Die Donau – der Informationsfluss der Eisenzeit

Blog16. Mai 2019, 07:00
17 Postings

Die Sichtbarmachung unsichtbarer Monumente der Eisenzeit ist Ziel eines internationalen Projekts im Donauraum

Dass man als Archäologe häufig im Umland der großen Flüsse der Erde arbeitet, kommt nicht von ungefähr. Die formende Kraft des abfließenden Wassers gestaltete unsere Landmassen, und nach den Eiszeiten wanderten viele Arten über die Gewässer und Täler wieder in Mitteleuropa ein. Wichtige Entwicklungsschritte unserer Kultur erhielten in den fruchtbaren Flusslandschaften ihren Aufschwung und verbreiteten sich entlang der Flusstäler in weitere Regionen. Man denke nur an die ersten menschlichen Niederlassungen und frühen staatlichen Organisationen in Mesopotamien, dem Zweistromland um Euphrat und Tigris im heutigen Syrien und Irak, im Industal auf dem indischen Subkontinent oder am Nil in Afrika. Während ich die letzten Winter bei Projekten auf Inseln im Nil im Sudan und Ägypten bei der Erforschung pharaonischer Städte und Gräber mitarbeiten konnte, hat sich mein aktuelles Arbeitsgebiet wieder nach Europa verlagert. Um genau zu sein: an die Donau, den zweitgrößten Strom in Europa.

Aus dem Nahen Osten nach Europa

Von der Quelle nahe dem deutschen Donaueschingen bis zur Mündung ins Schwarze Meer am rumänisch-ukrainischen Donaudelta durchfließt die Donau auf 2.800 Kilometern sechs Staaten und bildet die Grenze zu vier weiteren. Damit stellt sie eine wichtige Ost-West-Verbindungslinie dar, wie wir Archäologen sie für alle Perioden der Menschheitsgeschichte immer wieder nachverfolgen können. Was wissen wir heute über diese Verbindungen?

Ein kurzer Abriss: Am Donauufer bei Lepenski Vir am Eisernen Tor, an der Grenze von Rumänien und Serbien, zeigen neue Analysen alter Grabungen die Anfänge der Ausbreitung von Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftwerdung aus Anatolien nach Europa vor 8.500 Jahren. Genetische Analysen zeigen, wie komplex der Übergang von mesolithischen, also jagenden und sammelnden, Bevölkerungsgruppen zu neolithischen Bauern war und dass es einen intensiven Austausch gab, bis hin zu gemeinsamen Kindern. Besonders intensiv wird der Tauschverkehr während der Bronzezeit vor 4.500 Jahren, da für die Herstellung von Bronze aus Kupfer und Zinn zwei Rohstoffe mit unterschiedlichen geografischen Vorkommen benötigt werden.

foto: f. kanitz: donau-bulgarien und der balkan: historisch-geographisch-ethnographische reisestudien aus den jahren 1860-1879. leipzig: verlagsbuchhandlung von hermann fries, 1879-1880, s. 62
Die Tumuli des osmanischen Militärlagers bei Widin in Bulgarien.

Entlang der Donau breiteten sich nicht nur Ressourcen, sondern auch technisches Wissen und eine neue Gliederung der Gesellschaft aus, die in der Kontrolle dieser Güter und in einer überregionalen Vernetzung einer höheren Schicht begründet war. Und während in Anatolien die Eisenverarbeitung schon in die Mitte des 2. Jahrtausends v. u. Z. zurückreicht, begann die Ausbreitung des Eisens als Werkstoff für Schmuck, Waffen und Werkzeuge nach Mitteleuropa über den Balkan und den Karpatenraum erst vor 2.900 Jahren. In der vom 9. bis zum 4. Jahrhundert v. u. Z. verbreiteten Hallstattkultur sind starke Ähnlichkeiten zwischen mittel- und osteuropäischen Regionen entlang der Donau und ihren Zuflüsse erkennbar, sodass auf enge kulturelle Verbindungen geschlossen werden kann.

Landschaftsprägende Grabmonumente

Die gesellschaftliche Gliederung macht sich auch im archäologischen Material bemerkbar. Während am Beginn der Bronzezeit reich ausgestattete Gräber angelegt werden, nimmt die Beigabe von Metallen am Ende der Bronzezeit, am Beginn des ersten Jahrtausends v. u. Z., ab. Ein neuer Impuls ist ab dem 9. Jahrhundert v. u. Z. feststellbar, als Waffen und Pferdezaumzeug von östlichen Reitervölkern in Grabhügeln höherstehender lokaler Persönlichkeiten beigegeben werden, häufig mit ersten Objekten aus Eisen.

