Für das Protokoll: Das anstrengende Leben der Parlamentsstenografen

    12. Mai 2019, 09:00
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    Menschen wie Johanna Axmann sorgen dafür, dass die Reden der Abgeordneten für die Nachwelt erhalten bleiben

    Karl Nehammer war schon einmal besser gelaunt. Der Generalsekretär der ÖVP steht am Rednerpult im Redoutensaal der Hofburg, dem Ausweichquartier des Parlaments. Die SPÖ hat an diesem Donnerstagnachmittag eine "Dringliche Anfrage" zum Thema Bekämpfung des Rechtsextremismus gestellt, und Nehammer findet das eher heuchlerisch.

    "Sie hätten ganz viel zu tun im Bezirk Wiener Neustadt", sagt er in Richtung der Reihen der SPÖ. "Wissen Sie, dass im Bezirk Wiener Neustadt die Sozialistische Jugend des Lenin-Geburtstags gedenkt?"

    foto: heribert corn www.corn.at
    Seit zehn Jahren arbeitet Johanna Axmann als Parlamentsstenografin.

    Direkt vor dem Rednerpult, an dem Nehammer gerade die Sozialdemokratie tadelt, sitzt Johanna Axmann und schaut hektisch umher. Die Augen der kleingewachsenen Frau mit der Brille schweifen durch die Reihen der Abgeordneten, ihr Stift rast in atemberaubender Geschwindigkeit über den braunen Schreibblock, der vor ihr auf dem Tisch liegt. Es ist ein hitziger Tag im Parlament, Nehammer wird immer wieder aus den Reihen der SPÖ unterbrochen. "(Weitere Zwischenrufe bei der SPÖ)" wird es später in Axmanns Protokoll heißen.

    * Aus dem Protokoll vom 12. Juni 2014. Der Abgeordnete Dietmar Keck (SPÖ): Alles in allem, meine Damen und Herren, zielt dieser Antrag darauf ab, durch Gesetzesänderung Lohndumping zu betreiben und dadurch billigere Arbeitskräfte nach Österreich zu holen. Diesem Ansinnen geben wir sicherlich keine Zustimmung. Daher wird dieser Antrag von uns abgelehnt. (Beifall bei der SPÖ. – Abg. Strolz hält eine Tafel mit der Aufschrift "Stimmt nicht" in die Höhe.) *

    Johanna Axmann übt einen Beruf aus, von dem man in Zeiten von Livestream und TV-Mitschnitten nicht mehr unbedingt glauben würde, dass es ihn noch gibt. Die 30-Jährige ist Parlamentsstenografin. 15 von ihnen beschäftigt das österreichische Parlament, an den Sitzungstagen wird das Team noch von freien Dienstnehmern unterstützt. Es ist einer dieser Jobs, die selten im Fokus stehen, aber die parlamentarische Arbeit in der jetzigen Form überhaupt erst möglich machen.

    Die Abteilung "Stenographische Protokolle" sorgt dafür, dass es so etwas wie ein schriftliches Gedächtnis des Parlaments gibt. Auf ihrer Webseite sind die Protokolle bis ins Jahr 1918 abrufbar. Das ist kein freiwilliger Service, sondern gesetzlicher Auftrag. Die Protokolle dienen der "schriftlichen Verfahrensöffentlichkeit", wie es die Politikwissenschaft nennt.

    * Aus dem Protokoll vom 21. Mai 2014. Der Abgeordnete Leo Steinbichler (Team Stronach): Da sind Schnecken drinnen, Herr Kollege. Ich werde einmal die Zutatenliste liefern, und Sie werden sich dafür interessieren, was ein guter Käse ist. (Beifall beim Team Stronach. – Abg. Glawischnig-Piesczek: Was ist mit der Fertigsahne? – Der Redner hält die Dose nochmals in die Höhe.) – Bitte sehr. *

    In einem Parlament, wo die Arbeit in den Ausschüssen stattfindet und hohe Klubdisziplin herrscht, sind Abstimmungen überwiegend nur noch der Vollzug bereits getroffener Entscheidungen. Die Rede im Plenum dient damit – etwas pathetisch formuliert – dazu, die Entscheidung vor der Nachwelt zu rechtfertigen.

    Somit soll auch jeder Bürger sehen können, was die Abgeordneten zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt haben. Axmann und ihre Kollegen schreiben deshalb jeden Halbsatz mit.

