Protestaktion von SJ-Chefin Herr trifft den Sinn der Gedenkfeier

Kommentar6. Mai 2019, 12:05
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Die Befreiungsfeier in Mauthausen darf kein starres Ritual sein, sondern muss aktuelle Bezüge herstellen

Es ist ein Foto, das aufregt – und das bleiben wird: Bei der Befreiungsfeier im Konzentrationslager Mauthausen hat sich die SJ-Vorsitzende Julia Herr (SPÖ) neben Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gestellt und ein Schild hochgehalten, auf dem eine der vielen NS-verherrlichenden Entgleisungen von FPÖ-Mitgliedern thematisiert wird. Das Bild lässt kaum jemanden kalt. In sozialen Medien wird Herr einerseits für ihren Mut und ihre klare Haltung gelobt, andererseits wird ihre Aktion als "geschmacklos" und "pietätlos" kritisiert.

Fakt ist zunächst einmal, dass Herr im Wahlkampf ist: Sie kandidiert auf Listenplatz sechs für das EU-Parlament. Fakt ist aber genauso, dass Herr und die SJ derartige Aktionen jedes Jahr durchführen. Der Vorwurf, die Befreiungsfeier einzig für Wahlkampfzwecke zu instrumentalisieren, geht also ins Leere. Bleibt somit die Frage, ob eine Gedenkfeier der richtige Ort für politische Interventionen ist, oder ob die Würde der Veranstaltung dadurch gestört wird.

"Früher 'Rothschild', heute 'Soros'"

Das entscheidet einzig eine Gruppe: nämlich die der Holocaust-Überlebenden. Sollten sie sich von der Aktion verletzt fühlen, muss sich die SJ-Vorsitzende sofort bei ihnen entschuldigen. Aber bislang gab es keine Kritik der anwesenden Shoa-Opfer, wenngleich IKG-Chef Oskar Deutsch kommentierte, dass er "die Taferln unnötig fand". Dafür sprach er in seiner Rede offen davon, dass in Österreich Spitzenvertreter einer Regierungspartei "Verschwörungstheorien verbreiten" und "Hass säen". "Früher sagten sie 'Umvolkung', heute nennen sie es 'Bevölkerungsaustausch'. Früher sagten sie 'Rothschild', heute ist es 'Soros'", so Deutsch in Richtung FPÖ, deren Vertreter ausdrücklich nicht bei der Gedenkfeier erwünscht waren.

Deutsch macht in seiner treffenden Rede genau das, was zeitgeschichtliche Forschung bewirken soll: Er beschreibt, was war, und verbindet es mit aktuellen Ereignissen. Wenn Geschichte rein als etwas Statisches, Abgeschlossenes begriffen wird, dann sind Gedenkfeiern bloß ein leeres Ritual – und das wäre eine Katastrophe. Herr hat ihre Schlüsse gezogen und die Befreiungsfeier genutzt, um aufzuwühlen und eine Debatte zu intensivieren – in Zeiten wie diesen ist das mehr als nötig. (Fabian Schmid, 6.5.2019)

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    foto: imago
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