Techno trifft Politik: Die Wiener Ausstellung "Dance of Urgency"

    10. Mai 2019, 07:00
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    Kurator Bogomir Doringer präsentiert im Museumsquartier verschiedene künstlerische Positionen zum Thema Politik und Tanzkultur

    Warum Techno ausgerechnet parallel zum Mauerfall vor 30 Jahren als emanzipatorische Bewegung im Zeichen von Hedonismus und Ekstase groß wurde, muss nicht groß erklärt werden. Die Politik der Nacht bringt manchmal nicht nur die bestehenden Verhältnisse zum Tanzen. Tanzen schafft mitunter auch neue Verhältnisse.

    Der serbisch/niederländische Künstler Bogomir Doringer geht als Kurator in der Multimedia-Ausstellung Dance of Urgency im Freiraum q21 im Wiener Museumsquartier vor allem von einer Grundthese aus: Speziell in Zeiten eines sozialen Zerfalls und politischen Niedergangs werden Clubs zu Orten, wo etwas Neues, noch nicht Ausdefiniertes versucht werden kann.

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    Natürlich wird gerade dieses noch nicht ausformulierte und deshalb schwer kontrollierbare Aufbegehren von autoritären Kräften als gefährlich empfunden. So verwundert es kaum, dass etwa der reaktionäre Tiroler Volksheld Andreas Hofer nach seinem siegreichen Einzug in Innsbruck gleich als erstes ein Tanzverbot erließ.

    Und es ist auch folgerichtig, dass der derzeitige rechte österreichische Innenminister Kickl eine erste große Polizeiübung mit mehreren hundert Einsatzkräften inklusive streichelresistenter Hundestaffel ausgerechnet so ansetzte, dass eine illegale Rave-Veranstaltung aufgelöst werden sollte: gewaltbereite militante Tänzer!!!

    Zuletzt löste eine Razzia in einem Technoclub im georgischen Tiflis tatsächlich einen politischen Massenprotest aus. In Berlin protestierten auf Initiative des Party-Netzwerks Reclaim Club Culture 70.000 Menschen gegen Faschismus. Von queerer Selbstermächtigung in heteronormativen Gesellschaften weltweit ganz zu schweigen.

    Neben seiner kürzlich beim Donaufestival gezeigten Installation I Dance Alone, die aus der Vogelperspektive Technopartys zwischen kollektiver Verzückung und individueller Ekstase festhält, werden bei Dance Of Urgency Arbeiten zwischen Video- und Computerkunst gezeigt, die die oben genannten Phänomene umkreisen und durchleuchten.

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    Wo etwa das legendäre, in der Ausstellung vertretene US-Technokollektiv Underground Resistance für afroamerikanischen Widerstand steht, untersucht Anne de Vries in Critical Mass heutige Kommerz-Raves aus dem Genre David Guetta als manipulative Werbeveranstaltungen der Unterhaltungsindustrie. (Christian Schachinger, 9.5. 2019)

    Dance of Urgency läuft im Freiraum Q21 im Wiener Museumsquartier bei freiem Eintritt noch bis 1. September

    danceofurgency.com

    • Ein Auschnitt aus Bogomir Doringers ohne Ton abgespielter Installation "I Dance Alone".
      foto: bogomir doringer

      Ein Auschnitt aus Bogomir Doringers ohne Ton abgespielter Installation "I Dance Alone".

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