Israels turbulente Geschichte beim Eurovision Song Contest

Blog11. Mai 2019, 09:00
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In der Eigendefinition ist der Bewerb unpolitisch. Israels Teilnahme führte aber immer wieder zu Turbulenzen. So auch heuer, der Streit um den Austragungsort war politisch geladen

Wenn am 18. Mai das Finale des Eurovision Song Contest in die Wohnzimmer Europas ausgestrahlt wird, feiert der israelische TV-Sender Kan auch die Geschichte Israels bei der größten Musikshow der Welt. Ilanit, die erste Teilnehmerin Israels, wird ebenso auftreten wie Dana International, Nadav Guedj und Netta Barzilai.

Die erste Israelin für Österreich

Die allererste Israelin, die jemals beim Song Contest antrat, tat dies nicht mit der israelischen Fahne. Carmela Corren hieß sie, sang 1963 den Song Vielleicht geschieht ein Wunder und vertrat Österreich. Inwiefern es ein Nachkriegs-Statement des ORF war, eine Israelin als rotweißrote Repräsentantin zu schicken, bleibt Spekulation.

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Die zweite Israelin trat übrigens im selben Jahr ein paar Startnummern später für die Schweiz an. Esther Ofarim hätte mit T’en vas pas den Wettbewerb sogar fast gewonnen, musste sich bei der letzten Wertung aber Dänemark geschlagen geben. Verschwörungstheorien über einen "gestohlenen Sieg" sind bis heute zu hören, denn Norwegen korrigierte sein Voting am Ende.

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Die erste echte Teilnahme Israels beim Eurovision Song Contest fand 1973 statt. Ilanit trat mit dem Song Ey sham an und erreichte den respektablen vierten Platz. Es war die Zeit, in der Israel sich stärker Richtung Europa richtete. 1972, nach den Terror-Attentaten bei den Olympischen Spielen in München, suchte Israel eine neue Identität, die zunehmend europäisch sein sollte.

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Beeinflusst wurde diese Entscheidung auch von anderen Ereignissen dieser Zeit: So flog etwa der israelische Fußballverband 1974 aus der Asian Football Association und auch die Aufnahme in die UEFA wurde damals von den Ostblock-Staaten verhindert und konnte erst nach dem Mauerfall 1991 realisiert werden. In diesem Licht ist auch Israels Teilnahme beim Eurovision Song Contest zu sehen. Bei der Europäischen Rundfunkunion (EBU) ist Israel aber bereits seit 1957 Mitglied.

Siege 1978 und 1979

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Dass Israel sich in einem ständigen Konflikt mit den Nachbarstaaten befand, hinterließ auch beim Song Contest Spuren. Zu Beginn schien das Land aber beim ESC sehr erfolgreich zu sein. 1978 und 1979 konnte Israel sogar gleich zweimal hintereinander gewinnen. Zuerst mit A-ba-ni-bi von Yizhar Cohen & the Alpha-Beta und danach mit Hallelujah von Gali Atari & Milk and Honey.

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1980 Marokko statt Israel

Doch ausgerechnet 1980 sah Israel sich nicht imstande, den Bewerb noch einmal auszurichten und gab an die Niederlande ab. Der Termin, der dann fixiert wurde, war ein weiterer Schlag ins Gesicht Israels, denn der Song Contest in Den Haag fand ausgerechnet am israelischen Gedenktag Jom haZikaron statt. An dem Tag wird in Israel der gefallenen Soldaten und der Opfer von Terrorismus gedacht.

Als bekannt wurde, dass Israel nicht mitmachte, sprang ein anderes Land ein, das ebenfalls Mitglied der EBU war und ist: Marokko. Im marokkanischen Fernsehen einen israelischen Beitrag zu zeigen, war – und ist wohl auch heute noch – undenkbar. Diese Chance nutzte das nordafrikanische Land und nahm teil. Nur dieses eine Mal übrigens.

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Dana International siegte 1998 – und veränderte ihr Land

1998 gelangte Israel wieder in den Fokus einer hochpolitischen Debatte, diesmal allerdings innenpolitisch. Dana International wurde vom israelischen Sender ausgewählt, um das Land in Birmingham zu vertreten. Dass eine Transgender-Frau Israel repräsentieren sollte, schmeckte konservativen Kräften weniger und das Land erlebte eine Kontroverse, die man in Österreich in ähnlicher Form Ende 2013 erleben konnte, als Conchita nominiert wurde.

Dana International sollte dann mit Diva ganz knapp den Sieg davon tragen, und das beim womöglich spannendsten Voting der Geschichte des Bewerbs. Die Community der Lesben, Schwulen und Transgender-Personen in Israel feierte den Sieg und konnte ihn auch nützen. Tel Aviv wurde zu einer queeren Hauptstadt, die Sichtbarkeit und der Kampfgeist der LGBTI-Community war nicht mehr zu stoppen. Kein anderer Sieg hat ein Land derart geprägt und verändert wie Dana International 1998 Israel.

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2005 musste der Libanon zuhause bleiben

2005 wollte der Libanon am Eurovision Song Contest in Kiew teilnehmen und hatte sogar schon einen Beitrag ausgewählt. Dann wollte der Sender aber beim israelischen Beitrag ausblenden, worauf die EBU sagte: So nicht. Die Delegation des libanesischen Fernsehens musste zuhause bleiben.

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Politische Botschaft 2007?

