Gedenkkultur auf Instagram: Selfies aus dem Holocaust

    8. Mai 2019, 13:00
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    Die Kultur der Erinnerung an die NS-Verbrechen hat die Sozialen Medien erreicht. Aktuell mit dem Projekt "eva.stories"

    Es gibt Ereignisse, die die Mehrzahl der Menschen am liebsten unter dem Mantel der Verschwiegenheit aufgehoben wüsste. Um ihre Wiedergewinnung ist es nicht einfach bestellt.

    Das gilt für den Holocaust-Gedenktag in Israel am 2. Mai, als Richard Lutz, Vorstandvorsitzender der Deutschen Bahn, gastweise bekannte: Ihm sei erst jetzt, 2019, klar geworden, was die Zahl von sechs Millionen von der NS-Vernichtungsmaschinerie Ermordeten in Wahrheit bedeute. Das gilt ebenso für das Mauthausen-Gedenken am 8. Mai und für alle Termine einer staatlich wie zivilgesellschaftlich gebotenen Verpflichtung zur Erinnerung.

    Erinnerung ist unweigerlich mit Schmerz verbunden. Die einen fühlen sich dazu verurteilt, das Unrecht, das ihnen in der Vergangenheit zuteil geworden ist, mit unverminderter Wucht weiterhin zu verspüren. Die anderen entsetzt die Aussicht, für Vergehen ihrer Altvorderen in der Verantwortung zu stehen, ohne sich selbst "schuldig" gemacht zu haben.

    Mit Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen muss die Gedenkkultur daher in beide, entgegengesetzte Richtungen wirksam bleiben. Opfer halten das Gedächtnis des erlittenen Unrechts wach, um an eine angstfreie Zukunft glauben zu können. Den Tätern aber und deren Nachfahren soll eine Entlastung durch die Verdrängung der begangenen Schandtaten unter allen Umständen verwehrt bleiben.

    Die Unverfügbarkeit

    Beide, die Angehörigen von Opfern und Tätern, verbindet miteinander, dass über Inhalte von Erinnerung nicht frei verfügt werden kann. Eine Gedenkkultur, die den Terror der NS-Diktatur nicht in Vergessenheit geraten lässt, ist unweigerlich mit der Frage befasst, wie eine Aktualisierung des Geschehens am besten zu bewerkstelligen sei. Lauter soll die Erinnerung sein; verbindlich, von der Absicht getragen, den Schrecken wachzurufen. Damit soll das Gespenst der Wiederkehr ein für alle Mal gebannt werden.

    Als Autor Michael Köhlmeier im Mai 2018 seine Gedenkrede in der Wiener Hofburg mit dem Satz einleitete: "Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle!", zog er die Redlichkeit so mancher Dampfplauderer in Zweifel. Diese schwören der NS-Barbarei gewohnheitsmäßig ab. Doch sind sie nicht bei der Sache, weil sie das begangene Unrecht bei erstschlechtester Gelegenheit nur wieder verharmlosen.

    Köhlmeiers Entsetzen nahm daher Anstoß an der Rhetorik vieler neuer Rechter. Für den alten Rassismus erklären sich solche neuen Rabauken für unzuständig. Allfällige Entgleisungen gehören nach ihrer Meinung in ein frisches Kerbholz geschnitten. Die Kultur des Gedenkens aber erstarrt unter solchen Bedingungen zur Routine. Formeln, die allein pflichtschuldig klingen, werden nur noch von Lippen einbekannt.

    Fiktives Schicksal

    Einen neuen Versuch, an die Schrecken der Shoa zu erinnern, stellt das Multimediaprojekt eva.stories dar. Erzählt wird in bis zu 70 kurzen, auf Instagram veröffentlichten Filmen vom fiktiven Leben eines jüdischen Mädchens, das den Einmarsch der Wehrmacht in Budapest erlebt und 1944 in Auschwitz ermordet wird. Die Szenen sind so gedreht, als wäre Eva ein Kind der Generation Selfie: als würde sie ein Handy besitzen und mit dessen Hilfe den Holocaust hautnah dokumentieren. Die Tagebücher der realen Eva Heyman dienen als Grundlage für den Ínstagram-Auftritt. Der israelische Hightech-Miliardär Mati Kochavi hat die Spielszenen in der Ukraine drehen lassen. Sein Anliegen: die Geschichte des Holocaust den Angehörigen der Generation Smartphone "zu vermitteln".

    Die Frage lautet: Wie erreiche ich eine geschichtlich womöglich nur unzureichend beleckte Masse von Usern? Kochavi betont, dass seine Filme keinerlei Vorwissen voraussetzen. Den Schlüssel zur Erinnerung bildet einzig und allein die Empathie. Die Einbindung der sozialen Medien ins Gedenken stellt eine neue Stufe dar. Vielleicht wird aus einer zweifelhaften Segnung der Kulturindustrie doch noch ein Aufklärungs-"Tool". (Ronald Pohl, 8.5.2019)

    • Die "eva.stories" (nach Eva Heyman) verdichten auf Instagram das Schicksal der Budapester Juden auf eine Abfolge von Kurzfilmen im Selfie-Stil – gedreht wurde vielfach in der Ukraine.
      foto: screenshot / instagram eva.stories

      Die "eva.stories" (nach Eva Heyman) verdichten auf Instagram das Schicksal der Budapester Juden auf eine Abfolge von Kurzfilmen im Selfie-Stil – gedreht wurde vielfach in der Ukraine.

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