Landesausstellung: Wasser, Schiene, Straße, Luft

    8. Mai 2019, 20:19
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    Wie man vorankommt, ist Spiegel der erreichten technischen Stufe, mitunter auch jener der kulturellen. Die Landesschau in Wiener Neustadt spannt dabei einen weiten Bogen vom Mittelalter bis in die Nächstzeit: Welt in Bewegung.

    Kinder und ihr Spielzeug. Stets schwingt da das jeweilige gesellschaftliche Milieu, das technische Niveau mit. Nehmen wir etwa Kaiser Maximilian, dessen 500. Todesjahres wir heuer gedenken. Als Knirps ist er häufig zu sehen mit Turnierrittern auf Rädern; passt gut zu seinem Cognomen "der letzte Ritter".

    Oder, 400 Jahre später, es ist viel Wasser die Leitha runtergeflossen, der "Ziegenbockwagen". Ferdinand Porsche schenkte 1919 seinem zehnjährigen Sohn Ferry zu Weihnachten das erste Auto. In der Austro-Daimler-Lehringsabteilung, Wiener Neustadt, wo der geniale Herr Papa bis 1923 werkte, ließ dieser dem Sohnemann einen kleinen Zweisitzer mit luftgekühltem Zweizylinder-Viertakter, 3,5 PS stark, zusammenbasteln, 60 km/h schaffte der Bubi-Renner.

    "Fahrten auf der Straße waren verboten. Ferry tat's trotzdem, die Polizei drückte ein Auge zu", weiß die routinierte Kulturvermittlerin Gerlinde Trompler zu berichten, die unsereins durch die NÖ Landesausstellung Welt in Bewegung! (bis 10. November) geleitet und mit Geschichte und Geschichten aller Art versorgt, auch launigen wie diesen, besten Dank nochmal.

    Die Ritter finden sich im Museum St. Peter an der Sperr, der Ziegenbock – na ja, ein Modell und ein historisches Foto mit Ferry am Volant – in den Kasematten. Den Weg zwischen den Ausstellungsorten bewältigt man per pedes, per Pedal, Auto, E-Scooter oder wasweißich, nicht mehr rechtzeitig behördlich zugelassen wurden Drohnentaxis, Beamen, Wurmlochreisen. Damit wäre auch der Wasser-Schiene-Straße-Luft-Mobilitätsbogen gespannt, der sich geografisch über Stadt, Region, Habsburgerreich/ Österreich und die Welt erstreckt.

    Abgesehen vom weniger mitreißenden, weil reichlich zeitgeistkorrekten Blick auf heute und morgen in "Röhre 3" der Kasematten – interaktiv, fokussierend auf junge, auch ganz junge Besucher, man kann sich zum Beispiel den CO2-Abdruck einer Reise von A nach B mit dem jeweiligen Verkehrsmittel errechnen lassen; abgesehen davon also gibt es sozusagen eine große Rahmenhandlung (König Löwenherz [1157-1199] bis 1945) und eine kleine (Kaiser Maximilian I. [1459-1519] bis 1919).

    Schotterfeld

    Denn. Mit dem Lösegeld für Englands König finanzierten die Babenberger weiland Wiener Neustadts Gründung (1192), "auf dem Reißbrett geplant, eigentlich auf einem Schotterfeld", wie Guido Wirth, Geschäftsführer der Landesausstellung, im Gespräch mit dem Standard formuliert. Als späte Rache legten die Alliierten dann im Zweiten Weltkrieg die Stadt in Schutt und Asche, vordergründiges Argument war natürlich die Rüstungsproduktion, Me 109 etc.

    Und die Kleine? Max, seit 1508 Kaiser des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation, wurde 1459 auf der Burg in Wr. Neustadt – sie beherbergt seit 1751 die Theresianische Militärakademie, ihres Zeichens älteste aktive, durchgängig der Offiziersausbildung gewidmete Institution der Welt – geboren, er starb, wie gesagt, vor 500 Jahren. 400 Jahre später war dann mit den Pariser Vororteverträgen auch Habsburgs Reichsgedanke perdu.

    Maximilians ebenfalls kaiserlicher Vater Friedrich III. (1415- 1493), errechneten die Ausstellungsmacher, legte während seiner Regentschaft 33.826 Reisekilometer zurück, den CO2-Abdruck der Pferde und beim Kutschenbau wollen wir nicht wissen.

    Südbahn

    Zurück zur Schau. Sie veranschaulicht, was da in Stadt und Region alles geschah und wie technisch potent sie weiland war. Den industriellen Hauptimpuls gab der Südbahnbau (Wien-Triest), als erster Teilabschnitt ging 1842 der von Wien nach Gloggnitz am Semmering in Betrieb. Noch im selben Jahr wurde die Wr. Neustädter Lokomotivfabrik gegründet. Trompler: "1870 wurde die 1000. Lok gebaut, die Produktion lief bis 1910. Ab 1942 wurden dort dann in den Raxwerken Teile für Wernher von Brauns V2 gefertigt."

