Welche Verantwortung hat Kommunikationswissenschaft?

Blog13. Mai 2019, 07:00
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Die Kommunikationswissenschaft muss sich viel öfter in öffentliche Diskurse einmischen

Es war wie auf dem grünen Stadionrasen. Die Teilnehmenden der diesjährigen Kommunikationswissenschaftlichen Tage der Österreichischen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft (ÖGK) spielten sich den Ball zu. Leicht flog das Thema "Verantwortung" quasi als Kopfball zwischen den internationalen Gästen hin und her.

Über die 24 ausgewählten Vorträgen hinweg gab es aber auch einige kritische Querpässe: Gibt es eine Verantwortung bei der Suizidberichterstattung? Gibt es Themen, wo die Verantwortung gerade darin besteht, nicht zu berichten? Welche Verantwortung besteht in Bezug auf Medienbilder? Und wie ist das mit dieser Corporate Social Responsibility? Bei diesen Fragen kamen die Mitspielenden gemeinsam mit dem Publikum zu einer zentralen Erkenntnis: Die Kommunikationswissenschaft selbst trägt eine große Verantwortung.

Doch noch kurz zum Rahmen der denksportlichen Veranstaltung: Die Kommunikationswissenschaftlichen Tage, kurz KWT, fanden Ende April am Institut für Publizistik der Uni Wien statt. Insgesamt 70 Gäste aus Österreich, aber auch Deutschland, Belgien, Norwegen und der Schweiz diskutierten zwei Tage lang über Fragen, Theorieentwürfe und empirische Studien rund um die kommunikative Verantwortung in einer mediatisierten Welt. Die Vielfalt der Vorträge zeigte sowohl die Interdisziplinarität des Faches als auch die kritischen Dimensionen einer Auseinandersetzung mit Verantwortung, wenn es um die Herstellung und Nutzung sowie die normative Absicherung der Öffentlichkeit geht.

Digitalisierung und medienethische Fouls

Eine zunehmende Emotionalisierung und Polarisierung politischer Kommunikation fordert nicht nur die Medienpolitik immer wieder neu heraus. Auch Medienschaffende, Journalisten, aber auch PR-Profis, Blogger und andere "Producer" öffentlicher Kommunikation stehen vor einer veränderten Medien- und Kommunikationslogik.

Die Lügenpresse-Vorwürfe haben zudem eine Vertrauenskrise eingeläutet, die sich in den sozialen Medien vervielfältigt und vom Publikum Reflexionsfähigkeit und Medienkompetenz verlangt.

Was tun gegen Fake-News-Rufe und Emotionalisierung?

Aus der Perspektive der ÖGK wurde bei den Vorträgen, die sich mit diesen Spannungsfeldern auseinandersetzten, vor allem eines deutlich: Die Kommunikationswissenschaft ist eine öffentliche Wissenschaft, die Verantwortung dafür trägt, sich aktiver an öffentlichen Diskursen zu beteiligen, sich einzumischen. Und nicht nur in der Medienpolitik und bei medienökonomischen Fragen wie beispielsweise dabei, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk inzwischen auf einem Abstiegsplatz steht.

Auch bei Widersprüchen in der Unternehmenskommunikation und (medien-)ethischen Fouls wie dem "Glawischnig-Greenwashing" des Spielekonzerns Novomatic oder allgemeiner: unverantwortlicher Werbung. Und vor allem bei Fragen der Digitalisierung. Denn immer schnellere Veränderungen fordern die Gesellschaft und die bestehenden Kommunikationsprozesse und -strukturen heraus. Dazu zwei besondere Ausschnitte aus dem Tagungsprogramm:

Public Open Space

Vor dem Hintergrund der aktuellen Tendenzen im Internet stellt sich immer mehr die Frage, wie angesichts der Ökonomisierung, Entertainisierung und zunehmender Möglichkeiten der Manipulation, etwa durch Fake-News, verantwortungsbewusstes Medien-Handeln und aufgeklärte Kommunikation möglich sind. Das Internet verändert das Verständnis, wer Öffentlichkeit in welcher Form herstellt – wer das Recht, aber wer auch die Pflicht dazu hat. Im Rahmen der Konferenz wurde deshalb ein Konzeptionspapier zu einem "Open Public Space" – ausgehend von der Vertretung der Wissenschaft, nichtkommerziellen sowie öffentlich-rechtlichen Anbietern – vorgestellt und auch durchaus kontrovers diskutiert.

