Taiwans Vorurteil: In Europa muss man saufen können

    Blog15. Mai 2019, 15:03
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    Endspurt: Dabei stoßen wir auf skurrile Busmitfahrer und taiwanesische Fake-News

    Wir befinden uns im Jahr 108 nach taiwanesischem Minguo-Kalender. Viele der Restaurants und Geschäfte in Taiwan, die ich vor zwei Jahren zumindest von außen her zu erkennen wusste, sind zu kleinen Spielhallen geworden, die sich, der Anzahl der Cafés in Seoul nahekommend, in beängstigender Dichte vermehrt haben und gleichermaßen schlecht bis gar nicht besucht sind. Meine Cousine in Tainan erklärt mir, dass viele ihren ursprünglichen Betrieb geschlossen haben und stattdessen auf ihren Immobilien nun Spielautomaten, zumeist Greifautomaten, an Privatpersonen vermieten. Diese zahlen im Monat eine bestimmte Summe und dürfen sich dafür den Münzeinwurf der Spielenden behalten. Meist verdienen die Eigentümer der Realitäten dadurch mehr, als mit dem, was sie zuvor darauf verkauft haben. Inzwischen haben aber schon so viele Menschen diese Idee aufgegriffen, dass auch dieser Markt komplett überflutet ist. Damit das Geld trotzdem fließt, ist innerhalb dieser Spielhallen ein seltsamer Trend entstanden: Da die Inhaber dieser Spielautomaten meist selbst der Zockerei nicht ganz so abgeneigt sind, sehen sie es als Herausforderung, die Gewinne von anderen Automaten zu erspielen und sie als Trophäen in ihren eigenen Automaten zu legen. Gewinnbringend ist das allerdings nicht.

    foto: jimmy brainless
    Greifautomaten in ehemaligen Geschäftslokalen.

    Busfahren und Nägel machen

    Wir haben einen Auftritt an der European School in Taipeh. Bei der Feier anlässlich des Europatages spielen wir einige unserer Stücke. Das Publikum, größtenteils zwischen neun und elf Jahren anzusiedeln, findet die Texte vom Elias überraschend unterhaltsam. Er musste allerdings dafür eine Passage in einer Geschichte streichen, in welcher ein Vater dem zwölfjährigen Sohn ein Bier anbietet. Das gehe nicht, kommt von der schulführenden Ebene. Aber ein Text, wo innerhalb eines Streites Geschirr geworfen und verbale Gewalt stattfindet, wird kommentarlos zugelassen. Schon spannend, was manche Menschen für Kinder als zumutbar empfinden und was nicht. Vielleicht hätte der Vater in der Geschichte den Sohn mit Bierflaschen bewerfen und währenddessen beschimpfen müssen und der Text wäre wieder okay gewesen, wer weiß.

    Nach unserem Auftritt fahren wir nach Taichung. Es fällt uns auf, dass der Bus, mit dem wir zu unserem Hostel fahren, mit Topfpflanzen dekoriert ist. Vorne auf der Armatur stehen sie, auf den Ablageflächen im Passagierraum hocken sie ebenfalls und lassen vergnügt ihre Blätter mit den Unebenheiten der Straße wippen. Anscheinend ist es in Taiwan möglich, dass die Busfahrer die Innenausstattung persönlich auswählen dürfen. Denn als wir in einen anderen Bus einsteigen, ist dieser voller Plüschtiere, sodass es schon fast schwierig ist, zwischen den ganzen Pikachuschwänzen und Totoroschnurrbärten noch Haltegriffe zu finden.

    Busfahren in Taichung ist überhaupt anders als gewohnt. Das Angenehme daran ist: es kostet nichts. Das hat die Stadtregierung durch eine Initiative, um die Bewohner dazu zu bewegen, mehr öffentlich zu fahren, durchgesetzt. Das etwas Unangenehme, was wir erleben, ist wahrscheinlich ein ziemlicher Einzelfall und eigentlich auch wieder ganz lustig. Als wir an unserem freien Tag in die Stadt fahren, bemerken wir ein Paar im Bus, das angestrengt damit beschäftigt ist, sich gegenseitig die Fingernägel zu schneiden. Fluchend ermahnen sie sich gegenseitig aufzupassen, wenn der Bus plötzlich bremst oder an Kreuzungen abbiegt. Die abgeschnittenen Nagelstücke fliegen dabei wild durch die Sitzreihen und innerlich scheinen alle zu hoffen, dass das Prozedere bald ein Ende hat. Als wir aussteigen, sehe ich noch aus dem Augenwinkel, wie die Frau noch eine Nagelfeile aus ihrer Tasche zieht…

    foto: jimmy brainless
    Maniküre im Bus.

