Zotter: Mauern bringen nichts. Wer verhungert, wird jede übersteigen

    Interview12. Mai 2019, 09:00
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    Der Chocolatier und Biobauer engagiert sich in Flüchtlingsfragen und fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen

    "Bitte ein schnelles Foto!" Eilt Josef Zotter durch die Schokoladenmanufaktur, zücken Besucher das Handy. Der Chocolatier winkt durch Glasscheiben, lächelt in Kameras, drückt Hände. "Ich habe hier nichts zu verstecken", sagt er mit Blick auf die von allen Seiten einsehbare Produktion in Bergl. "Das Geheimnis bin eh ich."

    STANDARD: Sie wollten als Jugendlicher eigentlich eine Disko betreiben und zum Mond fliegen. Wird da noch was draus?

    Zotter: Das kann ich abhaken. Zum Mond fliegen würde ich mich auch nicht mehr trauen. Ich bin hier in Bergl aufgewachsen. Wo heute der Shop ist, war früher der Kuhstall. Und es gab ein kleines Gasthaus. Mein Vater wollte, dass ich Landwirt werde. Bis ich 16 war, kam ich ihm da nicht aus. Aber statt dem Gasthaus wollte ich eine Disko. Das kam für ihn nicht infrage. Das war ein Grund, warum ich andere Berufe erlernte. Ich wollte nie wieder zurück nach Bergl.

    STANDARD: Ihr Vater war Obstbauer. Was hielt Sie vom Apfelzüchten ab?

    Zotter: Er betrieb 3,5 Hektar Obstbau. Äpfel kosteten damals gleich viel wie heute, man konnte also davon leben. Mein Vater hatte die neuesten Sorten, bekam gute Preise und hat am meisten gespritzt von allen. Beim Giftmischen war er beinhart, ein Wilder: Standen 100 Milliliter auf 100 Liter, leerte er 200 Milliliter rein. Das hat mich geprägt. Auch darum bin ich heute Ökobauer. Er hackelte schwer, musste aber immer öfter um sein Geld zittern, wurde nervös. Das gab mir den Mut zu sagen, ich mach das nicht. Als ich in Graz dann meine Konditorei aufsperrte, gab er seine Landwirtschaft auf.

    foto: regine hendrich
    Streicheln oder essen? "Die Leute sind weit weg von der Landwirtschaft", meint Zotter, der auch Fleisch produziert.

    STANDARD: Apropos Spritzen: Viele Bauern fordern einen liberaleren Pestizideinsatz.

    Zotter: Die Debatte um die Erdäpfel ... Klar ist es leichter, alles niederzuspritzen. Aber 15 Prozent Ernteausfall wären es wert, andere Wege zu gehen. Wir haben heute einen Ökolandbau auf 85 Hektar, der wirtschaftlich erfolgreich ist. Wir spritzen nicht – und bis auf zwei Pflichtbehandlungen im Jahr auch nicht unseren Weingarten. Und wir haben einen sehr guten Bio-Wein. Ich gebe jedoch nicht den Bauern die Schuld, viele unter ihnen stehen unter starkem Stress.

    STANDARD: Neben Schokolade produzieren Sie Biofleisch aus Freilandhaltung. Wie wirtschaftlich ist Ihr essbarer Tiergarten?

    Zotter: Ich konnte ihn machen, weil es das Unternehmen Schokolade gibt. Und in ihm steckt natürlich Provokation, gerade jetzt, wo die Ferkel, Lämmer und Kälber auf die Welt kommen. Die Leute sagen: "Jössas, wie lieb, das könnt ich ja nie essen." Vor allem die Lehrer kritisieren mich: Das könne man Kindern nicht erklären, hieß es. Aber wie haben sie es denn bisher erklärt? Offenbar gar nicht. Die Leute sind so weit weg von der Landwirtschaft. Wir haben eine Bruthenne, die aus freien Stücken gern im Streichelzoo wohnt. Ein Mädchen nahm ein Piperl in die Hand, die Henne flog es an wie ein Geier. Die Mutter schrie und nannte sie aggressiv. Ich bat sie, das Küken auszulassen, und eine Ruh war. Ich fragte, was denn wäre, wenn ich ihre Tochter beim Schopf packe?

    STANDARD: Aber wie realistisch ist es, mit diesem Modell als Landwirt abseits der Massentierhaltung Schule zu machen?

