Wiener Emigrant Henry Koerner wird Namenspatron eines Berliner Studentenheims

    14. Mai 2019, 07:00
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    1938 flüchtete der jüdische Maler aus Wien in die USA, wo er Karriere machte. Nun wird ein Wohnheim für Studierende nach ihm benannt

    Zwischen den Villen und prächtigen Einfamilienhäusern in der Waldstraße in Berlin-Pankow sticht ein Grundstück heraus. Das Gebäude ist noch im Rohbau und von Gerüsten umgeben. So schnell wird das mit dem Einzug noch nichts. Dennoch lädt das Bard College, eine private Universität mit Stammhaus nördlich von New York, am Dienstag bereits zur Eröffnung. "Wir haben uns bewusst für den frühen Termin entschieden und wollten nicht bis zum Sommer warten, damit so viele Studierende wir möglich teilnehmen können", sagt Direktor Florian Becker.

    Beim Festakt wird auch ein Künstler aus Österreich im Mittelpunkt stehen: der jüdische Maler Henry Koerner, ein Vertreter des magischen Realismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA mit vielen Titelblättern für das Magazin "Time" Bekanntheit erlangte. Die Erinnerung an ihn und sein Schicksal als Flüchtling ist dem Bard College, das sich als "Liberal-Arts-Universität" bezeichnet, wichtig. "Gerade in diesen Zeiten", wie Becker betont.

    Gerichtszeichner bei den Nürnberger Prozessen

    Koerner wurde 1915 als Heinrich Körner in Wien-Leopoldstadt geboren. Er besuchte die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, nach dem "Anschluss" 1938 floh er in die USA und ließ sich in New York nieder. In den USA verpflichtete er sich zum Kriegsdienst und wurde 1945 vom Office of Strategic Services als Gerichtszeichner zu den Nürnberger Prozessen geschickt.

    Die Bilder, die bei seiner anschließenden Reise durch Deutschland und Österreich entstanden, beschäftigten sich explizit mit dem Holocaust und seinen persönlichen Verlusten und wurden 1947 im Berliner Haus am Waldsee ausgestellt. Damit war Koerner der erste US-amerikanische Künstler, dem nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausstellung in Berlin gewidmet wurde.

    JFK porträtiert

    Koerner kehrte danach wieder in die USA zurück und zog nach Pittsburgh. Später gestaltete er zahlreiche Titelseiten des Magazins "Time", er porträtierte dafür unter anderem John F. Kennedy, Robert Kennedy, Ludwig Erhard, Leonard Bernstein und Maria Callas.

    Seine Heimat Österreich ließ ihn dennoch nie los, er kehrte immer wieder zurück, allerdings nur zu Besuch, wenngleich dieser oft Monate dauerte. Koerner hatte eine Wohnung am Volkertplatz, sie lag nur ein paar Schritte von jener Wohnung Am Tabor entfernt, in der er als Kind gelebt hatte und die 1945 zerstört wurde.

    Die magische Heimat

    "Wien war für ihn eine unheimliche Heimat – magisch und furchteinflößend, er hat dort unermüdlich gemalt", erinnert sich sein Sohn Joseph Koerner, der in Harvard Kunstgeschichte lehrt. Den Titel "Unheimliche Heimat" bekam auch eine Ausstellung im Wiener Belvedere im Jahr 1997, sechs Jahre nach Koerners Tod in St. Pölten.

    Der Brückenschlag zum Berliner Wohnheim für Studierende auf dem Campus des Bard College geht auf die britische Stiftung Arcadia zurück. Diese hat für den Bau zwei Millionen Euro gespendet, die Stifter Lisbet Rausing und Peter Baldwin wünschten sich explizit, das Gebäude nach Henry Koerner zu benennen.

    Chance auf einen Neubeginn

    "Dem kommen wir sehr gerne nach", sagt Direktor Becker. Am Bard College studieren 270 Studenten. Sie haben 60 unterschiedliche Nationalitäten, auch Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea sind darunter. Für Becker zeigt sich im Gedenken an Koerner "eine deprimierende Kontinuität, aber auch eine hoffnungsvolle Seite". Es sei nicht absehbar, dass Flucht und Vertreibung enden würden. Aber: "Es gibt für die Geflüchteten heute wie damals auch die Chance auf einen Neubeginn."

    Für Koerners Sohn Joseph ist die Benennung des Gebäudes eine große Ehre: "Es ist großartig, dass auf diese Weise an die Geschichte eines Flüchtlings und Überlebenden erinnert wird – und das in Berlin, das eine so große Rolle in seinem Leben gespielt hat. Denn seine Ausstellung nach dem Krieg war für lange Zeit die einzige, die sich explizit mit dem Holocaust beschäftigt hat." (Birgit Baumann aus Berlin, 14.5.2019)

    • Eine von Henry Koerners Titelseiten für das Magazin "Time". Zu sehen ist die US-Ökonomin Sylvia Porter.
      foto: wikipedia

      Eine von Henry Koerners Titelseiten für das Magazin "Time". Zu sehen ist die US-Ökonomin Sylvia Porter.

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