"Trump ist ein Idiot. Aber er tritt auf die Bremse"

    Reportage7. Mai 2019, 14:00
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    Babymörder gegen Gutgläubige: Better Angels vermittelt Diskussionsrunden zwischen Trump-Anhängern und -Kritikern und will damit dem Lagerdenken in den USA die Spitze nehmen

    Als Erstes die Vorurteile: "Wir haben kein Herz, kein Mitgefühl", ruft Charles Layman über den Tisch. "Wir glauben. Wir glauben an Amerika, statt kritisch zu denken. Folglich sind wir ungebildet", wirft John Tutle in die Runde. "Wir geben nur ungern Geld für andere aus, für die Gemeinschaft, für die Armen", fügt Jeff Legge hinzu. "Wir haben was gegen Big Government."

    Layman, Tutle und Legge, sie sind an einem sonnigen Samstagmorgen zusammen mit neun anderen Debattenteilnehmern in eine Kirche in Blacksburg gekommen, einer Universitätsstadt im Südwesten Virginias. Im lichtdurchfluteten Saal des modernen Gotteshauses wollen sie den Dialog üben. Den Dialog mit Leuten, die nichts von Donald Trump halten, dem Präsidenten, an dem sie zwar auch manches auszusetzen haben, dem sie aber dennoch die Treue halten. Um es zu vereinfachen, nennen sich beide Lager nach den Farben ihrer Parteien. Die Republikaner sind die Roten, die Demokraten die Blauen. Sechs Rote, sechs Blaue, die Parität ist gewahrt. Nur sind es ausnahmslos Männer, die für die Roten antreten, während das Team der Blauen bis auf zwei Ausnahmen aus Frauen besteht.

    Beim Werkstattgespräch zwischen Demokraten, den Blauen, und Republikanern, den Roten, in Blacksburg, einer Universitätsstadt im Südwesten Virginias. Charles Layman (rechts) erklärt im Namen der Roten, was an Klischees über Leute wie ihn im Umlauf ist, was daran stimmen könnte und was nicht. Patricia Raun, eine Blaue, hört zu.

    Verfeindete Lager

    Anfangs, um sich vorzustellen, sitzen sie noch zusammen um ein Rechteck aus zusammengeschobenen Tischen. Layman, von Beruf Mathematiker, erzählt, dass er Trump den Zuschlag gab, weil der Mann nicht wie ein normaler Politiker klang. Tutle war Demokrat, ehe er in Ronald Reagan sein Idol fand. Der hat ihn damals so beeindruckt, dass er auf die rechte Seite wechselte. "Reagan Democrat" nennen Wahlforscher diesen Typus bis heute. Legge, ein Programmierer, nach eigenen Worten ein allenfalls hellroter Republikaner, beklagt eine politische Kultur, die Kompromisse nicht mehr zu kennen scheint, da sich beide Lager verhalten wie verfeindete Stämme. "Wenn dein Stamm sagt, zwei plus zwei ist fünf, dann sagst du automatisch: Genauso ist es! Jedes andere Ergebnis wäre ja von vornherein falsch."

    Patricia Raun, ehemals Schauspielerin, lehrt Kommunikationswissenschaften an der Virginia-Tech-Universität. Eine Blaue, die im lila Pullover erscheint, weil Lila für den Brückenschlag von Rot zu Blau steht. Jon Petters, ein Meteorologe, beklagt sich über Facebook und Twitter, über die Social-Media-Unternehmen aus dem Silicon Valley, denen egal sei, wie es um die Qualität des öffentlichen Diskurses stehe: "Deshalb bin ich hier." Colleen Russell, die in einer Bankfiliale arbeitet, war bis vor drei Jahren eine Rote, ehe sie aus Protest gegen Trump zu den Blauen wechselte.

    Ein Körnchen Wahrheit

    Die Klischees also, der erste Punkt auf der Tagesordnung. Nach kurzem Abtasten ziehen sich beide Gruppen in getrennte Räume zurück, um in Stichworten zusammenfassen, was die andere Seite ihnen unterstellt. Ist die Liste komplett, sollen die Denkschablonen auf das eine oder andere Körnchen Wahrheit abgeklopft werden. "Wo zucken Sie zusammen, weil es ja doch irgendwie stimmt?", malt es Rob Craighurst aus, der Moderator. Craighurst hat ein Berufsleben lang versucht, in Scheidungsangelegenheiten zu schlichten. Es gehe hier nicht darum, den anderen zu überzeugen, gibt er das Ziel vor. Es gehe darum, dem anderen zuzuhören, um ihn vielleicht zu verstehen, statt ihn zu dämonisieren.

    foto: reuters/carlos barria
    Esel gegen Elefant, die Maskottchen der großen US-Parteien.