    "Richtig sei es nicht"

    Das Hostel, in dem wir unterkommen ist übrigens sehr sauber, die Menschen dort unglaublich nett und die Stimmung enorm entspannt. Von Kakerlaken keine Spur. Wir werden wohl nie erfahren, wie es sich anfühlt, Taiwan richtig erlebt zu haben. Auch der Besitzer des Hostels ist ultrafreundlich, zwar verwechselt er nicht nur erst – was wir schon zu genüge gewohnt sind – Austria mit Australia, sondern schafft es auch eine phonetische Ähnlichkeit zwischen Vienna mit Vietnam festzustellen, was in Wirklichkeit gar nicht so weit hergeholt ist, wenn man beide Wörter ganz schnell und ganz undeutlich ausspricht.

    In gemütlicher Runde plaudern wir mit den Anwesenden unseres Konzerts, spielen zwischendurch unser Set. Anschließend kommt es wieder zu recht politischen Gesprächen. Man erzählt uns vom Bürgermeister in Kaohsiung, der während seines Wahlkampfes recht große Worte posaunt hat. Unter anderem habe er vor, in Kaohsiung ein Disney World zu erbauen. Oder, dass er Taiwan nicht nur international wieder superrelevant machen will, sondern auch gleich im ganzen Universum. Es scheint wohl jedes Land einen Trump zu haben.

    Und wir erfahren, dass Fake News auch in Taiwan ziemlich verbreitet sind. Vor allem der Kanal des CTI TVs sei bekannt dafür, Unwahrheiten zu verstreuen, oft auch zu Gunsten der Kuomintang, eine Partei, die sich tendenziell pro China ausspricht. Dieses Netzwerk bezahlt angeblich Lokale und Restaurants, damit sie auf ihren Fernsehern nur ihren Sender ausstrahlen. Der Hostelbesitzer grübelt kurz und meint dann, wenn sie ihm 50.000 Taiwan-Dollar im Monat zahlen würden, würde er das auch tun. Die am Gespräch Teilnehmenden versuchen ihn daran zu erinnern, dass er auch eine ethische Verantwortung zu tragen habe, widerstrebend meint er, dass das aber schon viel Geld sei. "Aber ja, aber ja eh, richtig sei es nicht", fügt er hinzu.

    Des Weiteren erzählt man uns, dass häufig auch taiwanesische Facebookseiten mit hoher Like-Anzahl von chinesischer Seite abgekauft werden, um auch von dort aus möglichst viel manipulieren zu können. "Meine Facebook-Seite würde ich um 1.000.000 Taiwan-Dollar verkaufen", meint der Hostelbesitzer lachend. "Aber bevor ihr was sagt: Ich würde das Geld nutzen, um eine Organisation zu gründen, die dagegen ankämpft, dass Taiwan weiterhin so von China kontrolliert wird."

    Viele der gesagten Dinge klingen wie Verschwörungstheorien. Einige kann man recherchieren und sie werden sich als nachgewiesen herausstellen, einige bleiben, zumindest wenn man auf englische und deutschsprachige Suchergebnisse angewiesen ist, unbestätigt. Unserem Bild von China tut dies trotzdem nicht so gut. Wir erzählen von unserem Erlebnis, dass wir in China Menschen gefragt haben, ob sie wissen, dass in ihrem Land gerade eine Schweinepest wütet und dies bereits dazu führte, dass über hunderttausend Schweine getötet werden mussten. Niemand wusste davon. Und niemand interessierte es. Und das ist schon irgendwie beängstigend. Beides. Und das auch noch im Jahr des Schweines.

    foto: jimmy brainless
    Hund als Beifahrer, Taichung.

