen Schrift und Sprache von MS 408 bisher die Zähne ausbissen, wurde immer wieder darüber spekuliert, dass es sich bei dem Buch um einen großen mittelalterlichen Hoax handeln könnte, sprich: Die Geheimschrift sei ein reines Fantasieprodukt. Dagegen spricht, dass die zahllosen Abbildungen botanische, anatomische und astronomische Zusammenhänge zeigen und mit Sorgfalt gezeichnet wurden.

    Dutzende Deutungsversuche

    Allein in der deutschen Wikipedia-Ausgabe finden sich 17 Forscher aufgelistet, die seit der Entdeckung durch Voynich vor gut 100 Jahren widersprüchliche Teillösungen vorgelegt haben. Und auch hier im STANDARD wurde in den letzten Jahren von rund einem Dutzend neuen Anläufen und Deutungsversuchen berichtet, die sich allerdings letztlich fast immer als Irrtum erwiesen.

    Doch nun hat ein junger britischer Linguist namens Gerard Cheshire (Uni Bristol) in der fachbegutachteten Zeitschrift "Romance Studies" eine neue Ausdeutung und Teilübersetzung vorgelegt. Was der Autor unter dem Titel "The Language and Writing System of MS408 (Voynich) Explained" (online frei zugänglich) schreibt, liefert seiner Meinung nach Schlüssel zur Übersetzung und auch zur wahren Bedeutung des rätselhaften Manuskripts.

    Vermutete Verfasserin und Adressatin

    Cheshire will sogar die genaue Herkunft, das Erstellungsdatum und die Adressatin des mysteriösen Werks ermittelt haben: Seiner Interpretation nach wurde die Schrift kurz nach dem Jahr 1444 in der Nähe der Insel Ischia von einer Dominikaner-Nonne verfasst, und zwar als höfisches Handbuch für die Königin Maria von Kastilien (1401–1458).

    foto: yale university / gemeinfrei
    Eine der berühmtesten Abbildungen des Voynich-Manuskripts. Laut Cheshire geht es dabei um Informationen über therapeutische Badekuren für Schwangere.

    Die Art und Weise, wie dieser mögliche Durchbruch gelang, lässt alle bisherigen Voynichologen ein wenig wie Dilettanten dastehen: Angeblich brauchte der Forscher der Uni Bristol im Jahr 2017 nur zwei Wochen, um sowohl einige Rätsel des Schriftsystems wie auch das der Voynich-Sprache zu knacken, bei der es sich laut seinen Erkenntnissen um das einzige bekannte schriftliche Beispiel einer unbekannten Form von Proto-Romanisch beziehungsweise Urur-Italienisch handelt.

    Cheshire hat bei der Entschlüsselung laut eigenen Angaben eine ganze Reihe von Heureka-Momenten gehabt, "gefolgt von einem Gefühl des Unglaubens und der Aufregung, als ich die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für die Sprachwissenschaft wie auch für den Ursprung und den Inhalt des Manuskripts erkannte". Diese Erkenntnisse seien nämlich noch erstaunlicher als die populärkulturellen Mythen und Fantasien, die das Manuskript evoziert hat – von der Literatur über die Musik bis hin zu Computerspielen.

    Ausgestorbenes Proto-Romanisch

    Was also hat Cheshire konkret herausgefunden? Und warum sind die anderen Forscher gescheitert? Cheshires Antwort auf die zweite Frage ist zugleich auch die Lösung für die erste: Die Entschlüsselung sei deshalb so schwierig gewesen, weil MS 408 in einer nicht mehr verwendeten Sprache abgefasst sei: einem spätmittelalterlichen Vulgärlatein beziehungsweise Proto-Romanisch, das gerade dabei war, sich in die heutigen romanischen Sprachen wie Italienisch, Spanisch oder Portugiesisch zu differenzieren.

    Was die Schrift angeht, kommt Cheshire zu dem Schluss, dass neben gewöhnlicheren Schriftzeichen auch etliche heute nicht mehr übliche Zeichen verwendet wurden. Zudem gebrauchte die mutmaßliche Verfasserin abgewandelte Schriftzeichen zur Interpunktion und zur Setzung von phonetischen Akzenten. Cheshire entdeckte außerdem ein Fehlen von Doppelkonsonanten, den Gebrauch von Mehrfachvokalen als Abkürzung für fehlende phonetische Zeichen und den teilweisen Gebrauch von Latein und lateinischen Abkürzungen.

    foto: gerard cheshire 2019, romance studies
    Eines der komplizierteren von Cheshire entschlüsselten Zeichen.