    Kein Herz? Kein Mitgefühl? Nun, das konservative Milieu unterschätze, wie schwierig es sei, sich aus eigener Kraft aus misslichen Lebensumständen zu befreien, räumt Layman ein, als es um das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit geht. "Arbeite hart, zieh dich am eigenen Schnürsenkel aus dem Sumpf, das funktioniert nicht für jeden." Da hätten die Blauen schon recht mit ihren Vorwürfen. Glaubensblind? Ungebildet? Das wollen die Roten nicht auf sich sitzen lassen. "Bei den Blauen", protestiert einer, "hast du manchmal das Gefühl, sie lassen dich nur mitreden, wenn du ein Hochschuldiplom vorzeigen kannst."

    Anmaßend finde er das. Kein Geld fürs Allgemeinwohl? An der These, finden sie, sei etwas dran. "Was mir gehört, gehört mir. Alles dreht sich um die Familie. Das große Ganze kommt da sicher zu kurz", gibt Dave Nutter zu, ein Marketingexperte, der jahrelang im Parlament Virginias saß. Die Abneigung gegen Big Government? "Graue Theorie", spottet Layman. Wenn einer die Staatsausgaben aus dem Ruder laufen ließ, dann sei es ja wohl George W. Bush gewesen, der Präsident des Irak-Kriegs. Layman hat auch deshalb für Trump gestimmt, weil der in seinen Augen für eine defensive Außenpolitik steht. "Er ist ein Idiot, daran zweifle ich nicht. Aber er tritt auf die Bremse, anders als die, die uns in neue Kriege verwickeln möchten."

    Auch die Blauen haben unterdessen ihre Hitliste der Pauschalurteile auf eine Tafel geschrieben, um sie hinterher im großen Kreis vorzutragen. Wollen den Kindermädchenstaat, steht an erster Stelle. Unpatriotisch. Babykiller. Businessfeindlich. Gegen Waffen. Arrogant und rechthaberisch. Gegen das Militär, gegen die Freiheit, ermuntern Schmarotzer. Naiv, fiskalisch verantwortungslos, lassen jeden ins Land.

    Better Angels organisiert Diskussionen

    Später tagen Rote und Blaue noch einmal getrennt, um Fragen an die Gegenseite zu formulieren. Fragen, die Scheinheiliges, Phrasenhaftes aufspießen sollen. "Jeder ist für sich selber verantwortlich, sagt ihr", schreibt Patricia Raun auf einen Zettel. "Macht ihr Witze? Was ist mit dem Haushaltsdefizit? Wälzt ihr die Verantwortung damit nicht ab auf die nächste Generation?" Colleen Russell reibt sich an der Prämisse, dass Einwanderer nur mit gültigen Papieren in die USA kommen dürfen, weil ja schließlich Regeln zu gelten haben. "Wäre bei uns Bürgerkrieg, würde ich notfalls zu Fuß bis nach Kanada laufen", notiert sie. "Und natürlich würde ich die Grenze illegal überqueren." Ob es die Republikaner wirklich ernst meinten mit ihrem Gerede vom schlanken Staat, will Jon Petters wissen. "Wie verträgt sich das mit dem Verbot der Homo-Ehe, mit der Kontrolle der Ehe? Was hat der Staat in den Schlafzimmern der Leute zu suchen?"

    foto: frank herrmann
    In Fairfax, einer Satellitenstadt am Rande Washingtons. David Blankenhorn, Gründer der Initiative Better Angels, hält eine Rede zur Lage der Nation. Der Zustand des amerikanischen Bundes sei kritisch, sagt er.