    Zotter: Wir machen 4.000 bis 5.000 Euro aus einer Sau. Für ein Schwein aus konventioneller Massentierhaltung gibt es 160 Euro – das sind zwei Stundensätze Mechaniker, unfassbar. Mein Vater hatte Äpfel im Garten, die haben wir gegessen – das gespritzte Obst hat er verkauft. Ein Massentierhalter hat 1.000 Schweine, drei hält er sich selber. Die dürfen dann raus in die Sonne, bekommen Salat, altes Brot. Ein Witz eigentlich. Ich fordere vor jeden Bauernhof, der subventioniert wird, per Gesetz drei Parkplätze mit Einsichtmöglichkeit. Stall und Grundstück gehören zwar den Landwirten, Essen aber ist ein öffentliches Gut.

    STANDARD: Ein gläserner Stall?

    Zotter: Jedes Hendl wird irgendwann öffentlich. Jetzt gibt es Aktivisten, die nachts einsteigen, Sirenen heulen, Kameras laufen. Ich plädiere dafür, die Ställe zu öffnen. Nicht weil ich Bauern damit wehtun will. Aber die höhere Transparenz würde auch ihnen helfen. Die Leute wollen keine Massentierhaltung sehen, sondern das Bild, das auf der Werbeverpackung steht. Und dafür sind viele bereit, mehr zu zahlen. Früher haben manche ihre Sau mit Steinen gefüttert, damit sie beim Fleischer zwei Kilo mehr wiegt. Aber nur ein einziges Mal. Weil der fand die Steine ja irgendwann. Was ich damit sagen will: Steht man sich Aug in Aug gegenüber, tut man so etwas einfach nicht.

    foto: regine hendrich
    "Wir machen 4.000 bis 5.000 Euro aus einer Sau", rechnet Zotter vor. Für ein Schwein aus konventioneller Massentierhaltung gebe es 160 Euro. "Unfassbar."

    STANDARD: Sie kämpfen seit mehr als vier Jahren für Weideschlachtungen auf Ihrem Hof. Ist eine Bewilligung in Sicht?

    Zotter: Wir sind damit zweimal bis zum Obersten Gerichtshof und stehen jetzt kurz vor dem Durchbruch. Der Bezirkstierarzt hatte die Lösung: Ein Hochsitz, aus dem man nicht waagrecht schießt, sondern runter. Es gibt in der artgerechten Tierhaltung nichts Schlimmeres als Transporte. Wehe du willst eine auf der Weide an sich friedliche Sau festhalten – frage nicht, wie stark die ist. Die Landwirtschaftskammer wollte mich boykottieren, weil das Ganze der Branche schade. Das stimmt auch, aber irgendwie müssen wir doch aus diesem Kreislauf raus, wo es kein Geld, keinen Preis, keine Förderungen gibt, in dem alles so schwer ist.

    STANDARD: Ihr Betrieb in Bergl ist nach dem Grazer Uhrturm und Joanneum die meistbesuchte steirische Sehenswürdigkeit. Wird Ihnen der Rummel nicht manchmal zu viel?

    Zotter: Ich bin nicht zu bemitleiden, suche mir das ja selbst aus. Es ist wie bei meinen Hasen: Wenn sie gestreichelt werden wollen, kommen sie raus, sonst schlurfen sie hinten in den Stall rein und sind weg.

    STANDARD: Im Dienste der Kakaobohnen reisen Sie viel. Wie kam es, dass Sie sich in Madagaskar vor zwei Jahren unter schießwütigen Vanillebauern wiederfanden?

    Zotter: Man warnte mich vor meiner Reise vor der Pest. Was ich stattdessen sah, waren bewaffnete Bauern. Vanille war in den letzten Jahren extrem teuer, der Kilo kostete bis zu 800 Euro. Arme stehlen sie nachts, und wenn einer erwischt wird, wird er sofort erschossen – 30 bis 50 Menschen monatlich, das ist furchtbar. Leute sterben wegen Vanille, die wir so locker essen und bezahlen. Ich will mit meiner Schokolade "Knochenpest" zeigen, dass es weniger die Pest ist, die den Tod bringt, sondern Vanille.

    foto: regine hendrich
    Zotter: "Die Reise zum Mond kann ich abhaken. Das würde ich mich nicht mehr trauen."

    STANDARD: Sie engagierten sich immer wieder in Flüchtlingsfragen. Was genau stört Sie an der gegenwärtigen Asylpolitik?

