Aufwendige Theaterinstallation "Diamante" als Festwochen-Start

    12. Mai 2019, 17:32
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    Zehn Häuser und über zwei Dutzend Schauspieler: Mariano Pensottis Theater beschert dem Festival ein thematisch spannendes Stück

    Wien – Die Wiener Festwochen sind eröffnet! Und das neue Terrain im Bezirk Donaustadt ist erkundet. Die Erste-Bank-Arena nahe der U-Bahn-Station Kagran markiert heuer erstmals ein zweites, dezentrales Festivalzentrum innerhalb der Stadt. Das Wetter am Samstagnachmittag war gnädig. Erst nachdem die Halle 3 des Sporthallenkomplexes für Mariano Pensottis große Eröffnungsproduktion Diamante ihre Pforten geöffnet hatte, setzte der Gewitterregen ein. Sehr freundlich, gutes Timing.

    Wer Diamante besucht, betritt eine Stadt. Der argentinische Theaterregisseur Pensotti – nach Cineastas 2013 das zweite Mal bei den Festwochen zu Gast – hat mit den Künstlerkollegen seiner Grupo Marea eine raumgreifende Wohnsiedlung aufgebaut, durch die das Publikum Szene für Szene wandert. Die Besonderheit: Die Stadt Diamante ist eine Art Werkssiedlung einer Bergbaufirma, eine Gated Community, deren Bewohner mit entsprechenden Konflikten zu kämpfen haben.

    Erfolg der Firma

    Einerseits genießt die Bevölkerung Privilegien wie Arbeitsplatzgarantie, Sicherheit, freies Wohnen oder freie Gesundheitsvorsorge. Doch hängt das ganze Leben fatalerweise auch vom ökonomischen Erfolg der Firma ab.

    Und hier setzt Pensottis Stück ein, das vergangenen Sommer bei der Ruhrtriennale seine Welturaufführung hatte. Wie ein stummer Eindringling verfolgt das Publikum vor den Plexiglasfenstern das Geschehen in den Gebäuden. Menschen unterhalten sich in einer Bar, Kinder üben im Gemeindezentrum Instrumente, in einem Auto am Parkplatz am Rand des Geländes treffen sich zwei Verliebte heimlich zum Sex. Doch die Fassade bröckelt schon.

    Manche Bewohner sind mit den Regeln dieser Unternehmerstadt nicht mehr einverstanden, etwa mit der Abschottung von den meist ärmeren Menschen draußen. Auch die Jugendlichen hegen Fluchtpläne. Obendrein hat die Firma wirtschaftliche Probleme, was einen enormen Personalabbau nach sich ziehen wird.

    Zerbröseln der Großparteien

    In epischer Breite von fünfeinhalb Stunden entfaltet Diamante detailgenau die Veränderungen und Verschiebungen im Leben der Bewohner innerhalb eines Jahres. Zwei eingebaute Zeitsprünge markieren auch die zwei Pausen des am Ende um halb zwölf heiß beklatschten Abends. Er bildet Konflikte ab und Tatsachen, die mitten in unserer Gegenwart stattfinden: der ignorante und scheinbar unaufhaltsame Zwang zur Profitsteigerung, damit einher gehende ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, das Zerbröseln der Großparteien, Bildungsrückgang, das Auseinanderfallen in neue gesellschaftliche Klassen.

    Es ist bemerkenswert, wie leichthändig Pensotti all diese gravierenden Themen ineinanderfließen lässt. Dies aber auch zum Preis einer zähen, seriellen Mikrochronologie, die weitverzweigte Erzählrunden dreht. Viele sind am Ende dann doch absehbar, andere haben höchst skurrile Wendungen genommen. Schnitzeljagdtheater für Plotfanatiker!

    Wir "liken" gern

    Diese Werkssiedlung bildet indes das hochkonzentrierte Bild einer Gesellschaft, in der wir alle leben: Wir sind gut kontrollierte Subjekte geworden; wir denunzieren und "liken" gern; wir können Beruf und Privatleben oft nicht mehr trennen. Enttäuscht von der Suche nach Idealen wechseln wir in der Lebensmitte dann doch noch auf die andere Seite der Macht. Der Wechsel vom freien, linken Künstler zum opportunistischen Unterstützer der Rechtspartei wird auch in Diamante vollzogen.

    Das Beste am Ganzen sind aber nicht die manchmal grob und mechanisch ablaufenden Szenen (sie dauern acht Minuten; dann geht es zur nächsten), sondern die sich über projizierte Übertitel vermittelnde Meta-Erzählung. Sie liefert auf eine oft berückend poetische Weise den Subtext und erzeugt zum Gespielten eine tragische Spannung.

    Der Zusammenbruch

    Über einer häuslichen Szene, in der eine Patchworkfamilie auseinandergerissen zu werden droht, steht einer der schönsten Sätze: "Der Zusammenbruch von Zivilisationen erzeugt oft weniger Lärm als ihm zusteht."

    Auch als theatralischer Verhandlungsraum für Polarisierung und Segregation war Diamante der passende Eröffnungsabend für die Festwochen in Donaustadt. Man spürte jetzt schon: Das Publikum hat sein Festival wieder. (Margarete Affenzeller, 12.5.2019)

    • Wie wenn man in Dioramen blickt: Das Fenstertheater "Diamante" bei den Wiener Festwochen.
      foto: wagner-strauss

      Wie wenn man in Dioramen blickt: Das Fenstertheater "Diamante" bei den Wiener Festwochen.

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