Gastarbeiter: Das aufgeschobene Leben unserer Eltern

Kolumne14. Mai 2019, 11:00
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Jahrzehntelang haben sie schwer gearbeitet und das Geld für ein Eigenheim gespart, das jetzt leer steht

Manchmal scrollt man sich durch einen verregneten Sonntagnachmittag, ohne ein bestimmtes Ziel. Und statt kurzweiliger Zerstreuung findet man eine bewegende, aufwühlende Geschichte. So ging es mir mit "Serbiens verlassene Gastarbeiterdörfer", einem Text der ORF-Journalistin Marina Lacković. Sie beschreibt darin jene Häuser, die Gastarbeiter in ihrer alten Heimat bauen und die das ganze Jahr über in den verlassenen Dörfern leer stehen. Nur im Sommer kommt kurz Leben auf, wenn die alten Gastarbeiter zurückkehren.

Zwischen zwei Leben

Oft ist davon die Rede, die zweite oder die dritte Generation der Einwanderer sei eine "zerrissene", eine "zwischen zwei Kulturen zerriebene". Doch jetzt, während ich diese Menschen beobachte, die vor mehr als vier Jahrzehnten nach Österreich gekommen sind und die hier alt wurden, kann ich in dieses Lied über ihre Nachkommen nicht mehr vorbehaltlos einstimmen. Die Zerrissenen und Zerriebenen sind sie selbst, die Gastarbeiter der ersten Generation.

Sie sind jetzt Pensionisten, die wenigsten davon "rüstig und lebensfroh", wie man sie sonst in dieser Generation oft antrifft. Jahrzehnte meist körperlich fordernder Arbeit haben ihre Spuren hinterlassen. Die für die Erholung gedachten Urlaube waren auch keine. Es waren aufreibende und kostspielige Verwandtenbesuche, es waren arbeitsame Wochen, die sie mit Bau und Instandhaltung ihrer Häuser verbrachten.

Undankbare Kinder

In diesen Häusern wohnt jetzt niemand. Einst wurden sie gebaut mit dem Vorsatz und in der Hoffnung, bald zurückzukehren. Die Rückkehr wurde von Jahr zu Jahr aufgeschoben, aus den Jahren wurden Jahrzehnte. Die alten Gastarbeiter pendeln noch immer zwischen dem einstigen Gastland und der alten Heimat. In Wien etwa erledigen sie Arztbesuche, lüften ihre kleinen Wohnungen, treffen alte Bekannte. Dann sitzen sie wieder in verrauchten Kleinbussen Richtung Heimat und zeigen einander Fotos der Enkelkinder und erzählen ihre Krankheitsgeschichten. Sie schimpfen über undankbare Verwandtschaft und verzogene Nachkommen, die keine Lust haben, die Urlaubszeit in mehrstöckigen Häusern in entlegenen Dörfern Serbiens, Mazedoniens oder Bosniens zu verbringen.

Im Unterschied zu ihren Eltern und Großeltern träumen die Kinder und Enkelkinder lange nicht mehr von der Rückkehr. Sie haben ihr Leben dort eingerichtet, wo sie geboren sind oder wohin sie von ihren Eltern verpflanzt wurden. Sie fahren ans Mittelmeer, machen Cluburlaube oder Fernreisen. Sie besuchen die Heimat der Eltern höchstens anlässlich von Hochzeiten oder Begräbnissen; vor allem sind es Begräbnisse.

Die Gastarbeiter haben ihre Leben aufgeschoben. Sie haben ihre "besten Jahre" schwer arbeitend in winzigen Wohnungen und ihre Wochenenden auf der Gastarbeiterroute verbracht. Das hart verdiente Geld wurde für den Bau der protzigen Häuser gespart, die bald für immer leer stehen werden. (Olivera Stajić, 14.5.2019)

  • Ankunft von 40 Gastarbeitern für die Verkehrsbetriebe auf dem Südbahnhof in Wien, 1972.
    foto: önb bildarchiv und grafiksammlung (por) / data.onb.ac.at/rec/baa1302101

    Ankunft von 40 Gastarbeitern für die Verkehrsbetriebe auf dem Südbahnhof in Wien, 1972.

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