    Zotter: Wir müssen Probleme vor Ort lösen. Mauern zu bauen hilft nichts. So hoch können sie gar nicht sein – wer nichts zu essen hat, wird jede übersteigen. Die Flüchtlinge sollen daheim bleiben, wir leben in Saus und Braus, schmeißen ein Drittel unserer Lebensmittel weg, füttern luxuriös Hund und Katz. Das ist grotesk. Ich habe selber Tiere, aber bevor ich einem Flüchtling den Weg übers Meer versperre, lasse ich meinen Hund einschläfern. Ich habe mit dem Rechtsruck der Politik nichts am Hut, dem Stacheln, der vergifteten Stimmung.

    STANDARD: Sie haben eine syrische Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Was wurde aus ihr?

    Zotter: Der Vater wollte bei uns mitarbeiten, ich musste ihm erklären, dass er nicht darf. Die Kinder gingen hier zur Schule, konnten gut Deutsch, die Nachbarn mochten sie. Sie bekamen letztlich aber keinen Flüchtlingsstatus, wurden nach Bulgarien abgeschoben, die Cobra hat sie mit sieben Leuten abgeholt. Es wurde trotzdem eine Erfolgsgeschichte. Sie gingen von Bulgarien zurück nach Syrien. Der Vater, zuvor Obstverkäufer, machte in Damaskus eine Fensterfabrik auf und hat mittlerweile sieben Mitarbeiter. Dieser Weg ist keine Ausnahme, sondern zu 90 Prozent die Realität.

    STANDARD: Ihre Devise bei der Schokoladeproduktion war einst: keine Handelsriesen, keine Preisvergleiche, kein Duell mit der Industrie. Konnten Sie ihr über die Jahre treu bleiben?

    Zotter: Ja. Ich sage: Besuche nie einen Kunden, denn der ist gefährlich. Ich fahre bis heute zu keinen Handelsriesen, wo mir drei Hyänen gegenübersitzen und den Preis diktieren. Wir machen keine Zentrallistungen. Und natürlich könnte ich zehn Prozent Rabatt geben, aber morgen sind es 15, dann 20 Prozent. Und was dann? Viele sind in der Spirale ganz unten, da kommt man nicht mehr raus. Wir machen 46 Prozent unseres Gesamtumsatzes hier im Haus. Damit bin ich frei. Wissen Sie, was das für die Margen heißt? Vertreibe ich meine Schokolade über Händler, muss ich für den gleichen Ertrag dreimal so viel verkaufen.

    foto: regine hendrich
    "Bevor ich einem Flüchtling den Weg übers Meer versperre, lasse ich meinen Hund einschläfern", sagt Zotter. Er habe mit dem Rechtsruck der Politik nichts am Hut.

    STANDARD: Sind Sie nie dem Reiz einer rasanteren Expansion erlegen?

    Zotter: Wir sind erfolgreich. Ich bin glücklich damit, aber nicht davon getrieben, was ich verdiene. Ich habe hier 200 Mitarbeiter, die alle einen höheren Lohn als üblich und täglich ein kostenloses Mittagessen bekommen. Deswegen haben wir auch die Landwirtschaft. Denn selbst wenn wir pleitegehen, zum Essen haben wir immer genug.

    STANDARD: Sie betreuen auch Harvard-Studenten. Was lernen diese von Ihnen?

    Zotter: Dass sie nie den Markt fragen sollen, was er sich wünscht, sondern nur das machen sollen, was sie für richtig halten. Wir machen etwa eine Würmchenschokolade. Hätte ich zuvor alle um ihre Meinung gefragt, gäbe es sie bis heute nicht. Der Markt gibt dir nämlich nur Antworten, die er schon kennt. Wir müssen daher auch unser Wirtschaftssystem überdenken: Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen, sie dürfen sich nicht nur auf den Markt ausreden. Viele sagen, sie würden es ja selbst ganz anders machen, aber die Leute wollten es halt so. Deswegen gibt es keine Innovationen mehr. Alle wollen Mittelmäßigkeit, um nur ja kein Risiko einzugehen.

    foto: regine hendrich
    Zotters Ideenfriedhof. "Wir haben schon Massengräber."

    STANDARD: Und wer hat die Würmchen und Heuschrecken nun als Erster gekostet?

    Zotter: Ich musste Stärke zeigen und habe vor versammelter Mannschaft gelöffelt. Das war erst wenig super, dann aber gar nicht so schlecht. Es ist wie beim Schwein, erst frisst die Mutter vor, dann kosten die anderen. Heute ist das bei uns kein Thema mehr. Alle essen sie, ob auf der Pizza oder im Salat.

    STANDARD: Also nichts für Ihren Ideenfriedhof. Ist dort noch Platz für Grabsteine, oder steigen Sie bald auf Urnen um?

