Was Designer von der Möbelmesse mitnehmen würden

    20. Mai 2019, 06:00
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    Vor kurzem ging in Mailand die weltweit größte Möbelmesse zu Ende. Acht heimische Designstudios erklären Möbel, die sie gerne mitgenommen hätten, und wie man es schafft, wirklich "Neues" zu entwerfen

    Für das Duo Polka Design stellt das Sofa Vuelta Island von Jaime Hayon eine willkommene Absage an das klassische Ecksofa dar.

    "Die Kategorie 'neu' ist nicht die vorrangigste"

    Marie Rahm und Monica Singer – Polka Design

    "Wenn wir uns von der Mailänder Möbelmesse etwas hätten mitnehmen dürfen, dann wäre die Wahl auf das Sofa Vuelta Island gefallen, das der Spanier Jaime Hayon für Wittmann entworfen hat. Bei diesem Möbel stimmt einfach die Aussage. Es ist eine Rieseninsel, die einen umarmt und auch als einzelnes Objekt in einem Raum richtig gut funktioniert. Eine langweilige Sitzlandschaft, die um die Ecke geht, erfüllt zwar denselben Zweck, aber Vuelta macht das viel sinnlicher und skulpturaler. Das Ding ist eine rundliche Absage an das Ecksofa.

    Stilistisch handelt es sich um eine Mischung aus klassischen Zitaten mit einer zeitgemäßen, wohligen Form, was auch durch das Material Samt unterstrichen wird. Anders gesagt: Das riesige Möbel ist ein echtes Center-Piece, es ist elegant und witzig zugleich, ein echtes Lebemöbel.

    Wir finden es spannend, wenn neue Möbeltypologien auftauchen, wenn sich Designer überlegen, wie man heute lebt, und das dann in eine neue Typologie übersetzen. Aktuell sieht man immer öfter Entwürfe für Innenräume, die sich formal an Outdoormöbeln anlehnen, das heißt, kleinere, rundliche Möbelinseln, die gut in kleineren Wohnformaten funktionieren. Wir sprechen von Stücken, die eine Alternative zum aufrechten Sitzen auf dem klassischen Sofa bilden.

    Wir betrachten in unserem Studio die Kategorie 'neu' nicht als die vorrangigste. Uns geht es darum, die richtigen Antworten auf Anforderungen und Konstellationen zu finden. Man könnte sagen, es handelt sich um einen Kristallisationsprozess, der im Vordergrund steht, ein Schaffen, bei dem man etwas neu denkt, aber vielleicht eine alte Idee in einen neuen Kontext bringt."

    Marie Rahm und Monica Singer gründeten 2004 ihr Designstudio Polka in Wien. Auf ihrer Kundenliste finden sich Namen wie Lobmeyr, Riess Kelomat, Backhausen, Laufen und Authentics.

    www.polkaproducts.com

    Marco Dessi sieht im Stuhl Quadra seines Kollegen Mario Ferrarini eine sehr gute, essenzielle neue Designlösung.

    "Bestehendes überdenken"

    Marco Dessi

    "Wenn ich derzeit auf den Messen nach Neuheiten Ausschau halte, sprich nach Produkten, die mich inspirieren, gehe ich weitgehend leer aus. Im Moment sehe ich viele Unternehmen, die auf Neo-Vintage und Blendeffekte wie Samt und Messing setzen. Man könnte von einer Art neuer Opulenz sprechen, die mich in meiner Designphilosophie eher irritiert. Mir kommt vor, zurzeit sind mehr Dekorateure als Designer am Start.

    Mir geht es viel mehr um die Qualität eines Produkts, so wie ich sie im Sessel Quadra von Mario Ferrarini erkennen kann, den ich in Mailand gesehen habe. Das von Viccarbe erzeugte Möbel ist essenziell, auf das Wesentliche reduziert und in seiner Stapelbarkeit eine äußerst heikel zu gestaltende Typologie. Es ist so, dass man einem stapelbaren Sessel diese Eigenschaft, die meistens auch ein formaler Kompromiss ist, im besten Fall nicht ansehen soll. Quadra ist vielleicht nicht das innovativste Möbel 2019, aber es löst einige Designaufgaben sehr gut und unbemüht!

