Das Volkstheater braucht neue Erzählungen, keine Selbstbezogenheit

    Kommentar12. Mai 2019, 10:00
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    Das Dilemma des Volkstheaters ist Ausdruck einer Stadttheaterkrise. Gastkommentar von Volker Schmidt

    Es scheint, als sei das Volkstheater an einen Endpunkt gelangt. Zu wenig Geld, zu wenige Zuseher*innen, zu wenig Profil – und erstaunlicherweise zu wenige Ideen, wie man da wieder herauskommt. Vielleicht reichen die bekannten Zutaten einfach nicht mehr, und es braucht einen Paradigmenwechsel. Die Unterdotierung des Volkstheaters ist zwar ein entscheidender Faktor für die Probleme des Hauses, aber nicht der einzige. Die Kulturpolitik hat über Jahre hinweg verabsäumt, mutige Personalentscheidungen zu treffen, um das Haus mit einem klaren Profil in der Wiener Theaterlandschaft zu positionieren (wie es etwa in Berlin mit dem Gorki-Theater gelungen ist).

    Manche meinen nun, es gäbe in Wien nicht genug Publikum für drei große Sprechtheaterhäuser. Dabei wäre das Volkstheater neben den Mittelbühnen sowie der freien Szene genau der richtige Ort, um in der Breite neue Publikumsschichten zu generieren: junge Menschen, migrantisches Publikum, Bobos, Ausgehwillige und – nicht zuletzt – vor allem politisch denkende Menschen.

    An vielen anderen Häusern ist die Gemengelage ähnlich. Das Publikum repräsentiert nur zu einem geringen Teil die Bewohnerstruktur der Stadt. Als Theaterschaffende müssen wir zugeben, dass das auch mit uns selbst zu tun hat. Wir haben uns vielerorts in unserer Selbstbezüglichkeit vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt und wollen eher in der Theaterszene Eindruck machen als gesellschaftspolitische Wirkungskraft entfalten.

    Ästhetik schlägt Inhalt

    Ästhetiken und Spielweisen sind wichtiger als inhaltliche Auseinandersetzung. So wird der Spielplan vielerorts aufgesplittet: in einerseits harmloses Bildungsbürgertheater für gute Auslastungszahlen und anderseits Theater, das die Aufmerksamkeitsökonomie des Theaterbetriebs bedient. In diesem Dualismus ist auch das Volkstheater gefangen. Entweder zeigt man bloß Gefälliges (wie bei Schottenberg), oder man versucht darüber hinaus, Theatertrends zu antizipieren (wie bei Badora). Das Haus gerät dabei aber in einen programmatischen Schlingerkurs, der das Profil verwässert.

    Wie kann nun eine grundsätzliche Erneuerung am Theater gelingen? Diverse Ensembles, die die Bevölkerungsstruktur wiedergeben, Frauenquoten, Abkehr von Sexismus und patriarchalen Strukturen – so weit ist die Debatte schon gediehen. Es reicht aber nicht, bloß das Framing auszutauschen, ohne eine inhaltliche Erneuerung. Wie kann das Stadttheater vorausdenken und Ideengeber sein? Worin besteht sein Alleinstellungsmerkmal in unserem medialen und digitalen Umfeld?

    Adieu, Postdramatik

    Theater kann politisch sein, ohne zu polarisieren. Es kann andere Wirklichkeiten erproben, kann komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge darstellen, und es gibt dem Menschen die Selbstermächtigung durch das Spiel zurück. Nur im Spiel gelingt es, andere Möglichkeitsformen von Welt zu erschaffen. Letzterem hat man in den vergangenen Jahrzehnten am deutschsprachigen Theater misstraut. Postdramatik, die Infragestellung von Darstellung und ironische Distanz waren stilprägend. Damit hat sich das Theater aber auch zu sehr seiner ureigentlichen Wirkungskraft entledigt: nämlich die Gesellschaft und das Individuum in neuen Zusammenhängen zu spiegeln.

    Das Theater sollte der Kraft der Darstellung wieder vertrauen. Das ist dringend notwendig. Denn allzu hilflos scheinen wir den falschen Erzählungen gegenüberzustehen, die von rechten Populisten hemmungslos bedient werden. Der Kulturanthropologe Klaus Schönberger schlägt im STANDARD vor, Gegenmythen zu schaffen. "Die Leute werden nicht überzeugt, weil sie die richtigen Fakten haben, sondern es muss ihnen etwas angeboten werden, wo sie ihre Hoffnungen hinprojizieren können." Das Theater war stets der Ort, an dem Mythos und Gesellschaft aufeinandertreffen. Diese Kernkompetenz sollten wir uns rasch zurückholen und uns mutig an die großen Erzählungen heranwagen.

    Politisch denken, engagiert sein

    Die Chance der Erneuerung liegt also jenseits der Affirmation des bürgerlichen Theaters und der seit den 90ern beliebten Dekonstruktion. Das Volkstheater kann der Ort dafür sein: Wenn es seine Erneuerung aus den aktuellen gesellschaftlichen Prozessen speist und diese weiterentwickelt.

    Dazu braucht es Theatermacher*innen, die politisch denken, engagiert sind und gesellschaftliche Impulse setzen sowie die Einbindung von theaterfremden Expert*innen und Künstler*innen. Es braucht die bereits geforderte Öffnung zur Stadt und zur freien Szene. Das Volkstheater muss ein Zuhause für Visionär*innen und Querdenker*innen werden. Es sollte weniger auf Namen setzen (die es sich eh kaum leisten kann; die sind im Burgtheater besser aufgehoben), dafür auf eine genaue und nachhaltige Nachwuchspflege. Denn die Besonderheit des Neuen ist, dass es da entsteht, wo man es am wenigsten erwartet. (Volker Schmidt, 11.5.2019)

    Volker Schmidt, 1976 in Klosterneuburg geboren, ist Autor, Regisseur und Schauspieler und bekannt für Arbeiten mit der new space company (Nestroypreis 2008).

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