Die Mush-Room-Architektin

    12. Mai 2019, 12:00
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    Henriette Fischer hat aus einem Baustoff aus Pilzen einen temporären Pavillon gebaut

    Die Schlümpfe wohnen im "Verwunschenen Land" in bunten Pilzen. Dass es sich dabei um ausgesprochen ressourcenschonende Wohnungen handelt, war für die kleinen Wichte eigentlich nie ein Thema. Aber die Zeiten haben sich geändert, und so ist die Idee vom nachhaltigen Pilzbau inzwischen sogar in die reale Welt eingedrungen.

    Unter anderem in die Diplomarbeit von Henriette Fischer, die einen vollständig abbaubaren Baustoff aus Pilzen weiterentwickelt und daraus einen temporären Pavillon gebaut hat. Für ihr Projekt mit dem sprechenden Namen "Mush Room" wurde sie vom Onlinemagazin BauNetz mit dem Architekturpreis ausgezeichnet.

    "Kein Industriezweig stößt mehr CO2 aus und produziert mehr Abfall als das Bauwesen", so die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Architektur – Green Building an der Fachhochschule Campus Wien. "Es besteht also dringender Handlungsbedarf, und gerade im Materialsektor gibt es noch beträchtlichen Spielraum in Hinblick auf Umweltverträglichkeit."

    Auf der Suche nach einem abfallfreien Werkstoff, der sich in einen geschlossenen Wertschöpfungskreislauf eingliedern lässt, ist sie auf die Pilze gestoßen. Von diesen hat sie das Myzel, also das unterirdische Fadengeflecht, genommen und mit Wasser, Sägespänen und Baumwolle vermischt. "Das Myzel bindet wie ein natürlicher Leim das Substrat, und es entsteht ein Material, das in seiner Konsistenz Kunststoffen wie Polystyrol vergleichbar ist."

    Biologisch abbaubar

    Mit dem Unterschied, dass der Pilzbaustoff kaum Energie zur Herstellung braucht und zu 100 Prozent biologisch abgebaut wird. Und als kleine Draufgabe sorgen seine Reste auf dem Komposthaufen auch noch für eine üppige Pilzernte. "Von der Schwammerlsauce, die meine Oma daraus gemacht hat, haben wir sehr lange gegessen", lacht Fischer.

    Als konstruktives Baumaterial für Außenwände sei der Baustoff aus Pilzen allerdings nicht ganz so ideal, da sich durch längere Feuchtigkeitsperioden Schimmelsporen bilden können. "Für seine Nutzung in Innenräumen oder als Verpackungsmaterial spricht dagegen viel", ist die 27-jährige Wienerin nach gründlichen Charakterstudien am neuen Biowerkstoff überzeugt. Das wissen mittlerweile auch schon etliche Unternehmen. So will etwa Ikea bestimmte Waren bald in Myzel-Material statt in Styropor verpacken.

    In Fischers neuem Projekt spielen Pilze nicht mehr die Hauptrolle. Denn in ihrer Dissertation an der TU Wien will die Naturliebhaberin herausfinden, welcher Baustoffmix für Gebäude hinsichtlich Nachhaltigkeit am sinnvollsten ist. Dazu müsse man sich die Einsatzbereiche sowie die Lebenszyklen unterschiedlichster Materialien ansehen und ermitteln, wie viel Energie für deren Herstellung gebraucht wird, wie lange sie halten und ob sie nach Gebrauch wiederverwertet oder abgebaut werden können.

    "Mitunter wiegt die lange Haltbarkeit eines Materials seinen Mangel an Abbaufähigkeit sogar auf", so Fischer. Dazu braucht sie zuverlässige Daten.

    Bleibt zu hoffen, dass sich Politik und Bauwirtschaft auch an solchen Erkenntnissen orientieren. Denn "ohne Nachhaltigkeitsstrategien im Architekturbereich wird man mit dem Klimaschutz nicht weit kommen". (Doris Griesser, 12.5.2019)

    • Henriette Fischer hat einen Pavillon aus Pilzwerkstoff gebaut.
      foto: fh campus wien / ludwig schedl

      Henriette Fischer hat einen Pavillon aus Pilzwerkstoff gebaut.

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