    Das 'Neue' im Design ist so ein Thema. Wir entwickeln uns weiter, das gilt für Typologien, für Geschmäcker, für Technologien. Innovation entsteht dort, wo Bestehendes überdacht wird. Schlussendlich geht es genau darum im Design."

    Marco Dessi gründete 2009 sein eigenes Studio in Wien. Zu seinen Auftraggebern zählen unter anderen Wittmann, Lobmeyr, Richard Lampert und das Museum für angewandte Kunst in Wien.

    www.marcodessi.com

    Eine Neuinterpretation des guten alten Lusters ist Wire Line von Formafantasma für die Designerin Nina Mair.

    "Die Innovation liegt oft nur in einem Detail"

    Nina Mair

    "Die Leuchte Wire Line von Flos stellt für mich eine unglaublich spannende Neuinterpretation des guten alten Lusters dar. Das italienische Duo Formafantasma hat es mit seinem Studio in Amsterdam geschafft, mit einem sehr spielerischen Ansatz etwas komplett Neues zu schaffen.

    Das Bemerkenswerte ist, dass die Kabel bzw. die roten Bänder, durch die der Strom fließt, zu einem vordergründigen gestalterischen Element werden, indem sie es zu Schlingen legen, zwischen die LED-Röhren gespannt werden. Ich finde das genial. Bisher war es oft so, dass Kabel auf Reklamefotos von Leuchten sogar wegretuschiert wurden, weil man sie als ein lästiges Muss empfand. Wire Line stellt eine Idee dar, die bisher noch nicht da war. Natürlich kann das auch bei einem Stuhl vorkommen, vor allem was Materialverarbeitungen betrifft. Neu erfinden kann man den Stuhl natürlich nicht, aber es gibt immer wieder Elemente, die Neues in ein Objekt bringen. Das Kabel der erwähnten Leuchte ist ein gutes Beispiel dafür. Ich denke, der Anspruch an jeden Gestalter muss sein, dass er keine Kopie von etwas herausbringt, darum ist auch die Recherche ein großer Teil unserer Arbeit. Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen eine Produktneuheit zu schaffen. Oftmals liegt die Innovation auch nur in einem Detail, in der Lösung, nicht im Objekt an sich."

    Nina Mair lebt und arbeitet in Innsbruck. Sie entwickelt in ihrem Studio Einrichtungen und Produkte für ihr eigenes Label sowie für Kunden wie Stepevi, Casamania, Ydol und Classicon.

    www.ninamair.at

    Ein Objekt, das mit Tabus bricht: So sehen Mia Kim und Nikolas Heep den neuen Tisch von Federica Elmo für Bloc Studios.

    "Man muss sich schon fragen, ob es etwas Neues braucht"

    Mia Kim und Nikolas Heep – Kim + Heep

    "Ein Entwurf sticht als etwas Neues aus der Masse heraus, wenn er etwas in uns auslöst, das wir davor nicht kannten. Als wir den Tisch, einen Entwurf der Designerin Federica Elmo für Bloc Studios, in Mailand gesehen haben, kam uns sofort der Begriff 'surreal' in den Sinn. Wir sehen in diesem Objekt eine irreale, flüchtige Qualität, die Tabus bricht. Das gilt für die wellenartige Form der Tischplatte ebenso wie für die Oberflächengestaltung. Man malt doch keinen Marmortisch an. Doch Federica Elmo hat's gemacht, sie legt einfach diesen Farbfilter, eine Art Lichtreflexion, auf den Tisch, der Bewegung ins Objekt bringt wie ein Windhauch.

    Einem neuen Entwurf sollte immer die Frage zugrunde liegen: Wofür mache ich das Objekt? Ist es ein völlig freier Entwurf, der einem im Traum einfällt, oder handelt es sich zum Beispiel um einen Tisch, der in ein Restaurant, also einen Kontext passen muss? Beide Arten zu arbeiten bereiten uns gleichermaßen Spaß, wir finden diese Abwechslung richtig gut. Externe Einschränkungen sind im Gegensatz zum luftleeren Raum auch eine Form von Input.

    Wir finden es übrigens auch cool, wenn Labels nicht ständig etwas Neues machen. Man muss sich schon fragen, ob es etwas Neues braucht oder ob nur der Vertrieb etwas will, das man 'neu' nennen kann."