    Eine andere Verkehrsverbindung ging schon 1803 in Betrieb, der Wiener Neustädter Kanal – und nein, der wurde nicht mit Karavellen befahren, die zählen zur Lebenswelt von Fritz und Max. Der Wasserweg endete am Wiener Heumarkt, er erfährt dieser Tage eine Wiederbelebung als Radweg. Wirth: "Ich hab's selbst noch nicht probiert, aber angeblich ist man per Rad 3,5 Stunden in eine Richtung unterwegs." Und apropos gute Verkehrsanbindung: Die und der Umstand, dass die biennal veranstaltete Landesausstellung heuer eben in einer Stadt läuft, bewirke, dass sie noch besser besucht sei als 2017, um rund 25 Prozent.

    Das innovationsfreudige Milieu führte in weiterere Folge zu massiven Aktivitäten im verbrennungsmotorischen Bereich. Erwähnenswert in erster Linie ist da Austro-Daimler, ist auch Ferdinand Porsches Tätigkeit dorten – neben dem "Ziegenbock" phänomenal dokumentiert mit der 5,5-Meter-Luxuslimousine 846, Baujahr 1931. 8 steht für die Zylinder, 46 für 4,6 Liter Hubraum, was für eine Pracht. Wobei, "das Einbringen des Gefährts in die Kasemattenröhre war eine spannende Herausforderung", berichtet Wirth.

    Sascha kommt, Sascha siegt

    Das wird mit dem anderen Austro-Daimler leichter gewesen sein, dem putzigen Sascha. Alexander "Sascha" Kolowrat-Krakowsky hatte den Wagen bestellt, Porsche konstruierte ihn 1922, noch selben Jahres nahmen drei Saschas an der sizilianischen Targa Florio teil, erfolg- weil siegreich in ihrer Klasse. Von den fünf gebauten Autos gibt's noch zwei, einer, ganz in Rot, ziert die Landesausstellung.

    Zur Historie ist im Kral-Verlag übrigens ein profundes Buch von Christian Zach erschienen: Austro Daimler (Band 1: 1899-1919).

    Beim weiteren Rundgang durch beide Adressen stolpern wir über etliche G' schichtln und Kuriositäten. Wussten Sie, dass Josip Broz Tito, nachmaliger Partisanenführer und Staatschef Jugoslawiens, bis 1913 Mechaniker und Testfahrer bei Austro-Daimler war? Oder dass Jochen Rindt 1963 für Semperit (eine weitere lokale Mobilitätsgröße) in Kottingbrunn Reifen testete? Dass der Wr. Neustädter Franz Xaver Reimspieß das Austro-Daimler-Logo erfand und auch das von VW? Dass der Matador-Erfinder von 1899, Johann Korbuly – ihn störte, dass die Bauklötze seiner Kinder dauernd zusammenfielen -, ab 1915 in Pfaffstätten bei Traiskirchen produzierte?

    Oder dass 1928, zur Eröffnung des Flugplatzes Vöslau-Kottingbrunn, die Münchner Fallschirmpionierin Helly Tussmar vom Himmel fiel, "Heldin des Tages", klare Sache. Oder dass, um diesbezüglich zum Abschluss zu kommen, einerseits für die Lizenzfertigung des deutschen Jagdflugzeugs Albatros D.III (Oeffag D.III) im Ersten Weltkrieg Motoren von Austro-Daimler verwendet, andererseits für die Herstellung der Holzpropeller extra Grödnertaler Herrgottschnitzer hierhergeholt wurden?

    Damit bleiben wir auch finalmente in der Luft. 1909 wurde in Wr. Neustadt das Flugfeld gegründet, Flugpionier Igo Etrich optimierte dort sein erstes Fluggerät, 1910 fand der Jungfernflug der Etrich Taube (Etrich II) statt. Im 2. Weltkrieg wurden, auch dies Bestandteil der Schau, 8000 Jagdflieger Me 109 in der Stadt produziert. Und dass sie mit dem Element Luft heute noch zu tun hat, belegen der Kleinflugzeugbauer Diamond und der Drohnenhersteller Schiebel.

    Fazit? Bleiben Sie, wie die Welt, in Bewegung. Und schau'n Sie sich das an. (Andreas Stockinger, 8.5.2019)

    • Ritter auf Rädern und ...
      foto: andreas stockinger

      Ritter auf Rädern und ...

    • ... "Ziegenbockwagen" : Spielzeug Kaiser Maximilians und Ferry Porsches.
      foto: andreas stockinger

      ... "Ziegenbockwagen" : Spielzeug Kaiser Maximilians und Ferry Porsches.

    • Daneben Rumplers FAR-Motorrad aus den 1920ern – drei Exemplare gibt's noch.
      foto: andreas stockinger

      Daneben Rumplers FAR-Motorrad aus den 1920ern – drei Exemplare gibt's noch.

    • Ferdinand Porsches "Sascha" (1922)
      foto: andreas stockinger

      Ferdinand Porsches "Sascha" (1922)

    • Austro-Daimler ADR 846 (1931)
      foto: andreas stockinger

      Austro-Daimler ADR 846 (1931)

    • Lok-Modell
      foto: andreas stockinger

      Lok-Modell

    • Me-109-Jagdflieger
      foto: andreas stockinger

      Me-109-Jagdflieger

    • Der "letzte echte" Semperitreifen.
      foto: andreas stockinger

      Der "letzte echte" Semperitreifen.

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