    Kein reines Transkript

    Die Protokolle des österreichischen Parlaments sind wie die Debatten selbst: oft trocken, manchmal lustig, gelegentlich absurd. Man kann an ihnen gut ablesen, wie lebhaft und kontrovers die Diskussion im Hohen Haus am entsprechenden Tag ablief.

    Konkret läuft ihre Erstellung an den Plenartagen folgendermaßen ab: In den Räumlichkeiten der Parlamentsstenografie sitzt eine Eingabekraft und tippt die Reden der Abgeordneten mit. Währenddessen sitzt ein Stenograf unten im Saal und protokolliert Zwischenrufe, Applaus und andere Auffälligkeiten.

    foto: heribert corn www.corn.at
    Schwierig wird ihr Job vor allem, wenn ein Abgeordneter starken Dialekt spricht.

    Das ist extrem anstrengend, ein Einsatz im Saal dauert deshalb nur 20 Minuten. Der Stenograf erstellt anschließend aus dem Rohtranskript und seinen Aufzeichnungen das vorläufige Protokoll. Das geht erstaunlich schnell, meist ist es noch am selben oder zumindest am Folgetag verfügbar. Seit Juni 2018 werden auch die vorläufigen Protokolle direkt auf die Parlamentswebseite gestellt. Die Abgeordneten haben 24 Stunden Zeit, stilistische Änderungen bei ihren Reden anzubringen.

    * Aus dem Protokoll vom 21. Mai 2015. Der Dritte Nationalratspräsident Präsident Ing. Norbert Hofer: Nächste Rednerin: Frau Abgeordnete Windbüchler-Souschill. – Bitte. (Abg. Windbüchler-Souschill begibt sich mit einem großen passe-partoutähnlichen Rahmen mit der Aufschrift "Stoppt Kürzungen bei Entwicklungs- und Katastrophenhilfe" zum Rednerpult.) *

    So anachronistisch das Ganze wirkt: Es hat seine Gründe, warum die Protokolle auch im Jahr 2019 noch immer so verfasst werden. Erstens könnte ein digitales Aufzeichnungssystem zwar die Rede erfassen, aber keine Zwischenrufe oder gezeigte Tafeln. Zweitens lassen sich Texte leichter durchsuchen als Videos. Und drittens ist ein Protokoll eben kein reines Transkript, sondern eine Übersetzung von gesprochener in verschriftlichte Rede.

    "Zuhörer sind in einer anderen Rezeptionssituation als Leser", sagt Bettina Brixa, Leiterin der Abteilung "Stenographische Protokolle". Rede sei spontan und aktuell, der Kontext helfe beim Verstehen. "Das Auge ist hingegen kritischer als das Ohr, an ein schriftliches Format wird der Anspruch der Korrektheit gestellt." Oft seien Mehrdeutigkeiten, unvollständige Sätze oder auch Widersprüche nicht mehr rekonstruierbar, da das Thema nicht mehr präsent sei.

    Ironische Heiterkeit

    Das stenografische Protokoll ist also eine Übersetzungsleistung. Vieles machen die Stenografen eigenständig, zum Beispiel die Anpassung des Satzbaus oder falsch wiedergegebener Redensarten. Das ist der Hauptteil des Jobs, und für den muss man Sprache schon sehr mögen.

    "Es macht mir Spaß, wenn ich ein Satzungetüm vor mir habe und es schaffe, es in zwei schöne, grammatikalisch korrekte Sätze aufzulösen", sagt Axmann. Natürlich gebe die Frage, wie weit man eingreifen dürfe, immer wieder Anlass zu Diskussionen.

    Vor allem bei sachlichen Fehlern, etwa wenn sich ein Abgeordneter bei einer Zahl verspreche. Bei Plenarsitzungen von Nationalrat und Bundesrat redigieren die Stenografen grundsätzlich mehr, bei U-Ausschüssen – wo ebenfalls Protokolle angefertigt werden – versuchen sie so weit wie möglich am gesprochenen Wort zu bleiben.