    Mia Kim und Nikolas Heep entwickeln seit 2005 gemeinsam Projekte in den Bereichen Design und Architektur. Zu ihren Kunden zählen unter anderen Lobmeyr, Neudoerfler, Palmers und die Telekom Austria.

    www.kimheep.com

    Potenzial für Innovation erkennt Martin Mostböck vor allem im Lichtbereich. Sein Beispiel: die Leuchte n55 von Mario Nanni.

    "Viel von diesem Hype ums Neue schwappt von der Mode herüber"

    Martin Mostböck

    "Wirklich gutes neues Design stellt für mich die Lichtquelle n55 dar. Mario Nanni hat sie schon vor längerem für Viabizzuno gestaltet, entwickelt sie allerdings immer weiter. Nanni arbeitete, solange es ging, mit der Glühbirne und schuf dann mit der n55 diese zeitgenössische Version der Glühbirne, die Nanni den 'Motor' nennt. Ihre Lichtfarbe und ihre Lichtqualität sind einzigartig.

    Die Frage nach dem Neuen im Design ist eine heikle. Klar braucht die Menschheit nicht wirklich noch einen neuen Sessel, deshalb habe ich mir auch eine Leuchte ausgesucht, denn dieser Bereich ist im Umbruch. Auf den Messen sind oft Sessel zu sehen, von denen man auf den ersten Blick weiß, dass sie nie in Serie gehen werden. Wozu sie gezeigt werden? Dabei geht es um Show und um ein Abklopfen des Marktes. Viel von diesem Hype ums Neue im Design, um die Frage nach den neuesten Trends schwappt leider von der Mode in die Produktgestaltung. Das ist mittlerweile eine richtige Geilheit. Nur ist es halt so, dass ein Tisch nun mal kein T-Shirt ist. Klar mache ich auch neue Sessel, aber nicht für die nächste Möbelmesse, sondern derzeit im konkreten Fall für einen Gastronomen. Seinen Namen darf ich aber noch nicht verraten. Der Sessel soll ein 'Maßanzug' für weibliche und männliche Gäste sein. Ich bin nur der Schneider."

    Martin Mostböck ist Designer und Architekt. Er hat preisgekrönte Projekte aus den Bereichen Produktgestaltung, Architektur und Interieurdesign für Kunden wie Eternit, Braun Lockenhaus und Moroso realisiert.

    www.martin-mostboeck.com

    Gestickt und gewebt: Katharina Mischer und Thomas Traxler gefällt die Verbindung zweier Kunsthandwerke. Hier im Fall des Kelims Backstitch von Gan.

    "Klar verspürt man Druck, etwas Neues machen zu müssen"

    Thomas Traxler und Katharina Mischer – mischer'traxler

    "Wir finden es spannend, dass im Fall des Kelims Backstitch von Gan zwei Arten von Kunsthandwerk miteinander verbunden werden, nämlich das Weben und das Sticken. Es wird sozusagen eine zusätzliche dekorative Schicht auf den Teppich appliziert. Das ergibt für uns etwas definitiv Neues.

    Wir sind keine Teppichhistoriker, wahrscheinlich hat es das in der jahrtausendealten Geschichte dieser Objekte schon einmal gegeben. Im zeitgenössischen Textildesign ist es in jedem Fall etwas Seltenes.

    Wir glauben, Neues im Design muss schon ein gewisses Überraschungsmoment in sich tragen. Oft liegt das in einer neuen Kombination mit Altbewährtem. Die Frage lautet: Wie werden zwei Technologien, zwei Materialien, zwei Formen miteinander verbunden? Klar verspürt man den Druck, etwas Neues machen zu müssen, wenn man sich einem Projekt annähert. Wir haben allerdings das Glück, dass wir meistens experimentell und frei arbeiten können. In unserem Fall dreht sich sehr viel um Kommunikation, um Geschichten, die wir mit unseren Objekten erzählen wollen. Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit Fragestellungen rund ums Licht an sich. Handelt es sich um eine konkrete Auftragsarbeit eines Unternehmens, ist dieser Prozess wahrscheinlich öfters der umgekehrte."

    Katharina Mischer und Thomas Traxler gründeten 2009 ihr Designstudio mischer'traxler. Ihre Projekte waren bereits in renommierten Galerien und auch im Victor & Albert Museum zu sehen. Ihre Auftraggeber sind etwa Perrier-Jouët, Hermès oder das Wiener Mak.

    www.mischertraxler.com

    Ein Mittelding aus Oled-Bildschirm, Vitrine und Rahmen ist diese Kooperation von Vitra mit Panasonic.