    Zotter: Wir haben schon Massengräber. Es sind hier symbolisch ja nicht nur erfolglose Schokoladesorten begraben. Mitunter nehme ich auch bestverkaufte aus dem Sortiment, weil sie mich schlicht nicht mehr interessieren. Ich will mich nicht nach Verkaufszahlen orientieren, weil das hieße, auf die Dummheit des Marktes zu setzen, der oft nicht weiß, was gute Schokolade ist. Aber wir exhumieren auch. Nach 20 Jahren findet man ja oft vieles wieder lustig.

    STANDARD: Sie beschäftigen neben 200 Mitarbeitern auch drei Roboter. Haben sich Ihre Leute mittlerweile mit ihnen angefreundet?

    Zotter: Es sind die ersten Schokoroboter auf diesem Planeten. Das war mir wichtig. "Jössas, jetzt müss ma aufpassen", hieß es unter den Mitarbeitern, "wir werden gekündigt." Aber es geht mir nicht darum, Arbeitsplätze einzusparen, sondern um Produkte, die es sonst nicht geben würde, die Menschen in dieser Präzision und Feinheit nicht machen könnten. Handgeschöpfte Schokoladen wiederum werden bei mir auch künftig keine Roboter machen – weil sie es nicht können. Heute sind sie keine Schreckgespenster mehr. Einmal machte es einen Klescher, ein Roboter fuhr mit seinem Arm in eine Kühlschranktür und riss sich die Finger ab: Error, Rot, Stillstand. Mitarbeiter kamen und fragten: Chef, sollen wir ihn ins Spital führen?

    foto: regine hendrich
    Zotter tritt für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. "Es muss her. Bei allen Diskussionen kommen aber Traumzahlen raus: 1.500, 1.800, 2.000 Euro im Monat. Das ist unrealistisch."

    STANDARD: Was halten Sie von der aktuellen Steuerreform? Entlastet sie finanziell?

    Zotter: Dass die Unternehmenssteuern sinken, ist aus Sicht der Betriebe gut. Was mich stört, ist die Bürokratie, dieser Koloss, diese Schwerfälligkeit. Schwindlig wird es einem da. Geht es um Umverteilung, stehe ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Es muss einfach her. Bei allen Diskussionen kommen derzeit aber Traumzahlen raus: 1.500, 1.800, 2.000 Euro im Monat. Das ist unrealistisch. 700, 800 Euro kann ich mir besser vorstellen.

    STANDARD: Sie waren einst als junger Unternehmer pleite. Hätte Sie ein Grundeinkommen, an das keinerlei Bedingungen geknüpft sind, davor bewahrt?

    Zotter: Ich war größenwahnsinnig und deswegen pleite. Ich war vom Unternehmersein beseelt und wollte expandieren. Ich wäre sicher genauso gescheitert. Wir lebten dann von sehr wenig und waren dennoch nicht unglücklich. Viele werden mich jetzt in der Luft zerreißen, sagen, ich hab keine Ahnung vom Leben und rede leicht daher: Aber es ist auch möglich, von nur 600 Euro im Monat zu leben. Wichtig ist mir, dass der finanzielle Grunddruck weg ist. (Verena Kainrath, 11.5.2019)

    Josef Zotter (58) ist Koch, Kellner, Konditor und Biobauer. 1987 eröffnete der Steirer in Graz mit seiner Frau Ulrike eine Konditoreikette und scheiterte. 1999 konzentrierten sich die beiden am elterlichen Hof auf Schokolade, stellten auf fairen Handel und Bio um. Die beiden älteren ihrer drei Kinder, Julia und Michael, arbeiten im Unternehmen mit.

    Zum Unternehmen

    Zotter verarbeitet jährlich 350 Tonnen Kakao zu 550 Schokoladeartikeln. Die Bohnen werden direkt in den Anbauländern eingekauft. 200 Mitarbeiter in Bergl bei Riegersburg setzen rund 22 Millionen Euro um. Die Manufaktur zählt täglich im Schnitt 1.000 Besucher, wurde um eine Bio-Landwirtschaft und einen essbaren Tiergarten erweitert. 2014 baute der Betrieb ein Schokoladen-Theater in Schanghai mit 30 Mitarbeitern auf. 2018 verzichtete er aufgrund der Massenbilanzierung auf das Fairtrade-Siegel und wurde Mitglied der World-Fair-Trade-Organisation.

    • "Keiner geht mehr Risiko ein", sagt Josef Zotter und sieht es in der Wirtschaft an Innovationen fehlen.
      foto: regine hendrich

      "Keiner geht mehr Risiko ein", sagt Josef Zotter und sieht es in der Wirtschaft an Innovationen fehlen.

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