Mónica Calle bei den Wiener Festwochen: Der große Sieg im Scheitern

    14. Mai 2019, 15:11
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    Feministische Performance "Ensaio para uma Cartografia" in anarchischer Brillanz

    Wenn zu Beginn eines Stücks erklärt wird, worum es im Folgenden gehen wird, ist das oft kein gutes Zeichen. Auch die Performance Ensaio para uma Cartografia der portugiesischen Performancemacherin Mónica Calle fängt so an. Allerdings scheitert der Versuch einer Einleitung so grandios, dass der Verdacht aufkommt: Hier wird etwas mit Absicht hintertrieben.

    Dreizehn Frauen betreten im Museumsquartier in der Halle G die Bühne. Sie tragen Instrumente bei sich. Calle selbst beginnt mit ihrer Erklärung auf portugiesisch, eine ihrer Darstellerinnen versucht sich an der deutschen Übersetzung. Dabei führt sie ein Misslingen vor, das vom Publikum gleich als eine Anstrengung des guten Willens verstanden wird.

    Jetzt kann die Gruppe ihre Kleidung ablegen und die Instrumente vorbereiten, während eine Geräuschkulisse vom Band die Vorbereitung eines Orchesters hören lässt. Dann ist es soweit: Ein Dirigent beginnt mit der Probe des Bolero. Die Frauen stellen sich in Keilformation auf und tanzen.

    Geisterhafter Klangraum

    Immer wieder unterbricht der Maestro. Die Frauen bleiben gelassen. Wenn der Dirigent spricht, halten sie still. Sobald das Orchester wieder spielt, bewegen sie sich mit. So blühen sie auf zum lebenden Bild, und je mehr Zeit verstreicht, desto weniger "nackt" wirken sie. Immer genauer erschließt sich die Unterschiedlichkeit ihrer Körper. Der Meister leitet seine virtuosen Musikanten durch den Bolero, bis ihr Zusammenspiel funktioniert.

    Zweimal wechseln Musikstücke und Dirigenten, doch der Bolero kommt immer wieder zurück. Währenddessen enträtselt sich das Spiel der Frauen. Im geisterhaften Klangraum männlicher Meisterschaft machen ihre lebendigen Erscheinungen die Wirklichkeit aus. Während die Maestros mit schauerlich falschem Mitsingen ihre Orchester anfeuern, stellen sie eine Meisterschaft der anderen Art her.

    Virtuosinnen der Verwandlung

    Alle streifen Spitzenschuhe über und scheitern am Versuch, sich ein wenig "en pointe" zu bewegen. Die Größe ihres Versuchs ist das Thema dieses Stücks: Die Darstellerinnen sind eben keine Ballerinnen, sondern Virtuosinnen der Verwandlung – des Blicks auf den Körper und des Stereotyps einer heroischen Künstlerschaft.

    Damit versucht Mónica Calle, die "Karte" der in uns angelegten Erwartungsmuster umzuschreiben. Und folgt einem genauen Plan. In der Dramaturgie dieser Arbeit entfaltet sich die Subversion eines gezielt eingesetzten Dilettantismus. Zu sehen sind souveräne Anarchistinnen in einer genialen feministischen Performance. (Helmut Ploebst, 14.5.2019)

    • Dilettantismus in höchster Professionalität: Mónica Calle.
      foto: bruno simao

      Dilettantismus in höchster Professionalität: Mónica Calle.

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