    "Lust an Form, Farbe und Material ist zu wenig"

    Sofia Podreka und Katrin Radanitsch – Dottings

    "Uns hat ein Objekt beeindruckt, das halb Oled-TV, halb Vitrine ist. Schaltet man den Screen aus, auf dem man gerade noch bewegte Bilder gesehen hat, wird die Oberfläche transparent, und das Stück wird zum Aufbewahrungsort, zu einem Rahmen. Es handelt sich dabei um eine Konzeptstudie von Vitra, Panasonic und dem Designer Daniel Rybakken. Bei der Geschichte geht es nicht um den x-ten Trend, den man in Mailand präsentiert, sondern um eine Richtung, die zeigt, was Innovationen durch Technologien bringen können. Noch ist das Ding etwas sehr Exklusives, aber wir könnten uns vorstellen, dass diese Technik die großen schwarzen Ungetüme in den Wohnzimmern ersetzen wird.

    Es geht beim Design nicht nur um Form und Farbe, wirklich interessant und neu wird etwas, wenn es eine neue Technologie bringt oder einen sozialen Aspekt in sich birgt.

    Klar spürt man bei jedem Projekt den Druck, innovativ sein zu müssen, aber das macht auch Sinn. Alles steht und fällt mit der Art, wie man sich einem Problem, das es zu lösen gilt, stellt. Es muss heute so viel mitgedacht werden, das Soziale, die Umwelt, das Technologische etc. Klar kann Design auch einfach aus einer Lust heraus entstehen und trotzdem etwas bewirken, aber die Lust allein ist zu wenig."

    Sofia Podreka und Katrin Radanitsch gründeten 2006 ihr Studio Dottings in Wien. Zu ihren Auftraggebern zählen u. a. Interio, Ligne Roset, Riess und Wien-Tourismus.

    www.dottings.com

    Der Sessel On & On von Barber & Osgerby besteht aus PET-Flaschen mit Glasfaserverstärkung: In solchen Kombinationen erkennt Designer Rainer Mutsch eine neue Strömung im Design.

    "Wir müssen die Bedürfnisse unseres Zeitfensters erkennen"

    Rainer Mutsch

    "Was bei mir von der Mailänder Möbelmesse in diesem Jahr hängen blieb, ist ein Produkt, das für eine neue Strömung steht. Es handelt sich um den Sessel On & On, den Barber & Osgerby für Emeco entworfen haben. Das Stück besteht aus PET-Flaschen mit Glasfaserverstärkung. Es widmet sich also dem Problemfall Plastik, der vor allem für uns Designer ein sehr ernstzunehmender ist. Nicht nur auf der Messe wird deutlich, dass der mittlerweile schwammige Begriff Sustainability immer mehr von Circular Design abgelöst wird. Das heißt, aus Plastikflaschen wird ein Möbel, und aus dem Möbel wird irgendwann etwas ganz anderes. Man könnte auch von Sustainability 2.0 sprechen. Alles wird in diesem Bereich Gott sei Dank konkreter.

    Ich glaube, der Druck, in immer kürzeren Zyklen etwas Neues schaffen zu müssen, liegt an dem Zeitfenster, in dem wir leben, beziehungsweise daran, wie wir diese schnelllebige Zeit wahrnehmen. Deshalb geht es viel mehr darum, nicht die modischen, sondern die wirklichen Bedürfnisse zu erkennen, ob in technologischer, materieller oder formaler Hinsicht. Aber das Attribut 'neu' darf nicht an oberster Stelle stehen. Das halte ich im Design für verantwortungslos. Wir haben zum Beispiel eine Leuchte im Studio entworfen, deren Schirm eine ideale Kühlung und längere Lebenszeit für LEDs gewährleistet. Die Form ergab sich erst durch dieses Kühlungsmodell. Poesie, Emotion und Ästhetik im Produktionsprozess aufzugreifen und in das finale Produkt einfließen zu lassen macht ein Produkt zusätzlich 'neu'."

    Rainer Mutsch arbeitet u. a. für Kunden wie Rado, Swarovski, BMW/Mini, Coca-Cola und Axolight.

    www.rainermutsch.com

    (Michael Hausenblas, RONDO, 20.5.2019)

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