Wenn Politik dem Kabarett folgt (2)

Kolumne8. Mai 2019, 17:45
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Wie Norbert Steger unbewusst die Agenda einer satirischen Intervention erfüllt

Gerechtigkeit für Harald Vilimsky! Sein von sturzbachartigem Oberlippenschweiß umflorter Contenance-Verlust im "ZiB 2"-Interview, begleitet von kognitiven Aussetzern zu der Einwohnerzahl Braunaus oder dem Kooperationsvertrag zwischen FPÖ und der Putin-Partei "Einiges Russland" – angesichts der üblichen Kommunikationspraxis Vilimskys wäre es ökonomischer, seine raren "kognitiven Einsetzer" zu würdigen -, war menschlich absolut verständlich. Denn Armin Wolf hat diesmal tatsächlich eine rote Linie überschritten, indem er seinem Gesprächspartner einen Spiegel vors Gesicht gehalten hat, was man angesichts des Gespiegelten als unverhältnismäßig grausam bezeichnen muß.

Vielleicht nicht gleich als "pervers", so wie es der ORF-Stiftungsratsvorsitzende Norbert Steger getan hat. Das hatte wiederum einen empörten STANDARD-Kommentar des Regisseurs und Autors David Schalko zur Folge, in dem er verlangte: "Steger muss weg!"

Eine fragwürdige Forderung, denn wohin soll jemand weg, der längst schon woanders, nämlich komplett hinüber ist? Früher hatten die bizarren Auftritte des blauen Quastenflossers noch einen imbezilen Graf-Bobby-Charme – wir erinnern uns an seinen Dank an die Waschmittelfirma Henkel ("Ich trinke die Produkte Ihres Hauses so gern"), seine Verwechslung von Junger ÖVP mit den Revolutionären Marxisten im Rahmen eines Armin-Wolf-Interviews oder seine vor Gericht geäußerte, angesichts eines vorliegenden Treuhandvertrags geradezu tollkühne Leugnung seiner Tätigkeit als Bawag-Treuhänder. Nun dürfte er mit seinen jüngsten öffentlichen Jenseitigkeitsmanifestationen unbewusst eine verdeckte Agenda seiner Partei erfüllen. Nämlich eine, die sie sich vom Kabarett abgeschaut hat.

Kabarettistische Intervention

Vor drei Jahren habe ich mit meinen "Wir Staatskünstler"-Kollegen Maurer und Palfrader für die ORF-Generaldirektion kandidiert. Mit dieser satirischen Aktion wollten wir unter anderem die Abschaffung des unserer Meinung nach nur den politischen Parteien dienenden ORF-Stiftungsrats erreichen. Die Berechtigung dieser Forderung wurde uns von zwei Stiftungsräten in Interviews sogar bestätigt.

Unsere Kandidatur wurde leider abgeschmettert, den Stiftungsrat gibt es nach wie vor, an seiner Nutzlosigkeit für den ORF hat sich nichts geändert. Doch jetzt scheint es, als hätte ausgerechnet die FPÖ unser Ziel übernommen. Mit Norbert Steger als gegen das eigene Unternehmen und seine Mitarbeiter agitierenden Vorsitzenden wird die Fragwürdigkeit dieses Gremiums brutaler entlarvt, als uns das je gelungen ist.

Vor acht Wochen schrieb ich an dieser Stelle, das Kabarett soll der Politik folgen und nicht die Politik dem Kabarett. Nun muss ich den Freiheitlichen neidlos zu ihrer kabarettistischen Intervention gratulieren. Wenngleich nicht ganz ohne Sorge darüber, dass diese Strategie auch bei anderen, der FPÖ unnötig erscheinenden Institutionen angewendet werden könnte. Sollte dem so sein, dürfen wir wohl bald mit Wolfgang Fellner als Vorsitzenden des Presserats, Martin Sellner als Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands oder Felix Baumgartner als Bildungsminister rechnen. (Florian Scheuba, 8.5.2019)

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