Scheidung: Glücklich getrennt dank App?

    13. Mai 2019, 07:27
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    Streitende Ex-Partner greifen zunehmend auf spezielle Tools zurück, die Streit und Aggression verhindern und gemeinsame Kindererziehung erleichtern sollen. Kann das funktionieren?

    Ein Vater, der wütend und enttäuscht vor der verschlossenen Tür der Ex-Frau steht, um die gemeinsamen Kinder zum "Papa-Wochenende" abzuholen. Diese emotional hochexplosive Situation könnte in Zukunft dank einer App verhindert werden. Zumindest glauben das Juristinnen und Juristen in den USA, wo derartige Technologien bereits breit zum Einsatz kommen.

    Besonders dann, wenn Kinder im Spiel sind, kann eine Trennung eine emotional zermürbende Schlammschlacht werden, voller gegenseitiger Anschuldigungen und Missverständnisse. Schließlich muss man der Kinder wegen mit jenem Menschen eine konstruktive Kommunikation aufrechterhalten, den man vielleicht am liebsten zum Teufel jagen würde. Damit nicht jedes Gespräch im Streit endet und Termine und Vereinbarungen eingehalten werden, verpflichten US-amerikanische Familiengerichte streitende Eltern seit einiger Zeit dazu, für die Kommunikation und Organisation der Kinderbetreuung spezielle Apps zu verwenden.

    foto: apa/dpa/frank leonhardt
    Trotz Scheidung müssen Eltern eine Gesprächsbasis finden.
    • Was können die sogenannten Scheidungsapps?

    Die in den USA sehr populäre und von vielen Familienblogs empfohlene App Our Family Wizzard ist kostenpflichtig, erlaubt ihren Benutzern aber zum Bespiel, Chatverläufe zu protokollieren. Wer hat wann eine Nachricht geschickt, sie empfangen, gelesen oder ein Dokument aufgemacht? Solche Details können vor Gericht bei Obsorgestreitigkeiten wichtig sein. Mit der App lassen sie sich nachvollziehen.

    Eine weitere Funktion, die im europäischen Kontext vielleicht etwas irritierend wirkt, ist der Tone-Meter. Hier werden die Nachrichten noch vor dem Abschicken überprüft, um "aggressive", "erniedrigende" oder "verletzende" Botschaften zu vermeiden. So soll verhindert werden, dass ein Dialog im Streit eskaliert und zu viele Emotionen im Spiel sind.

    Die App bietet außerdem einen gemeinsamen Kalender, man kann Einkäufe und andere Ausgaben protokollieren. Diese Funktion gehört zur Standardausstattung fast aller Eltern-Apps.

    our family wizard
    Die App Our Family Wizzard bewertet Nachrichten nach ihrem "Aggressionsgrad". Sie wurde von einem ehemaligen Ehepaar entwickelt – nach der Scheidung.

    Die App 2Houses geht von einer etwas harmonischeren Situation aus: Wenn ein Elternteil sich gerade einsam fühlt, weil die Kinder an diesem Wochenende gerade im anderen Haushalt leben, hilft die Funktion "Journal": "Fotos, Videos und sogar liebenswerten Zitate der Kinder können schnell ausgetauscht werden, versprechen die Entwickler.

    gill ruidant
    Die Entwickler erklären ihre App 2Houses, die sich an getrennte Eltern richtet.

    • Wozu noch eine App?

    Viele der Funktionen, die die "Scheidungsapps" anbieten, haben die meisten bereits jetzt auf ihrem Smartphone: Kalender, Einkaufslisten, Messenger. Wieso braucht man also eine weitere App, ausschließlich für die Kommunikation mit dem Ex? Für Verena Meye, alleinerziehende Mutter, die gerade an einer App für getrennte Eltern namens "Pendelkinder" arbeitet, geht es darum, "den Ex-Partner wie einen Geschäftspartner zu behandeln". Die oft sehr belastende Situation und emotional anstrengende Kommunikation mit dem oder der Ex wird mit der App aus den üblichen Kommunikationskanälen herausgenommen. Die Nachrichten poppen nicht unvermittelt auf dem Display auf, sondern können gezielt in der App abgefragt werden.

    foto: apa/dpa/sebastian gollnow
    Die Kommunikation mit dem oder der Ex wird mit der App aus den üblichen Kommunikationskanälen herausgenommen.

    • Was sagt die österreichische Expertin?

    Rechtsanwältin Carmen Thornton, Expertin für Obsorge- und Unterhaltsfragen, hält die Kommunikation über Scheidungs-Apps für eine gute Idee, eine gute Idee, weil diese Art von Kommunikation "Streitigkeiten im Keim ersticken kann". Die Apps ermöglichen es, alle Infos an einem Ort verfügbar zu haben. Noch wichtiger ist es, dass sie die Kommunikation zwischen den Streitparteien nachweisbar machen. Getrennte Eltern haben Informationspflichten, das heißt, es gibt bestimmte Dinge, wie zum Beispiel den Schulerfolg, Erziehungsprobleme oder Erkrankungen des Kindes, über die man den anderen Elternteil informieren muss. Anders als herkömmlicher Messenger können einige dieser Apps speichern, ob und wann der Empfänger die Nachricht tatsächlich gelesen hat.

    Was hält die Expertin vom Einsatz künstlicher Intelligenz, die die Texte der Nachrichten vor dem Abschicken auf Aggression überprüft? Eine derartige Zensur der Kommunikation würde zu weit gehen, sagt Carmen Thornton. Als Elternteil sollte es doch möglich sein mit dem zweiten Elternteil, auch wenn die Beziehung gescheitert ist, eine respektvolle Kommunikation zu pflegen. Sollte ein Elternteil gegen diese Regeln dauerhaft verstoßen, kann bei Beschimpfungen unter Umständen sogar die Obsorge entzogen werden, wenn dadurch das Gesprächsklima der Eltern so gestört ist, dass eine vernünftiger Umgang nicht mehr möglich ist. "Man kann von erwachsenen Menschen schon erwarten, dass sie sich dieser Konsequenzen bewusst sind", sagt die Expertin.

    In den USA schreiben die Familienrichter streitenden Eltern die Verwendung dieser Apps vor, berichtete das "Wall Street Journal". Wäre das in Österreich auch möglich oder erwünscht? "Das Gericht kann zwar bestimmte Maßnahmen ergreifen, um die Kommunikationsfähigkeit der Eltern zu verbessern, zum Beispiel kann es ihnen eine Erziehungsberatung auftragen, grundsätzlich können und sollten die Eltern selbst entscheiden, wie und auf welchem Wege sie miteinander kommunizieren. Das Gericht kann ihnen nicht vorschreiben, dass sie dafür bestimmte Apps verwenden müssen." sagt Thornton.


    foto: imago images / karina hessland
    • Fazit

    Familienrichter, Eltern und die Entwickler der Apps betonen, dass es beim Einsatz der Technologie vor allem um das Wohl der Kinder geht. Diese sollen nicht Zeugen unschöner Szenen werden. Dass ein Vater oder eine Mutter etwa vor verschlossener Tür steht, ist oft nur das Ergebnis eines Missverständnisses oder verunglückter Kommunikation. Strikte Pläne über Besuchstage oder protokollierte Chats sollen genau das verhindern. Ein gut geführter gemeinsamer Kalender und beidseitiges Bemühen um friedvolle Kommunikation tun es aber in den meisten Fällen auch. (os, 11.5.2019)

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