    Alkohol trinken als Vorbereitung auf Europa

    Am nächsten Tag besuchen wir das National Taiwan Museum of Fine Arts, spazieren durch die dort vorhandenen Galerien moderner Künste und essen später in einem traditionell betitelten Streetfoodmarket im dritten Stock eines Hochhauses wahnsinnig gute Frühlingsrollen, die anders, als man sie in Europe gewöhnt ist, hier unfrittiert und viel größer sind. Danach fahren wir schließlich wieder mit dem Bus (diesmal ohne Maniküre!) nach Taipeh für die letzten Auftritte unserer Tour.

    Abends spielen wir ein Konzert mit dem taiwanesischen Künstler 李漫 Spëll, unser einziges öffentliches Konzert in Taipeh, da alle anderen Veranstaltungen in Schulen und Universitäten stattfinden.

    foto: 揮灑攝影 whisler der fotograf
    李漫 Spëll als Vorband für uns.

    Wir freuen uns über einige Gäste, unter anderem auch die Tochter eines Collegefreundes eines Volksschulfreundes meiner Mutter, die mit einer Freundin von ihr im Publikum sitzt und Bier trinkt. Was für taiwanesische Verhältnisse sehr ungewöhnlich ist, denn sie ist gerade erst 19 Jahre alt und wohnt noch bei ihren Eltern. Und in Taiwan bedeutet das meist, dass man noch vollkommen unter den Fittichen der Eltern steht und Dinge wie Alkohol und Zigaretten, wenn, dann nur heimlich geduldet werden. Ich spreche sie darauf an, ob ihre Eltern wissen, dass sie trinkt. Sie bejaht. Ihre Freundin, ungefragt, bejaht ebenfalls. Ich sage cool, und meine es irgendwie auch so, weil ich es schön finde, dass die Eltern in Taiwan bisschen lockerer werden.

    Sie erzählen nach und nach, dass sie von Zuhause aus eigentlich nur Alkohol trinken dürfen, weil ihre Eltern wollen, dass sie in Europa studieren und ihnen klar ist, dass sie dort mit Alkohol in Kontakt kommen werden. Deswegen sollen sie sich hier in Taiwan in einem sicheren Umfeld schon mal abhärten. Das geht tatsächlich so weit, dass sie mit zwölf Jahren schon an Weinverkostungen teilnehmen mussten, um ein Gespür dafür zu bekommen, wo ihre Grenzen liegen. Das finde ich wiederum nicht so cool und ich frage mich insgeheim, was die Lehrkräfte der European School davon halten würden, wenn sie wüssten, dass zumindest einer ihrer Schülerinnen auf so unkonventionelle Weise auf ihre Zukunft in Europa vorbereitet wird. Witzigerweise ist die Freundin der Tochter des Collegefreundes des Volksschulfreundes meiner Mutter, wie sich kurz darauf herausstellt, dort tatsächlich Schülerin.

    Wir stoßen auf unsere kommenden Auftrittstage in Taipeh an, auf ihre Zukunft in Europa, ich stolpere dabei über einen Sessel und nehme im Schwung meine Gitarre fast mit, kann sie aber dann doch noch festhalten. Schwein gehabt. (Jimmy Brainless, 15.5.2019)

    PS: Vielen Dank übrigens für die zahlreichen E-Mails bezüglich der Postkarte aus Taiwan. Bisher sind mir noch keine hübschen Postkarten über den Weg gelaufen, aber ich halte Ausschau, versprochen!

    Jimmy Brainless versteht sich als Musiker und Geschichtenkritzler. Er war Produzent des Online-Poetry-Slams "Lautfeuer" und veröffentlichte mit seiner Band Gurkenalarm "Schneckenhausaffaire" und "Himmelbettgeschichten". Seit 2016 tritt er auch solo mit eigenem Programm auf und schreibt Texte für die Öffentlichkeit.

    Elias Hirschl, 1994 in Wien geboren, ist Autor, Slam-Poet und Musiker. 2014 gewann er die Österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und war mehrere Male im Finale des FM4-Protestsongcontests zu hören. Er ist Mitglied der Wiener Lesebühne "Sinn & Seife" und mit seinen Texten auf Bühnen in ganz Europa unterwegs. Zuletzt erschienen der Roman "Hundert schwarze Nähmaschinen" und die Kurztextsammlung "Glückliche Schweine im freien Fall".

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