Festwochen-Eröffnung in Donaustadt: Voyeur und Lauscher sein

    9. Mai 2019, 14:00
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    Mariano Pensotti eröffnet mit "Diamante" die Wiener Festwochen. Dort ebenso zu sehen sind Projekte von Bouchra Ouizguen, Sarah Vanhee, Anna Witt, Ula Sickle und Alice Ripoll

    Mit dem Theaterticket für Diamante löst man gleich den Eintritt in eine ganze (Klein-)Stadt. Regisseur Mariano Pensotti hat den gleichnamigen fiktiven Ort (der eine Namenscousine im Nordosten Argentiniens hat: eine Softwarehochburg im Dschungel) in Form von einem Dutzend Häusern in der Erste-Bank-Arena errichtet.

    Pensottis Diamante ist eine Werkssiedlung, ein Areal im Privatbesitz eines Kohle- und Stahlunternehmens, das seinen Mitarbeitern soziale Privilegien gewährt. Es trägt den leicht sektiererischen Namen Goodwind. Von dieser sozialkapitalistischen Utopie führt die in fünfeinhalb Stunden inklusive zwei Pausen ablaufende Handlung bis zum Niedergang der Stadt.

    Konflikte veranschaulichen

    Der Besuch einer Stadt – das ist die ideale Auftaktsproduktion für die diesjährigen Wiener Festwochen. Hat man sich doch heuer die Eroberung der Peripherie zur Aufgabe gemacht. Mit dem zweiten, außerhalb des Zentrums gelegenen Festivalstandort in der Erste-Bank-Arena im Bezirk Donaustadt wird ja gewissermaßen ein ganzer Wiener Stadtteil neu entdeckt. Viele Projekte nehmen hier ihren Ausgangspunkt.

    Pensottis Installation Diamante gleicht einem überschaubaren Dorf. Es hat alles, was es für die Veranschaulichung der dort ausgetragenen Konflikte braucht: Wohnhäuser, eine Bar, eine Polizeistation, ein Gemeindezentrum, den Hauptplatz, Straßen und einen abgelegenen Parkplatz mit Auto. Durch dieses Gelände hindurch bewegt sich das Publikum von Szene zu Szene. Das Innere der Häuser ist über groß flächige Plexiglasfenster einsehbar. Das darin von deutschen und argentinischen Schauspielern Gesprochene wird über Mikroports nach außen zu den stehenden oder knotzenden Zuschauern übertragen – es gibt auch Sitzgelegenheiten. Auf Übertitelungsstreifen laufen zusätzliche Kommentare eines Erzählers.

    Festivalregisseur

    Es sind jeweils achtminütige Szenen, die man als Besucher in selbstgewählter Reihenfolge nacheinander verfolgt. Damit diese Szenen in der ganzen "Stadt" akkurat ineinandergreifen können, müssen sie exakt simultan ablaufen. Das ist eine logistische Backstage-Hochleistung, die durchaus fasziniert. Man beobachtet die Stadtbewohner und ihr Leben: eine ins Haus stehende Gouverneurswahl, die Arbeit des Betriebsrats, den Einbruch bei der Rechtsanwaltsfamilie, die wachsende Unsicherheit, Missgunst, Ehebrüche und so weiter. Am Ende steht der Knackpunkt: Der Konzern geht bankrott. Was löst das bei den Menschen aus? Nichts Gutes!

    Mariano Pensotti, 1973 in Buenos Aires geboren, ist ein Proponent des lateinamerikanischen Theaters und ein klassischer Festivalregisseur. Seine Arbeiten mit der von ihm gegründeten Grupo Marea – allen voran Bühnenbildnerin Mariana Tirantte und Musiker Diego Vainer – sind selbstgeschriebene, außerformatig inszenierte Werke, die weltweit touren. In den letzten zehn Jahren entstanden so fünfzehn Bühnenwerke, die im deutschen Sprachraum allerdings noch wenig bekannt sind. Diamante nun feierte seine Uraufführung im letzten Sommer bei der Ruhrtriennale in Duisburg. (Margarete Affenzeller, 9.5.2019)

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    Es ist so selbstverständlich wie schwer umzusetzen – wer eine Stimme hat, hat sie auch, um sie zu erheben. Die marokkanische Choreografin Bouchra Ouizguen versammelt eine Gruppe schwarzgekleideter Frauen mit weißen Tüchern auf den Köpfen unter freiem Himmel und lässt ihre Stimmen tanzen. Corbeaux ("Raben") nennt sie diesen wogenden, modulierenden und ekstatischen Chor weiblicher Rufe, wie sie sagt, "als lebensnotwendigen Akt und Klangskulptur, roh und dringlich bis ins Unendliche".