Die Bestattung in großen Grabhügeln mit Waffen und reichen Beigaben wie Bronzegeschirr und Küchengerät für Festivitäten zeichnet in der Hallstattkultur die Gräber einer gehobenen Gesellschaftsschicht aus. Die Grabhügel werden gut sichtbar um die Siedlungen in Gruppen angelegt und beherrschen die Landschaft für Jahrhunderte. Es verwundert nicht, dass auch spätere Generationen deren Zweck kannten und zum Teil Jahrhunderte später, etwa im Frühmittelalter, die Monumente wieder als Bestattungsplätze benutzten. Der österreichische Forschungsreisende Felix Kanitz beschreibt im 19. Jahrhundert, wie in Donaubulgarien eisenzeitliche Grabhügel vom osmanischen Heer benutzt wurden, um die Zelte der Kommandanten darauf zu errichten. Er schreibt auch, dass die Grabhügel als Begräbnisstätten der Osmanen selber interpretiert werden.

foto: umj/n. lackner
Bronzemaske und Bronzepanzer aus fürstlich ausgestatteten Gräbern in Kleinklein (Steiermark).

In Mitteleuropa führte die Intensivierung der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Verschwinden eines Teils der Denkmäler, auch wenn die Einebnung der Hügel nicht die gänzliche Zerstörung der Gräber bedeuten muss. Neue Grabungen in Strettweg konnten reich ausgestattete Gräber in bereits gänzlich flachen Hügeln bergen.

Iron-Age Danube

Die Idee der Donau als Verbindungsweg zur Belebung des grenzübergreifenden Kommunikationsflusses liegt auch den Interreg-Programmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre) zugrunde. Im Rahmen des Kooperationsgebiets Donauraum schlossen sich daher Institutionen in fünf Ländern zusammen, um im Projekt Iron-Age Danube die interregionale Zusammenarbeit zu stärken. Dafür war die Erfassung aller archäologischen Fundstellen des 1. Jahrtausends v. u. Z. in den Partnerländern eines der Ziele. Anhand dieser Daten können wir nun Strategien zu deren Schutz, aber auch Wege der Vermittlung, Präsentation und Nutzung in den einzelnen Ländern entwickeln.

Gemeinsam entwickelte methodologische Werkzeuge und Wege der Erforschung und Sichtbarmachung wurden in den letzten zwei Jahren in neun Mikroregionen in vier Ländern eingesetzt: Großklein & Strettweg (Österreich), Jalžabet und Kaptol (Kroatien), Poštela und Dolenjske Toplice (Slowenien), Süttő und Sopron (Ungarn). In allen befinden sich herausragende Fundstellen der Hallstattkultur, die zwar einst monumentale Denkmäler aufwiesen, in vielen Fällen aber bereits durch Landwirtschaft und Bautätigkeit stark zerstört sind, sodass der interessierte Besucher ohne zusätzliche Gestaltung vor Ort nichts davon sehen könnte.

Zerstörungsfrei?

Die Universität Wien, für die ich tätig bin, ist insbesondere als Forschungseinrichtung mit Erfahrung im Bereich archäologischer Prospektion und Landschaftsarchäologie, also der Anwendung zerstörungsfreier großflächiger Untersuchungsmethoden, ein wichtiger Partner im Projekt. Wie aufmerksamen Lesern des Blogs bekannt sein wird, besteht der Alltag von Archäologen natürlich nicht nur aus Grabungen. Gerade Grabhügel eignen sich hervorragend zur Untersuchung mit unseren Fernerkundungsmethoden. Eingeebnete Grabhügel zeichnen sich bei unseren Luftbildflügen häufig als Kreise im Getreide ab, und in Waldgebieten können noch so unscheinbare Hügel durch flugzeuggetragenes Laserscannen detektiert werden. Zusätzliche geomagnetische Messungen zeigen uns Details zum Erhaltungszustand, und mit Radar- und Geoelektrikmessungen erhalten wir ein Bild des inneren Aufbaus der Monumente.

foto: luftbildarchiv des instituts für urgeschichte und historische archäologie der universität wien, m. fera
Grabhügel in Niederösterreich, nur mehr aus der Luft sichtbar.
foto: m. fera
Grabhügel an der österreichisch-ungarischen Grenze, Laserscandaten.

