Wie künstliche Intelligenz Onkel Franzi auf dem Foto erkennt

12. Mai 2019, 12:00
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So manchen Fotoriesen hat die Digitalisierung kalt erwischt. Andere haben aus einst analogen Unternehmen digitale geformt

Das geplante Geschenk für die Nichte, könnte es ihr gefallen? Und der grandiose Ausflug am Wochenende, wie gern man doch diesen Alltagsmoment mit Freunden teilt. Smartphone sei Dank ist so ein Schnappschuss flugs fabriziert und via Whatsapp und Co verteilt.

Das Foto lebt, in Zeiten der Digitalisierung besser als je zuvor. Instagram, Facebook, Snapchat wollen gefüttert werden. 2017 wurden laut dem deutschen Branchenverband Bitkom 1200 Milliarden Fotos in die Welt gesetzt. 2013 waren es etwa halb so viele. Der weitaus größte Teil mit dem Smartphone. Für Christian Friege Rohstoff, den er zu nutzen gedenkt. Der Tisch ist für jemanden wie den Vorstandsvorsitzenden des deutschen Fotodienstleisters Cewe reichlich gedeckt.

Echte Fotos

Fotos sind Daten, aus denen es "echte" Fotos zu machen gilt. Das Geschäft floriert: Fotobücher, Kalender, T-Shirts geschmückt mit den Konterfeis der Familienmitglieder oder mit unvergesslichen Momenten. "Wenn alles gut läuft, verkaufen wir heuer das sechzigmillionste Fotobuch", sagt Friege im Gespräch mit dem STANDARD und klopft auf Holz. Derzeit gehe es darum, den Wandel vom Desktop zum Smartphone zu managen.

Dabei setzt man auch auf künstliche Intelligenz. Cewe hat neuerdings eine Cloudlösung eingerichtet. Mittels Gesichtserkennung kann man damit Fotos sortieren und durchsuchen. Alle Fotos mit Schnee, alle Fotos mit Onkel Franzi, alle Fotos, die in Linz am 1. April entstanden sind. Im besten Fall entsteht daraus wieder das Fotobuch. "Will ich das nicht, schalte ich es gar nicht erst ein", sagt Friege. Er ist sich der Skepsis, die Datensammlern entgegenschlägt, bewusst: "Wir sammeln keine Daten um des Datensammeln willens. Das steht auch in unserer Kundencharta. Wir sagen auch, wo wir künstliche Intelligenz einsetzen." Friege hat noch ein anderes Argument parat: "Wir machen das auch, weil wir glauben, dass, wenn wir in Europa uns nicht mit solchen Technologien beschäftigen, andere Kulturkreise vorgeben werden, wie es gemacht wird."

Wanted: Das Einzigartige

Allzu weit in die Zukunft will Friege nicht schauen. "Was in zehn Jahren ist, kann man angesichts der rasanten Entwicklungen nicht sagen. Bisher sind wir immer gewachsen. 2018 haben wir mehr Fotobücher verkauft als je zuvor." Friege glaubt, dass sein Verkaufsargument noch länger zieht: "In einer Zeit, in der wir so viele Sachen haben, die man im Regal kaufen kann, und so wenige davon brauchen, ist es ein ganz großes Thema, etwas Einmaliges zu schaffen." Derzeit fährt der Oldenburger Fotodienstleister mit seiner Strategie gut. Wieder. Es gab schon sehr viel härtere Zeiten für das Unternehmen mit vierzehn Produktionsstandorten in 26 europäischen Ländern. Cewe ist der europäische Marktführer in Sachen Fotobuch vor Photobox. In Österreich beschäftigt sich eine Mannschaft mit dem Vertrieb. Fotostationen finden sich bei (Fach-)Händlern wie Billa, Hartlauer, DM und Co.

Schwieriger Umbruch

Die Digitalisierung hat so manchem Unternehmen in der Fotobranche den Todesstoß versetzt oder es ins Abseits katapultiert, siehe Kodak, Polaroid oder Agfa. Der japanische Riese Fujifilm fährt eine eigene Strategie, um nicht Opfer der Digitalisierung zu werden: Man setzt auf das Pharmageschäft und auf Kosmetika. Auch Cewe hat den Sprung ins 21. Jahrhundert nicht ohne Blessuren geschafft. Zur Jahrtausendwende stagnierte das Wachstum für einige Jahre. Denn bis Anfang der 2000er-Jahre lebte man überwiegend von Fotoabzügen vom Negativ. In nur zehn Jahren brachen mehr als 90 Prozent des analogen Geschäfts weg, das digitale musste erst aufgebaut werden. Seit Ende der 2000er-Jahre nahm der SDax-Konzern wieder Fahrt auf.

Dass der Fotodienstleister sich als Digitalkonzern versteht, verdeutlicht der Umstand, dass in Oldenburg 200 Softwareentwickler sitzen. Der Mitarbeiterstand liegt mittlerweile wieder bei 3900, 1000 davon sitzen in Oldenburg. Den Höchststand von 2001 mit gut 4000 hat man nicht mehr erreicht, den Umsatz mit 653,3 Millionen Euro aber wieder kräftig erhöht. 2001 waren es 436,9 Millionen. (Regina Bruckner, 11.5.2019)

  • Nicht ohne mein Handy, das gilt fast jederzeit und allerorts. Wie schön es da und dort ist, teilt man  gerne mit. Ob die mit Fotos Beglückten das schätzen, wer will das schon so genau wissen?
    foto: apa/dpa/axel heimken

    Nicht ohne mein Handy, das gilt fast jederzeit und allerorts. Wie schön es da und dort ist, teilt man gerne mit. Ob die mit Fotos Beglückten das schätzen, wer will das schon so genau wissen?

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