Liddell kämpft bei Festwochen mit Penissen gegen Prüderie und "Männerhasserinnen"

    13. Mai 2019, 17:11
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    Die spanische Performerin und Regisseurin irritiert bei den Festwochen mit "The Scarlet Letter"

    "Kunst heißt, sich der Nichtdarstellbarkeit auszuliefern" – nach diesem Motto beschert die spanische Performancekünstlerin Angélica Liddell den Wiener Festwochen mit The Scarlet Letter einen rätselhaften Bilderreigen. Er beginnt mit Adam und Eva am Grabstein Nathaniel Hawthornes. Liddell schlägt einen Bogen vom Puritanismus im Amerika des 17. Jahrhunderts in Hawthornes Roman Der scharlachrote Buchstabe zur Prüderie heute. Sie klagt, keine Frau sei mehr bereit, dem Mann, den sie liebe, die Füße zu küssen.

    Dann verdüstert sich die Szenerie, und Liddell inszeniert eine düstere Messe. Männer in schwarzen Kutten betreten die Bühne, ihre Penisse hängen frei, bald sind sie ganz nackt. Sie zeigen ihre Hintern, stemmen röhrend Tische. Sinnlose Kraftakte? Demonstrationen von Männlichkeit? An Liddell, die im schwarzen Kleid wandelt, haben sie kein Interesse. Laut heult sie ihr Leid darüber hinaus.

    Tirade gegen Frauen über 40

    Die imposanten Bilder teilen sich nicht so ohne weiteres mit. Liddell lässt sich von einem der Männer den Finger in die Vagina stecken und küsst anderen den Penis. Man ist für die langen Monologe dankbar, die sie beisteuert.

    Einer ist eine inbrünstige Tirade gegen Frauen über 40. Weil sie für Männer nicht mehr attraktiv seien, würden sie niederträchtig, und das zeige sich in ihren Gesichtern, sagt die Künstlerin. Sex sei Natur, und deshalb hätten junge Frauen das Verlangen auf ihrer Seite. Liddell adaptiert sexistische Phrasen, die sonst Männer dreschen. Das Publikum ist irritiert.

    Kritik an #MeToo

    Liddell tritt gegen eine Prüderie an, die sie neu aufziehen sieht. #MeToo ist für Liddell eine Justiz ohne Gericht, und die an den Pranger gestellten Männer seien Verbrecher ohne Verbrechen. Sich wehrende Frauen nennt sie "Männerhasserinnen", die Unangemessenheit mit Unrecht verwechseln.

    So gekonnt Liddell sonst Brüche kreiert, um eine Gesellschaft zu adressieren, die Feindbilder erzeugt, um sich selbst zu konsolidieren – das klingt arg nach Verharmlosung. Man nimmt ihr aber ab, dass sie es ernst meint. Denn Liddel sieht nicht nur, aber auch die Kunst bedroht: einen gemalten nackten Amor, ein pornografisches Gedicht. Das Publikum feierte sie wie eine Erlöserin. (Michael Wurmitzer, 13.5.2019)

    Weitere Termine am 13. und 14. 5.

    Wiener Festwochen

    • Liddells nackte Performer haben kein Interesse an älteren Frauen.

      Liddells nackte Performer haben kein Interesse an älteren Frauen.

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