    Um die Dringlichkeit und – noch gesteigert – das Durchdringende der Stimme geht es der Belgierin Sarah Vanhee, wenn sie zusammen mit etlichen Donaustädtern laut wird. Diese neue Performance, undercurrents ("Unterströmungen"), ist das jüngste Ergebnis einer Reihe von Experimenten zum Ausdrucksmittel des Schreiens, die Vanhee vor sechs Jahren als Projekt mit Häftlingen begonnen hat. Als Bonus gibt die Künstlerin auch eine Lecture über ihre "collected screams".

    Soundarbeiten

    Eine Künstlerin mit Faible für performative Arbeiten macht den Puls der Donaustadt hörbar: Anna Witt hat die Herzschläge der Bewohner des Wiener Alfred-Klinkan-Hofs aufgenommen. Für die "Aufführung" werden dort die Fenster geöffnet und die "stethoskopischen" Aufzeichnungen ins Freie geleitet. Witt hat bereits mehrfach mit dem Sound von Herzen gearbeitet und so – etwa in Beat Body oder Chorweiler Beat – Verbindungen zwischen Individuen und Realitäten des sozialen Lebens hergestellt. Im Vorjahr widmete ihr das Belvedere 21 eine Einzelausstellung unter dem Titel Human Flag.

    Der Rhythmus und der Sound beim Schwenken einer schwarzen Flagge ist der Herzschlag der Performance Relay ("Verstärker", "Übertragung") von Ula Sickle. Die in Belgien lebende polnisch-kanadische Künstlerin und Choreografin war bereits mehrfach in Wien zu Gast. In Relay spielt sie auf Widerstandsbewegungen an. Dabei fragt sie, wie Protest in einer Diktatur der Angst möglich ist, die alle Formen der Opposition zu absorbieren scheint.

    Polizeigewalt

    Hände an die Wand, Füße auseinander. Keine angenehme Erfahrung, "gefilzt" zu werden. Es ist die Zurschaustellung des Verdachts, bei den Durchsuchten könnte etwas Illegales oder ein Hinweis auf gesetzwidrige Handlungen gefunden werden. Beim "Filzen" kann eine Exekutive ihre ganze Macht demonstrieren. Diese in den Favelas ihrer Geburtsstadt Rio de Janeiro alltägliche Polizeiaktion macht die brasilianische Choreografin Alice Ripoll zum Hauptmotiv ihrer Performance aCORdo. Filzen "ist eine Art Ritual", sagt sie. "Sehr theatral. Es dient zur Erniedrigung und Einschüchterung der Ärmsten." Die Härte der Polizei in Rio ist so bekannt wie die Tatsache, dass vielerorts billige Abschreckungsmethoden einer nachhaltigen Sozialpolitik vorgezogen werden. Alice Ripoll wollte erst Psychoanalyse studieren, wandte sich aber dem Tanz zu und entwickelte mit einer Gruppe von, wie sie sagt, "Interpreten" eigene Stücke. Heute leitet sie zwei Companies, die an den wichtigsten Festivals in Brasilien und Europa auftreten. (Helmut Ploebst, 9.5.2019)

    • Die Gesetze einer Siedlung greifen nicht mehr: Nach dem ökonomischen und sozialen Zusammenbruch in "Diamante" formieren sich Gangs und Milizen.
      foto: annette hauschild

      Die Gesetze einer Siedlung greifen nicht mehr: Nach dem ökonomischen und sozialen Zusammenbruch in "Diamante" formieren sich Gangs und Milizen.

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