Strategie- und Zahlenspiele in Istanbul

    9. Mai 2019, 17:54
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    Die erzwungene Wiederholung der Bürgermeisterwahl entzweit die Lager in der Türkei weiter

    Kommt höhere Gewalt ins Spiel, sind Fluggesellschaften eigentlich nicht dazu verpflichtet, bereits bezahlte Flugtickets zu erstatten. Insofern ist es mehr als Kulanz seitens der türkischen Pegasus und Atlas Air, die Passagiere, die um den 23. Juni in Istanbul bleiben wollen, zu entschädigen. Wahrscheinlich war es Kalkül der AKP, den Termin für die Wahlwiederholung auf just dieses Wochenende zu legen.

    Die Schulferien haben dann schon begonnen, und die Istanbuler Mittelschicht entflieht dem Sommer traditionell an die türkische Ägäis-Küste. Zurück bleiben die ärmeren Bewohner, oft zugezogene Anatolier – und damit die klassische Wählerklientel Tayyip Erdogans. Eine Reiseagentur in Bodrum – die Stadt ist traditionell in CHP-Hand – warnte gar davor, am 23. Juni hierher zu reisen. Man erwarte Schnee, lautete die nicht ganz ernst gemeinte Begründung. Angeblich haben tausende Istanbuler ihre Urlaubspläne bereits verschoben.

    Siegessicherheit

    Auch sonst geben sich die CHP und ihr Spitzenkandidat Ekrem Imamoglu siegessicher. Als am Montagabend die Oberste Wahlkommission ihre Entscheidung bekanntgab, die Wahlen in Istanbul zu wiederholen, rief Imamoglu seinen Anhängern zu: "Alles wird gut werden!" Der Istanbuler Bauunternehmer gibt sich als Gegenmodell zu Erdogan. Er lächelt stets, verunglimpft seine politischen Gegner nicht als "Terroristen", vertraut auf die Kraft der Demokratie.

    Zwar gibt es kaum belastbare Umfragen, klar aber ist: Viele Istanbuler halten den Zug der AKP, die Wahlkommission zu Neuwahlen zu drängen, für schäbig. Kleinere Parteien wie die ultrareligiöse Saadet haben bekanntgegeben, auf eigene Kandidaten zu verzichten, und empfehlen ihren Wähler, für den Kandidaten der CHP zu stimmen. Das könnte 180.000 Stimmen bringen – genug: Beim ersten Wahlgang hatte Imamoglu 13.000 Stimmen Vorsprung.

    Mobilisierung auf allen Seiten

    Laut AKP gehe es aber um viel mehr Wähler. Im Lager von Spitzenkandidat Binali Yildirim geht man davon aus, dass am 31. März rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte nicht abgestimmt hätten. Von denen wiederum seien rund 70 Prozent dem eigenen Lager zuzurechnen. Die will man nun mobilisieren. Auch versucht man, Teile der kurdischen Wählerschaft von der HDP wegzulocken, die ein Wahlbündnis mit der CHP eingegangen war. Die Stimmen der kurdischen Wähler könnten entscheidend werden.

    Gleichzeitig treten nun immer öfter Risse innerhalb der AKP zutage. So gibt es Gerüchte, wonach die alten Granden Ali Babacan, Ahmet Davotoglu und Ahmet Gül aufbegehren (wobei sich ihre Ziele teils stark voneinander unterscheiden). Sorge bereitet der AKP zudem weiter die wirtschaftliche Situation: Die Lira verlor fast zehn Prozent ihres Wertes nach Bekanntgabe der Neuwahlen. Für einen Euro erhielt man am Donnerstag sieben türkische Lira.

    Natürlich hätte Erdogans AKP kaum auf Neuwahlen gedrängt, wenn sie nicht sicher wäre, zu gewinnen. Viele der CHP zugeneigte Istanbuler rechnen deswegen mit dem Schlimmsten: Fälschungen oder andere Tricks. Auf jeden Fall ist den meisten das Wochenende um den 23. Juni zu wichtig, um es am Strand zu verbringen. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 10.5.2019)

    • CHP-Spitzenkandidat Ekrem Imamoglu sorgt sich, ist aber dennoch siegessicher.
      foto: apa/afp/kilic

      CHP-Spitzenkandidat Ekrem Imamoglu sorgt sich, ist aber dennoch siegessicher.

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