    * Aus dem Protokoll vom 1. März 2018. Bundeskanzler Sebastian Kurz (fortsetzend): Ich bin der festen -- (Abg. Rosenkranz: Wir brauchen keine Atmosphäre wie auf einem Wiener Landesparteitag der SPÖ herinnen! – Anhaltende Zwischenrufe bei der SPÖ. – Unruhe im Saal. – Präsident Sobotka gibt das Glockenzeichen.) Ich bin der festen Überzeugung --Präsident Mag. Wolfgang Sobotka: Ich unterbreche die Sitzung und berufe eine kurze Präsidiale ein. *

    In den Protokollen finden sich nicht nur die Reden der Abgeordneten, sondern auch die "redaktionellen Anmerkungen". Da kann es dann auch mal grotesk werden. Applaus ist leicht zu notieren.

    Aber wie hält man für die Nachwelt fest, dass Leo Steinbichler vom Team Stronach das Foto eines geschlachteten Schweins mit ans Rednerpult bringt? Am besten, indem man sich strikt an die Wahrheit hält. "(Der Redner stellt eine Tafel vor sich auf das Rednerpult, auf der ein Foto eines geschlachteten Schweines zu sehen ist)", heißt es im Protokoll aus dem März 2014.

    foto: heribert corn www.corn.at
    Während der Nationalratsdebatten tippt ein Stenograf die Reden der Abgeordneten mit. Ein weiterer (oben: Johanna Axmann) protokolliert derweil die Zwischenrufe und andere Auffälligkeiten im Plenarsaal.

    Für die meisten der redaktionellen Anmerkungen gibt es zwecks Einheitlichkeit gewisse Konventionen, die immer wieder diskutiert und adaptiert werden. Vor einiger Zeit wurde beispielsweise die "ironische Heiterkeit" abgeschafft, ein heimlicher Favorit des überschaubaren Kreises von Menschen, die überhaupt Parlamentsprotokolle lesen.

    "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Bemerkung problematisch ist, weil 'ironische' Heiterkeit schwer von 'normaler' Heiterkeit abzugrenzen ist", sagt Brixa. "Diese Wertung vorzunehmen war in gemeinsam diskutierten Fällen oft schwer, und so wird seit damals Heiterkeit neutral protokolliert, der Kontext lässt meist auf die Motive schließen."

    Wie schreibe ich schnell?

    Damit die Stenografen überhaupt so schnell schreiben können, arbeiten sie mit der "Deutschen Einheitskurzschrift", die sich in drei Stufen gliedert. Für die Parlamentsstenografie reicht die Kenntnis der untersten Stufe, der Verkehrsschrift, mit der man bereits etwa dreimal so schnell ist wie in normaler Langschrift.

    Erreicht wird das über radikale Vereinfachung: Vokale werden durch die Verbindungslinien zwischen den Konsonanten dargestellt, für häufige Buchstabenkombinationen und Wörter existieren Kürzel. Parlamentsstenografen adaptieren ihre Technik aber mit der Zeit, zum Beispiel mit Zeichen für Beifall bei bestimmten Klubs oder Kürzel für Abgeordnete, die sehr viel dazwischenrufen. "Ich könnte mit dem Stenogramm der Kollegen nicht viel anfangen und umgekehrt", sagt Axmann.

    * Aus dem Protokoll vom 14. Juni 2018: Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ): Sie werden mich zum Jahreswechsel schlanker und grauer sehen. Es werden herausfordernde Monate. (Abg. Strolz, Neos: Mit Bart?) Den Bart werde ich mir dieses Mal nicht wachsen lassen, Herr Klubobmann, das hat das letzte Mal zu Irritationen geführt. (Allgemeine Heiterkeit.) *

    Axmann hat Stenografie übrigens im Job selbst gelernt. Sie kommt aus der Wachau, hat in Wien Slawistik mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft studiert. 2009 bewarb sie sich als freie Stenografin beim Parlament und lernte die Schrift in der Eingewöhnungsphase.

    Seit drei Jahren ist sie fix angestellt. "Steno schreiben ist vor allem Übung", sagt Axmann. Darüber hinaus müsse man sehr viel lesen, weil eine gute Allgemeinbildung helfe, den Debatten mit den ständig wechselnden Themen zu folgen.

    Und nicht zuletzt müsse man möglichst alle Abgeordneten kennen. Und verstehen, manche reden nämlich durchaus im heftigen Dialekt. War sie schon einmal heimlich froh, als jemand besonders undeutlich Sprechender aus dem Parlament ausgeschieden ist? "Das ist eine gemeine Frage", lacht Axmann. "Sagen wir Jein." Okay, kommt so ins Protokoll. (Jonas Vogt, 12.5.2019)

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