Der Beitrag 2007 dürfte der EBU einiges an Kopfzerbrechen bereitet haben, da eine Regel besagt, dass politische Botschaften eigentlich nicht erlaubt seien. Allerdings war die Band Teapacks mit dem Song Push The Button recht klug. Dass gefährliche Männer einen Knopf drücken können kann alles bedeuten. Ahmadinejad dachte man sich damals höchstens dazu, kam im Lied selbst aber nicht explizit vor.

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Der bilinguale Weg 2009

2009 konnte nach Marokkos Beitrag 1980 das zweite Mal Arabisch auf der Bühne des Song Contests gehört werden – und zwar beim israelischen Beitrag. Mira Awad, eine christlich-arabische Sängerin, sang mit Noa das Duett There Must Be Another Way, das bilingual vorgetragen wurde. Mira Awad musste sehr viel Kritik und Drohungen seitens radikaler Palästinenser einstecken und Petitionen machten die Runde. Sie müsse ihre Teilnahme widerrufen, schallte es an vielen Ecken.

Das tat sie aber nicht. Die beiden Sängerinnen, die sich politisch instrumentalisiert sahen, da sie schon jahrelang gemeinsam arbeiteten, fuhren trotzdem nach Moskau und endeten auf Platz 16. Noch im selben Jahr gab Mira Awad eine Wahlempfehlung zugunsten der Kommunisten ab.

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Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

2011 bis 2014 konnte sich Israel nicht mehr für das Finale qualifizieren, und das trotz eigentlich sehr guter Acts. In Israel wird seither auch diskutiert, inwieweit die Politik eine Rolle spielt, dass niemand mehr für Israel anrufen mag. 2013 in Malmö gab es sogar Demonstrationen von linken Politikern und arabischen Einwanderern gegen die Teilnahme Israels.

2015 trat Israel mit dem 16-jährigen Sänger Nadav Guedj in Wien an. Sein fröhlicher Song Golden Boy war eine Werbung für das liberale, weltoffene und LGBT-freundliche Tel Aviv. Bei den Fans, die nach Österreich reisten, war der Song enorm beliebt, erreichte locker das Finale und wurde schlussendlich Neunter. Bei der Pressekonferenz in Wien gab es einen sehr emotionalen Moment. Ein libanesischer Journalist meldete sich zu Wort und wünschte sich Frieden, worauf es zu einer Umarmung kam. Das ist eben der Spirit von Eurovision.

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Nettas Sieg und der holprige Weg nach Tel Aviv

Netta gewann 2018 den Eurovision Song Contest in Lissabon mit dem Song Toy. Wieder spielte Politik eine Rolle, dieses Mal aber eine globale Bewegung, keine spezifisch israelische. Die #MeToo-Bewegung thematisierte sexuellen Missbrauch, Netta sang dazu den Soundtrack beim Song Contest. Israel gewann somit zum vierten Mal, und zum zweiten Mal nach 1998 mit einer politischen Message.

eurovision song contest

Welche Stadt den Eurovision Song Contest 2019 ausrichten sollte, war sofort politischer Zankapfel. Angeheizt durch die Debatte rund um die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, war die Austragung des Song Contests in der (noch nicht von allen Staaten anerkannten) Hauptstadt plötzlich ein heißes Eisen, obwohl der Song Contest 1979 und 1999 problemlos in Jerusalem über die Bühne gehen konnte. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu und sogar Netta selbst feierten den Sieg 2018 in Lissabon noch mit den Worten: Next year in Jerusalem.

Boykott-Aufrufe

Doch dann mehrten sich internationale Boykott-Aufrufe, allen voran aus Irland und Island, teilweise gegen Jerusalem, größtenteils aber gegen Israel insgesamt. Der TV-Sender Kan – im übrigen nicht mehr gebührenfinanziert, sondern neuerdings steuerfinanziert und daher umso mehr von der Regierung abhängig – musste jeden Schritt mit der Regierung aushandeln und stand enorm unter ihrem Druck. Die EBU verlangte jedoch die Unabhängigkeit des Senders, der wiederum um die für die Austragung notwendigen Kredite aus dem Steuertopf bangte.

eurovision song contest

Dass der Wettbewerb nun doch in Tel Aviv stattfindet, mag ein Signal sein, dass die Weltoffenheit, die Liberalität und die Toleranz im Mittelpunkt stehen. Der Song Contest findet in einer LGBT-Metropole statt, in der einzigen Demokratie des Nahen Ostens. Und auch die isländischen Teilnehmer der Band Hatari, die ihren Auftritt als Protest gegen Israels Politik verstanden sehen wollen, dürfen diesen nicht auf der Bühne äußern, wie ihnen die EBU mitteilte.

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Würde die satirische BDSM-Gruppe in ihrem geilen Lederoutfit in Gaza auftreten, würde ihnen dies dagegen vermutlich von der Hamas strikt verboten werden. Also steht am Ende doch nur Tel Aviv zur Verfügung. (Marco Schreuder, 11.5.2019)

Zum Weiterlesen

1. ESC-Blogbeitrag: Sprechen wir über Tel Aviv

  • Nettas Sieg in Lissabon 2018 brachte den diesjährigen Song Contest nach Israel. Sie hatte die richtige Meassage zur #MeToo-Bewegung.
    foto: apa/afp/gideon markowicz

    Nettas Sieg in Lissabon 2018 brachte den diesjährigen Song Contest nach Israel. Sie hatte die richtige Meassage zur #MeToo-Bewegung.

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