Vorzeigebauten in Niederösterreich: Aus gutem Holz geschnitzt

    Ansichtssache16. Mai 2019, 06:00
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    Der Baustoff Holz wird immer begehrter. An neuen Holzgebäuden in Niederösterreich sieht man, dass rustikales Holz und eine moderne Bauweise kein Widerspruch sind

    foto: redl

    Durch große Glasfronten fällt der Blick in einen grünen Innenhof. Wände und Fenster sind aus hellem Holz, auf dem Boden sind Steinplatten verlegt, die einen gemütlichen Eindruck hinterlassen, fast wie ein Teppich. So oder so ähnlich wie der Büroneubau Gruber & Petters in Stockerau sehen viele moderne Bürogebäude aus. Und dennoch ist die Optik hier nicht selbstverständlich, wie Architekt Werner Fürtner von No_Architects beim Rundgang erzählt. Denn das Unternehmen entwickelt Software-Planungswerkzeuge für Schulen. "Die PC-Freaks, die hier arbeiten, brauchen gar keine Fenster, die muss man eher unter Zwang beglücken", sagt Fürtner mit einem Schmunzeln.

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    foto: redl

    Im Jahr 2018 bekam das Gebäude eine Anerkennung in der Kategorie Nutzbau des NÖ Holzbaupreises. Der Neubau für 60 Mitarbeiter war notwendig, weil das Unternehmen wächst. Den Architekten ging es darum, "nicht einen Glaskasten zu schaffen", sondern die flachen Hierarchien in der Firma auch baulich darzustellen.

    Im grünen Innenhof gibt es Kletterpflanzen, die für eine natürliche Beschattung der Glasfronten sorgen, und die Dachflächen wurden mit Moosen und Gräsern bepflanzt. "Wer den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt, soll ja immer wieder aus dem Fenster schauen, den Blick schweifen lassen und das Auge auf die Ferne einstellen", sagt Fürtner. Das können auch die Mitarbeiter bei Gruber & Petters tun – und sie sehen dabei vor allem Natur.

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    foto: christian brandstätter

    Um Natur, genauer gesagt um einen Baustoff, der natürlicher nicht sein könnte, ging es kürzlich bei einer Exkursion des Architekturnetzwerks Orte, bei der vorbildliche Holzbauten in Niederösterreich besichtigt wurden. Einer davon war der Büroneubau in Stockerau. Ein weiterer: Das Laborgebäude der Universität für Bodenkultur in Tulln, über das auch der STANDARD schon berichtet hat. Geforscht wird dort an nachwachsenden Rohstoffen, und so hat man sich dieses Thema auch für den Neubau zu Herzen genommen.

    Eröffnet wurde das Gebäude mit unbehandelter Lärchenholzfassade schon 2017. Ziel sei gewesen, dass der Baustoff sich gut in die von der Landwirtschaft geprägte Umgebung einfügt. Somit stört es auch niemanden, dass "das Haus immer grauer wird", wie es von der Arbeitsgemeinschaft Delta und Swap Architekten heißt, die das Projekt geplant hat. Das Gebäude – Bauherr war die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) – wurde 2018 mit dem NÖ-Holzbaupreis in der Kategorie Öffentliche und Kommunalbauten ausgezeichnet.

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    foto: leonhard hilzensauer

    Gleich in zweifacher Hinsicht steht in einem Bau in Kirchberg am Wagram das Holz im Mittelpunkt. Denn das "Wohnzimmer" im Alten Winzerkeller, einem ehemaligen Speicher- und Presshaus, in dem heute sieben Fremdenzimmer untergebracht sind, ist rund um die auf dem Grundstück stehenden Bäume konzipiert. Der Raum ist eine Weinlounge mit Selbstbedienung, die den Gästen der kleinen Frühstückspension zur Verfügung steht.

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    foto: redl

    Das Besondere am Projekt: Laurenz Vogel, Sohn der Betreiber des Alten Winzerkellers, ist Architekt und hat das Gebäude geplant – Vater Ernst Vogel hat alles selbst gebaut. "Wir wollten alles Vertikale betonen, es sollte viel Licht reinkommen und möglich sein, von innen zu den Baumkronen rauszuschauen", so Laurenz Vogel. In der Kategorie Um- und Zubau, Sanierung war das Projekt ebenfalls im Jahr 2018 Gewinner des NÖ-Holzbaupreises.

