Song Contest in Tel Aviv: Hohe Preise, leere Betten, übrige Tickets

    14. Mai 2019, 08:42
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    Fans fürchteten von Anfang an hohe Kosten, die antiisraelische Kampagne BDS ruft immer wieder zum Boykott des Bewerbs auf. Seit kurzem machen der Show auch Unruhen im Süden zu schaffen

    Rund 60 Kilometer vom Konfliktherd rund um den Gazastreifen entfernt befindet sich – so könnte man meinen – das Paradies auf Erden. Dort sitzt an einem sonnigen Vormittag die 30-jährige Danielle mit ihrer Bekannten Shani und dem krabbelnden Baby auf einer Decke auf dem Grünstreifen des Rothschild-Boulevards. Es ist bereits 25 Grad warm, Touristen mit Sonnenhüten und großen Rucksäcken sausen auf E-Scootern vorbei, Passanten holen sich am Straßenkiosk Kaffee und Croissants, keine zwei Kilometer sind es von hier zum Sandstrand. Tel Aviv sei eben ein idealer Ort, um ein anderes Bild von Israel zu vermitteln, findet die 30-jährige Danielle, die beklagt, dass ansonsten nur negativ über das Land berichtet würde.

    Das, so hofft sie, könnte diese Woche anders werden, wenn tausende Touristen, Fans, Blogger und Journalisten für den Eurovision Song Contest in der Stadt unterwegs sind. Hinter ihr auf dem Habima-Platz ist der orangefarbene Teppich für die Abendveranstaltung bereits ausgerollt, die letzten Lichter werden montiert. "Wir sind sehr aufgeregt. Tel Aviv ist eine coole, nette Stadt. Wir in Israel sagen, es ist wie ein anderes Land. Wie ein Zufluchtsort."

    Blase zum Feiern

    Tatsächlich bleibt die Mittelmeermetropole sehr oft von Angriffen und Auseinandersetzungen im Rest des Landes verschont: Die 439.000 Einwohner zählende Stadt gilt als Blase, in der gern gefeiert wird und wo man sich vom Konflikt ringsum nicht beeindrucken lässt. Während vor einigen Tagen vom Gazastreifen aus rund 700 Raketen auf Israel abgefeuert wurden, begannen auf dem Song-Contest-Gelände im Norden Tel Avivs die ersten Proben.

    Hart getroffen wurde der Süden des Landes, vier Menschen starben, zahlreiche Gebäude wurden getroffen, und auch im Gazastreifen kamen mehr als 20 Palästinenser ums Leben. Tel Aviv aber ließ sich nicht von den Song-Contest-Vorbereitungen abbringen. Gerüchte, der Song Contest könnte wegen der Angriffe möglicherweise noch abgesagt werden, lösten sich sehr schnell in Luft auf: Nach wenigen Tagen kehrte auch im Rest des Landes wieder Ruhe ein.

    Weniger Fans als erwartet

    Dass Berichten zufolge trotzdem weniger Touristen als erwartet nach Israel kommen, dürfte weniger an den Raketen als vielmehr an den ungewöhnlich hohen Preisen für Tickets und Hotels liegen: Nach Recherchen der Tageszeitung "Haaretz" sollen manche Hotels für ein Doppelzimmer mit Frühstück für sieben Tage umgerechnet zunächst rund 4.500 Euro verlangt haben. Selbst hartgesottenen Fans war das zu viel. Da der Ansturm ausblieb, seien die Preise mittlerweile auf 1.600 Euro gefallen. Am Montag waren sogar noch Tickets für beide Halbfinale erhältlich – umgerechnet werden dafür mehr als 200 Euro verlangt. Um den Saal dennoch zu füllen, sollen nun die Anwohner im Umkreis von 40 Kilometern entlang des Gazastreifens kostenlos Tickets erhalten.

    Besondere Stimmung

    Der Deutsche Eric Berberich wird sich die Wettbewerbe beim Public Viewing im "Eurovision-Dorf" am Strand oder in Bars ansehen. Dabei hatte sich der Wahl-Tel-Aviver, der seit vier Jahren hier lebt und für ein Start-up arbeitet, noch überlegt, Tickets fürs Finale zu ergattern – jetzt, da der Song Contest endlich mal in seine Stadt kommt. "Für 100 Euro hätte ich es gemacht, aber so? Viel zu teuer." Mehr als 300 Euro hätte er fürs Finale hinblättern müssen. Die besondere Stimmung in der Stadt genießt er trotzdem. "Es ist ganz anders als sonst. Alles ist plötzlich auf Englisch, die Auskunftsschilder der Parkhäuser, die Anzeigetafeln an den Bussen. Es gibt Infostände im Shoppingcenter und am Strand. Und überall sind neugierige Touristen unterwegs, die ganz fasziniert durch die Stadt laufen."

    Denen hilft an diesem Vormittag die Israelin Lilly mit lila Basecap und Sonnenbrille. "Let me show you Tel Aviv", steht auf ihrem Shirt. Lilly ist eine von hunderten Freiwilligen, die beim Song Contest helfen. Eigentlich würde sie um diese Uhrzeit in der Kanzlei sitzen, doch die Anwältin hat sich einen Tag freigenommen. "Es sind viel mehr Touristen als sonst unterwegs. Ich habe heute schon Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Spanien getroffen", erzählt sie. An den Straßenlaternen hängen "Welcome"-Fahnen, an der Touristen-Info nebenan werden Tassen, Pins und T-Shirts verkauft. "Dare to Dream", lautet das Song-Contest-Motto in diesem Jahr. Und für viele Israelis geht tatsächlich ein Traum in Erfüllung, glaubt Lilly: "Wir sind sehr stolz, dass der Song Contest dieses Jahr in Israel stattfindet."

    Streit um Jerusalem

    Doch so unbeschwert und fröhlich wie die Stimmung in Tel Aviv dieser Tage ist, waren die Vorbereitungen nicht: Sie begannen im vergangenen Jahr mit einem Streit über den Austragungsort. Die Regierung plädierte für Jerusalem – jene Stadt, die Israel als Hauptstadt beansprucht, was von der internationalen Gemeinschaft aber bislang weitestgehend nicht anerkannt wird. Auch die strenggläubigen Juden in Jerusalem zeigten sich wenig erfreut: Da der Musikwettbewerb stets an einem Samstagabend ausgetragen wird, muss auch am jüdischen Feiertag geprobt und vorbereitet werden. Für die Ultraorthodoxen ein absolutes Tabu. Am Ende bekam Tel Aviv den Zuschlag.

    Doch selbst das sei falsch, finden zahlreiche Palästinenser und politische Aktivisten, die zum Boykott des Musikwettbewerbs aufgerufen haben. Die BDS-Bewegung, die sich für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen einsetzt, wirft Israel vor, den Song Contest zu nutzen, um Israels "schönes Gesicht" zu zeigen und von "Kriegsverbrechen gegen die Palästinenser" abzulenken. Die israelische Regierung hat längst reagiert und ihre eigene BDS-Kampagne ins Leben gerufen: "Beautiful, Diverse, Sensational" heißt es auf der extra dafür eingerichteten Webseite. (Lissy Kaufmann aus Tel Aviv, 14.5.2019)

    • Lilly (links) ist eine von hunderten Freiwilligen, die beim Song Contest helfen und den Touristen etwa die Stadt zeigen.
      foto: lissy kaufmann

      Lilly (links) ist eine von hunderten Freiwilligen, die beim Song Contest helfen und den Touristen etwa die Stadt zeigen.

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