Kurzfilmtage Oberhausen: Labor mit Innovationsgarantie

    6. Mai 2019, 17:18
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    Spielräume für Erneuerungen: Bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen zeigt sich die Nähe von Festival und Kunstausstellung

    Bei einer Totenwache in Kigali "summt die Wahrheit im Raum". So hat es Eric einmal in einem Gedicht geschrieben, und so fühlt es sich nun an. Eric ist jung gestorben, er wurde nur 27 Jahre alt. Seine Freunde tun nun das, was Hinterbliebene tun, solange der Tote nicht unter der Erde ist. Sie reden über ihn, sie sorgen für eine Stimmung des Eingedenkens, sie halten Wache mit dem Leichnam. So geschieht das tagtäglich an vielen Orten auf dieser Erde, es gibt Rituale dafür, und es gibt viele Filme darüber.

    I Got My Things and Left von Mbabazi Sharangabo Aimé aus Ruanda ist dabei mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er versucht, die eigentümliche Stimmung in Bilder und Töne zu übersetzen, von der Erics Freunde ergriffen werden. Die jungen Afrikaner sprechen in mythologischen Bildern und in Parolen der Zivilgesellschaft: "Ich bin der Fleck auf dem Hemd der Politik." Ihre Stimmen vereinen sich zu einem Filmgedicht, das von Eric zu stammen scheint und auf ihn bezogen ist.

    Bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen wurde der Film mit dem Hauptpreis ausgezeichnet – und damit auch eine Koproduktion zwischen dem aufstrebenden afrikanischen Land Ruanda und der Schweiz. Und er geht an eine Arbeit, für die man viele Kategorien finden könnte, etwa auch eine, um die in Österreich gerade wieder gerungen wird: innovatives Kino. Die Kurzfilmtage waren schon immer ein Labor, in dem sich die Veränderungen abbildeten. Das kurze bis mittlere Format lässt Spielräume für Erneuerungen, für die beim abendfüllenden Film die kommerziellen Notwendigkeiten Grenzen setzen.

    Ort für Pioniere

    Der österreichische Wettbewerbsbeitrag Sabaudia von Lotte Schreiber ist dafür ein gutes Beispiel. Zwanzig Minuten dauert diese "Spurensuche im Agro Pontinio", also in den Pontinischen Sümpfen, die im italienischen Faschismus unter Mussolini kolonisiert wurden. Die Stadt Sabaudia war ein Ort für Pioniere, heute ist sie auch ein geschichtspolitisches Zeichen, das Schreiber pointiert gegen viele Gemeinplätze liest: In der Architektur dieses Orts wird der Faschismus human; die Migranten, die Fuß fassten, kamen aus dem Norden, und wer folgte ihnen zwei Generationen später? Die urbanen Intellektuellen, die in Sabaudia Strandhäuser suchten.

    Innovativ ist Sabaudia wegen der essayistischen Verdichtung seiner Beobachtungen, die gegen vorgefasste Meinungen gewendet werden. Innovativ ist auch die Klarheit, mit der Gebäude und Landschaften gefilmt werden – Klassisches und Innovatives verbinden sich in diesem Fall.

    Es traf sich gut, dass auch der zweite österreichische Beitrag ähnliche Anliegen verfolgte: 60 Elephants. Episodes of a Theory von Michael Klein und Sasha Pirker ist ein Porträt von Yona Friedman, jenem Architekten, der Städte als komplexe Systeme von einfachen Bedingungen her zu denken versuchte. Die improvisierenden "Shantytowns", die Klein und Pirker zeigen, könnten auch als Gegenmodelle zu der faschistischen Planwirtschaft gesehen werden. Pointierterweise findet sich aber an beiden Modellen etwas Wesentliches. Das ist dann ein typischer Oberhausen-Effekt.

    Höhere Wahrnehmungsintensität

    Bei diesem Festival steigert sich die Wahrnehmungsintensität notwendigerweise, besteht ein Programm doch meist aus vier, fünf, sechs Arbeiten. Die Organisationsform eines Filmfestivals nähert sich hier dem Prinzip der Großausstellung im Kunstbetrieb. Es war wohl kein Zufall, dass die Biennale in Venedig heuer in Oberhausen antizipiert wurde. Eine Entdeckung waren jedenfalls die Programme von Eva Stefani, die den griechischen Pavillon in Venedig gestalten wird.

    Für Alexander Sokurov ging es nach Oberhausen überhaupt direkt zum Aufbau des russischen Pavillons nach Venedig. Er ist ein Etablierter des europäischen Arthouse-Kinos. Man zeigte seine experimentellen Kurzfilme, in denen das Ende der Sowjetunion und das neue Russland vielschichtige Form annehmen. Sokurov ist ein Maler im Medium des Kinos. Seine Wahrheiten grenzen bisweilen an problematische Vorstellungen von nationaler Kultur. Aber sie waren in einer Zeit, in der das Neue in Russland alles überwältigte, immer: innovativ. (Bert Rebhandl aus Oberhausen, 7.5.2019)




    • "I Got My Things and Left" – ein Film auch über Trauerarbeit.
      foto: oberhausen

      "I Got My Things and Left" – ein Film auch über Trauerarbeit.

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