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    foto: alexander kofler

    Um Wein und eine Sanierung geht es auch beim nächsten Halt der Exkursion. Auf dem Hof des Weinguts Höllerer in Engabrunn haben Nicole und Alois Höllerer den ersten Stock des Bestandsgebäudes umbauen lassen. Das Dach wurde zum Innenhof hin ausgedreht. Trotz der modernen Optik ist der neue Bauteil unaufdringlich und angepasst. Die Holzlattenfassade aus vorvergrauter Lärche dient als Sichtschutz und bildet im Erdgeschoß einen Arkadengang.

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    foto: redl

    Geplant wurde der Umbau von Christoph Milborn von Imgang Architekten aus Innsbruck. Aufgrund der komplizierten Ausgangslage – "es gab keinen rechten Winkel", so Milborn – konnten die Elemente nicht vorgefertigt werden.

    Ausgeführt wurde das Projekt von der Holzbaufirma Klement in Haitzendorf – mit tatkräftiger Unterstützung: "Zum Glück können die Erntehelfer auch alle möglichen anderen Sachen gut", so der Architekt beim Rundgang. Auch dieses Projekt erhielt 2018 den NÖ-Holzbaupreis in der Kategorie Um- und Zubau, Sanierung.

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    foto: redl

    Der mit Abstand größte Holzbau der Rundfahrt steht in St. Pölten. Der Großmarkt Metro hat 8800 Quadratmeter Verkaufsfläche und ist zehn Meter hoch. Der Bau ist komplett aus Holz, dadurch wirkt der Verkaufsraum hell und gemütlich – doch der größte Vorteil, so Geschäftsleiter Walter Hörndler, sei der lärmabsorbierende Effekt des Materials. "Das häufigste Feedback, das wir von Kunden zum Neubau bekommen, ist, dass es extrem leise ist, trotz Staplerverkehr. Dadurch sind die Abläufe weniger stressig."

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    foto: redl

    Geplant wurde der Komplex von Andreas Prehal von Poppe-Prehal Architekten. Auf dem Dach ist eine Fotovoltaikanlage installiert, dadurch sind die Betriebskosten niedrig: Das Gebäude ist ein Plus-Energie-Haus. Zentral gesteuert und mittels Sensoren können Fenster geöffnet und kann somit quergelüftet werden. So wird das Gebäude ausreichend gekühlt, selbst im Sommer. Und auf eine Lüftungsanlage konnte vollständig verzichtet werden. Der Bau erhielt den Kategoriepreis Nutzbau des NÖ-Holzbaupreises im Jahr 2018.

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    foto: redl

    Der letzte Halt der Exkursion liegt in Rekawinkel. Auf dem höchsten Punkt eines Hanggrundstücks thront dort ein Jahrhundertwendehaus, darunter erstreckt sich eine parkähnliche Fläche mit Obstbäumen. "Zu Weihnachten waren oft 15 Familienmitglieder gleichzeitig im Haus", erzählt der Bauherr. Und so wurden aus Platzgründen zwei weitere Gebäude errichtet, die mit dem Ursprungsbau korrespondieren sollten, wie Architekt Juri Troy vom gleichnamigen Architekturbüro erklärt. "Wir wollten Sichtachsen und Blickbeziehungen zulassen, von oben sollte es möglich bleiben, die darunterstehenden Häuser zu überblicken", so der Architekt, der die Anordnung der Gebäude auf dem Grundstück mit einer Familienaufstellung vergleicht.

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    foto: juri troy

    Das unterste der drei Gebäude steht im Zentrum der Exkursion. Der Innenraum ist um einen Sichtbetonkern aufgebaut, in dem sich Stiegenhaus, Nasszellen und Haustechnik befinden. "Dass der Beton so bleibt und deshalb nicht verschmutzt werden darf, mussten wir den Handwerkern klipp und klar sagen", erzählt der Architekt eine Anekdote aus der Bauzeit.

    Über dem Betonkern liegt ein Holzwürfel, der im Erdgeschoß einen Wohnraum und im ersten Stock Schlaf- und Arbeitszimmer beherbergt. Insgesamt stehen 90 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. Die gesamte Holzkonstruktion besteht aus vorgefertigten Massivholzelementen aus Weißtanne, die Fassade aus sägerauen Fichtenbrettern.

    Dem Betrachter fällt zuallererst die große Loggia mit Glasfront auf. Sie gibt den Blick frei auf die Lieblingsaussicht der Bauherren – ein gegenüberliegendes Tal im Wienerwald. Und vielleicht auf jene Bäume, die dort schon für die nächsten Preisträger des Holzbaupreises wachsen. (Bernadette Redl, 16.5.2019)

    Hinweis: Die Busreise durch NÖ erfolgte auf Einladung des Architekturnetzwerks ORTE.

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