Ein herausragendes Beispiel eines wahrlich monumentalen hallstattzeitlichen Grabbaus stellt der Grabhügel "Gomila" bei Jalžabet südlich von Varaždin in Kroatien dar. Mit 75 Metern Durchmesser und acht Metern Höhe gehört er zu den größten Grabhügeln Mitteleuropas. Unsere Kollegen des Instituts für Archäologie Zagreb (IARH) führten im Rahmen des Projekts sämtliche zerstörungsfreien Untersuchungen durch, um ein möglichst umfassendes Bild dieses 2.700 Jahre alten Denkmals zu erhalten.

Dabei fiel den Kollegen in den Datensätzen eine Anomalie im Zentrum auf, die so häufig mit Beraubungen in Zusammenhang steht. Die Überraschung war groß, als weitere Untersuchungen an der Oberfläche zeigten, dass der Grabhügel nicht antik, sondern unmittelbar vor Beginn des Projekts von "Schatzsuchern" geplündert worden war. Die vergebliche Hoffnung auf Reichtum und schnelles Geld dürfte dazu geführt haben, dass Grabräuber einen über sieben Meter tiefen Schacht im Zentrum des Grabhügels bis in die Grabkammer gegraben hatten. Der Schaden ist groß, gerade weil der Zustand der Metallbeigaben einer sorgfältigen Bergung und professionellen Konservierung bedarf, um sie nicht zu zerstören. Die dadurch notwendigen Maßnahmen sind nun im zweiten Jahr und zeigen, wie aufwendig eine wissenschaftliche Grabung an einem solchen Monument ist und warum sie nur in Ausnahmefällen vorgenommen wird.

foto: m. fera
Großgrabhügel von Jalžabet in Kroatien; vom Boden und aus der Luft sichtbar.
foto: m. fera
Beraubungsschacht am Grabhügel Jalžabet. Der Schacht war mit Plastikplanen und einem Holzdeckel abgedeckt und mit einer dicken Schicht Erde getarnt.

Sehen und erleben

Trotz solcher leider wohl nicht zu verhindernder Ereignisse bleiben die Ziele unseres Projekts klar: Durch leicht zugängliche Informationen wollen wir Interesse wecken, das wiederum zu Verständnis und Wertschätzung führt, sodass auch in Zukunft ein Schutz der gefährdeten Denkmäler in Einklang mit (regionalen) sozialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsplänen möglich wird. Neben der Gestaltung von touristischen Informationspfaden und Veranstaltungen in den einzelnen Regionen ist eine App von unseren ungarischen Partnern in Entwicklung, die den Besucher eisenzeitlicher Fundstellen in der Landschaft mit Beschreibungen versorgen soll und das Unsichtbare Kulturerbe in allen fünf Partnerländern besser begreifbar macht. Die App wird demnächst auf der Informationsseite des Projekts zum Download bereitstehen.

Neben virtuellen und digitalen Bildern sind es aber manchmal doch die handfesten Objekte, die das vergangene Leben besser erfassbar machen. Eine Gelegenheit zum Anfassen und Miterleben bieten Freilichtmuseen wie das eisenzeitliche Dorf von Schwarzenbach. Dort wurde nach langjähriger Forschung ein Teil eines keltischen Oppidums, einer befestigten Stadt, von meinen Kollegen der Universität Wien rekonstruiert. Am 30. Mai findet die Eröffnung eines neuen Ausstellungsraums statt, und beim Rahmenprogramm kann man auch mit allen beteiligten Forschern plaudern und sich austauschen. (Martin Fera, 16.5.2019)

Martin Fera ist Archäologe, der sich mit neuesten Methoden und Techniken im Fach beschäftigt. In den vergangenen Jahren war er für Projekte des Luftbildarchivs über 60 Flugstunden in der Luft; seine Tätigkeit in der geophysikalischen Prospektion brachte ihn nach Italien, Norwegen, Deutschland und in andere Länder Europas. Für die Universität Wien war er langjähriger Grabungsleiter in der keltischen Siedlung Schwarzenbach in Niederösterreich und für die LMU München Vizegrabungsleiter im Sudan. Twitter: @mfera0

Links

Share if you care.