    In seinem Artikel bringt der Forscher anhand von 60 Beispielen Übersetzungen einzelner Buchstaben, aber auch Interpretationen ganzer Passagen und Seiten. Dieses Wissen soll nun nach seinen Vorstellungen in einem nächsten Schritt genützt werden, um die gesamten rund 200 Seiten zu entschlüsseln. Das sollte laut Cheshire dank der bereitgestellten Dekodierungshilfen nun möglich sein, auch wenn diese Arbeit noch einige Zeit und Geld kosten werde.

    Ein Handbuch des spätmittelalterlichen Lebens?

    Auch bei Ursprung, Sinn und Zweck des Manuskripts lehnt sich Cheshire weit hinaus: MS 408 sei als ein Handbuch zum spätmittelalterlichen höfischen Leben zu lesen und enthält Informationen über pflanzliche Heilmittel, therapeutische Badekuren und astrologische Deutungen zu Fragen des weiblichen Geistes und Körpers.

    foto: yale university / gemeinfrei
    Eine der von Cheshire teilübersetzten Seiten (Blatt 53): Hier handelt es sich um die Beschreibung des Mittleren Sonnentaus (Drosera intermedia), der antivirale und antibakterielle Eigenschaften hat und deshalb Schwangeren empfohlen worden sei.

    Zudem gehe es darin um Fortpflanzung, Elternschaft und das Herz sowie dessen Einklang mit der katholischen Religion und heidnischen Überlieferungen im Mittelmeerraum des Spätmittelalters.

    Als genauen Entstehungsort identifizierte er die Insel Castello Aragonese bei Ischia, wo das Werk vermutlich in den Jahren 1445 bis 1448 für die Ehefrau von Alfons V. von Aragón verfasst worden sei, die auf der Insel ihren Hof hielt. Diese Behauptung stützt sich unter anderem auf diese im Manuskript zu findende Karte:

    foto: yale university / gemeinfrei
    Laut Cheshire stellt diese Karte die Entstehung einer Vulkaninsel in unmittelbarer Nachbarschaft von Ischia dar – was die Datierung des Manuskripts ermögliche.

    Diese Illustration zeigt laut Cheshire einen Vulkanausbruch bei Ischia im Jahr 1444 und einige kleine Tsunamis. Weitere Bilder würden eine von Königin Maria geleitete, zeitlich genau eingrenzbare Rettungsmission für Opfer des Ausbruchs darstellen und so die genaue Datierung möglich machen.

    Erfahrene Voynich-Spezialisten und Mediävisten wie etwa J. K. Petersen zeigen sich freilich skeptisch, um es höflich zu formulieren: So wird am "Voynich-Portal" Cheshires Untersuchung dafür kritisiert, dass die übersetzten Passagen zu viele Lücken und eingefügte "Erklärwörter" enthalten würden. Zudem sei völlig unklar, warum man Mitte des 15. Jahrhunderts eine Sprache verwendet haben soll, die bisher eher auf das 7. Jahrhundert datiert wurde. Noch vernichtender äußert sich die führende US-Mediävistin Lisa Fagin Davis oder der wissenschaftlich ausgewiesene niederländische Linguist Mark Dingermanse auf Twitter, unter anderem mit dieser Kurznachricht:

    Nachtrag: Am Freitag hat nun auch die Universität Bristol auf Nachfrage der Zeitung "The Guardian" reagiert und sich von Gerard Cheshires Erkenntnissen distanziert. Für diese sei ganz allein er selbst verantwortlich.

    Cheshires Enttäuschung über die Kritik und ihre Folgen scheint sich laut "Guardian" in Grenzen zu halten: Der Forscher, dem es an Selbstbewusstsein eher nicht zu mangeln scheint, habe mit einer Welle der Ablehnung gerechnet, die aber bald wieder abebben werde. Er verweist auf das anonyme und verblindete Peer-Review der Zeitschrift "Romance Studies", die seinen Artikel gedruckt hat.

    Das große Voynich-Rätselraten dürfte also weitergehen. (Klaus Taschwer, 16.5.2019, aktualisiert am 17.5.2019)

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