Ausgangspunkt war, dass der Raum für deliberative und qualitätsorientierte Debatten in der Öffentlichkeit zunehmend erodiert beziehungsweise infrage gestellt wird und demokratische Diskurskulturen bedroht sind. Die Grundidee der Etablierung eines Open Public Space besteht daher in der Entwicklung einer gemeinwohlorientierten digitalen Plattform, die einen qualitätsorientierten Diskursraum für Demokratie und Gesellschaft schafft und der Bevölkerung Zugang und Partizipation in umfangreichen Wissens- und Informationsressourcen ermöglicht. Das Konzept reicht perspektivisch von der Öffnung von digitalen Archiven, der Vernetzung von Plattformen mit einem gemeinwohlorientierten Mehrwert bis hin zur Idee der Entwicklung eines Public Open Space für Europa.

Öffentliche Kommunikationswissenschaft

Doch genauso wenig, wie es von heute auf morgen eine europäische öffentlich-rechtliche Medienplattform als Zwitter aus Youtube, ORF und einer Nachrichtenagentur geben wird, kann einzelnen Journalisten die Verantwortung für eine kritische Öffentlichkeit allein zugesprochen werden. Vielmehr geht es uns alle an, selbstbestimmt und kritisch mit Medienangeboten umzugehen, politisches Engagement und Zivilcourage zu zeigen und sich am demokratischen Prozess zu beteiligen.

Der Ruf nach zivilcouragiertem Verhalten richtet sich auch an die Wissenschaft beziehungsweise alle Wissenschafterinnen und Wissenschafter. Die Gestaltung der digitalen Mediengesellschaft ist ein wichtiges Anliegen für die Medien- und Kommunikationswissenschaft. Darum tauchte an unterschiedlichen Stellen der Tagung auch immer wieder die neue Charta für eine "Öffentliche-Medien-Wissenschaft und Kommunikationswissenschaft" auf.

Diese Charta umfasst 15 Grundsätze und wurde bereits von über 200 Forschenden unterzeichnet. Sie richtet sich an Sozialwissenschafterinnen und -wissenschafter, insbesondere aus dem Feld der Kommunikationswissenschaft, die bereit sind, sich als Expertinnen oder Experten für Medien beziehungsweise öffentliche Kommunikation in aktuellen öffentlichen Diskursen zu Wort zu melden, mit der Gesellschaft und der Öffentlichkeit in Dialog zu treten und auch Handlungsempfehlungen zu formulieren. Ein nächster Schritt wird sein, diese Idee der öffentlichen Wissenschaft auch – in unserem Falle in der österreichischen Fachgesellschaft (ÖGK) – zu institutionalisieren.

Die ÖGK in der Pflicht

Im Flutlicht blinzeln wir seitens der Fachgesellschaft mit den Augen und fragen uns: Was ist denn unsere Verantwortung, was ist unsere Pflicht angesichts dieser neuen Regeln, neuer Verantwortlichkeiten, der neuen Zusammensetzung der Teams und einer neuen Spielwiese? Für die generelle medien- und kommunikationswissenschaftliche Analyse und Reflexion ist die Betrachtung von Verantwortung für Kommunikation auf mehreren Ebenen hochrelevant.

Für eine Institution wie die Fachgesellschaft waren deshalb die diesjährigen KWT vor allem ein Anlass, um ihre Mitglieder zu Engagement, Positionbeziehen und Mitreden zu animieren. Und dafür tragen wir die Verantwortung! (Franzisca Weder, 13.5.2019)

foto: eigenes

Franzisca Weder lehrt und forscht am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Klagenfurt insbesondere im Bereich Organisations- und Nachhaltigkeitskommunikation, CSR, Gesundheits- und Umweltkommunikation.

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