    Better Angels heißt die Organisation, die solche Dialoge vermittelt, fast 300 Diskussionsrunden in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Ihr Gründer, ein Soziologe namens David Blankenhorn, erinnert sich noch gut daran, wie sich die Amerikaner nach Trumps Wahlsieg fühlten, fast so, als lebten sie auf zwei verschiedenen Planeten. An der Upper West Side, im liberalsten New York, wo er zu Hause ist, herrschte Begräbnisstimmung, während anderswo gejubelt wurde, etwa im Rust Belt, dem Rostgürtel der alten Industrie. Blankenhorn rief David Lapp an, einen akademischen Mitstreiter aus vergangenen Zeiten. Bald darauf trafen sich zehn Anhänger und zehn Gegner Trumps in Ohio zum ersten Arbeitskreis der Better Angels.

    Der Name geht auf Abraham Lincoln zurück. Im März 1861, er leistete seinen ersten Amtseid als Präsident, sprach "Old Abe" von den "besseren Engeln unserer Natur", die die mystischen Klänge der Erinnerung eines Tages sicher wieder berühren. Im Monat darauf begann der Bürgerkrieg, an dessen Ende Lincoln als Retter der Vereinigten Staaten gefeiert wurde.

    Kritische Diagnose

    Blankenhorn, schwarzer Pulli, schwarzes Sakko, lässt irgendwie an einen Prediger denken, wie er vorm Kamin in Donna Murphys Wohnzimmer steht. Murphy, eine Ökonomin, hat den Kamin mit einem Tuch geschmückt. Blau-Weiß-Rot, die Nationalfarben. Es ist die Kulisse, vor der Blankenhorn eine Rede zur Lage der Nation hält, zur Lage der Union, des Bundes der US-Staaten, wie es korrekt heißen müsste. Er macht das einmal alle zwölf Monate.

    Doch während Amerikas Präsidenten, Trump eingeschlossen, der Union in aller Regel ein glänzendes Zeugnis ausstellen, hält sich Blankenhorn nicht lange bei Floskeln auf. "Der Zustand ist kritisch", mahnt er, von einem Bund könne eigentlich kaum noch die Rede sein. Im Laufe der amerikanischen Geschichte, ergänzt er, habe es zu jeder Zeit Meinungsverschiedenheiten gegeben. "Aber inzwischen gibt es kein einziges Thema mehr, bei dem wir übereinstimmen. Was immer das Thema ist, die Debatte darüber ist polarisiert." Trump, sagt Blankenhorn später, beim Gespräch in Donna Murphys Küche, sei nur ein Symptom. "Das Problem hätten wir auch, wenn es ihn nicht gäbe. Du verachtest das andere Lager. Du denkst, diese Leute sind nicht normal. Diese Leute, schreist du, sind nicht normal!"

    foto: afp/kerem yucel
    Lagerdenken prägt den politischen Alltag in den USA.

    Aufgewachsen ist Blankenhorn in Mississippi, dem wohl konservativsten der 50 Bundesstaaten. Nach dem Studium in Harvard wurde er Sozialarbeiter und schrieb Bücher, dann gründete er einen Thinktank. Als Kalifornien per Referendum die Legalisierung der Homo-Ehe ablehnte und das Nein vor Gericht zu verteidigen hatte, trat Blankenhorn als Experte in den Zeugenstand, um darzulegen, warum es Eheschließungen nur zwischen einem Mann und einer Frau geben kann. Zwei Jahre später änderte er seine Meinung, und um den Sinneswandel zu begründen, schrieb er einen Essay für die "New York Times". "Jeder, der mich bis dahin gemocht hatte, schien mich auf einmal zu hassen. Und jeder, der mich gehasst hatte, mochte mich plötzlich", erinnert er sich.

    Unter Gleichgesinnten

    Schon damals, im Jahr 2012, dachte Blankenhorn darüber nach, wie man dem Lagerdenken die Spitze nehmen könnte. Noch 1976, zitiert er Statistiken, wohnte nur jeder vierte US-Bürger in einem County, den eine Partei regelmäßig mit mindestens 20 Prozentpunkten Vorsprung gewann. Inzwischen jedoch leben 60 Prozent der Amerikaner in Wahlkreisen, die eine Partei fest im Griff hat. Die Leute ziehen dorthin, wo sie unter Gleichgesinnten sind. "Und dann schaust du auf die andere Seite der Schlucht und sagst dir, dort leben die Bösen." Für den Dialog sei das Gift, klagt Blankenhorn. Wer nur mit seinesgleichen rede, bekomme ja nur bestätigt, was er ohnehin schon wisse. (Frank Hermann aus Blacksburg, 7.5.2019)

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