Donaufestival: Immer auf der dunklen Seite

    5. Mai 2019, 08:30
    5 Postings

    Das zweite Festivalwochenende in Krems brachte eine etwas lebensmüde Porno-Performance, bipolare Roboter und jede Menge schlechtgelaunte Musik

    Sagen wir einmal so: Vor die Wahl gestellt, hätten sich frühere Generationen sehr wahrscheinlich dafür entschieden, ausschließlich ein auf der Bühne kopulierendes Paar zu betrachten. Sie hätten das dazu über Kopfhörer mit zuckersüßer Mädchenstimme gelieferte literarische Begleitprogramm inklusive eines in Krems obligaten Ambient-Gedröhnes einfach weggelassen. Warum liegt hier überhaupt Stroh? Reden beim Sex, wir erinnern uns mit gemischten Gefühlen.

    Die wahnsinnig gehypte katalanische Performancegruppe El Conde de Torrefiel zeigte beim Donaufestival ein längliches Casting für einen im Männerdutt- und Tattoofrauenmilieu spielenden Hipster-Porno live und mit richtig Schwanz, Muschi, derb Ausgreifen und oral und vaginal. Dazu setzte es als Kontrast den Kopffilm einer jungen Frau, die darunter leidet, dass ihr neuer Roman "Kultur" aufgrund Überdruss in der Konsumgesellschaft nicht so richtig in die Gänge kommt: Spotify hören, Pornos im Internet schauen, total am Leben vorbei leben, hach, wohin nur mit der Schreibblockade!

    Ambitioniert ungeil

    Daraufhin beschließt sie nach dem Masturbieren über Amateurvideos, ein Casting für einen Pornofilm als Ausgangspunkt für eine zivilisationsmüde Betrachtung über das Schreiben vom Allesgesagten zu wählen. Bühnengeschehen: ambitioniert ungeil. Text: interessanter Ansatz; praktisch, im Kontrast zum Gezeigten, eine Katastrophe. Vielleicht ging es auch nur darum zu beweisen, wie abgestumpft wir mittlerweile in unserer Kaltschnäuzigkeit sind, um uns Pornos live ohne jedwede Erregung anzuschauen. Banal und anal sind Geschwister.

    Nach einer Stunde war alles vorbei. Zuvor wurden Menschen, die das lustlose Gerammel vorzeitig verließen, vom verbleibenden tapferen Rest kritisch wegen Moralinsäureverdacht, Kerzerlschluckertum, Mitgliedschaft in einer niederösterreichischen Goldhaubengruppe oder schlichter Verklemmtheit beäugt. Mission accomplished.

    Neben queeren musikalischen Donaufestival-Stammgästen wie Fatima al Qadiri oder Yves Tumor und zwei Handvoll anderen Leuten, die seit Jahr und Tag regelmäßig nach Krems gebucht werden, als ginge es darum, dem Jazz Fest Wien nachzuspüren, präsentierte sich das 1988 gegründete superbrutale britische Silberrücken- und Vorschlaghammer-Metal-Duo Godflesh anschließend beinahe erfrischend antidiskursiv. "This is my own hell!" Ein provokant heterosexuelles Exerzitium im Zeichen fehlgeleiteter männlicher Energie. Im Bühnenhintergrund sah man Christus am Kreuz inmitten einer Raffinerielandschaft hängen: Always look on the dark side of life. Davor wurden über einer sich gegen das Publikum schiebenden Gerölllawine aus Laptop-Beats, Bass und verzerrter Gitarre Texte gebrüllt, die eine Kernaussage beinhalten: Schatz, die Welt geht unter, komm, wir gehen mit.

    Roboterimitat im unheimlichen Tal

    Die Möglichkeiten einer Welt, in der es zumindest theoretisch möglich ist, den Menschen mit animatronischen Doppelgängern für automatisierte Handlungen und Aktionen wie die Büroarbeit, den sozialen Umgang oder schlichte soziale "Anwesenheit" zu ersetzen, zeigten Stefan Kaegi von Rimini Protokoll und Autor Thomas Melle ("Die Welt im Rücken") in Unheimliches Tal/Uncanny Valley. Der bipolare, manisch-depressive Autor lässt sich bei dieser großartigen einstündigen Performance in seinem allumfassenden Wunsch, als Person aus Fleisch und Blut aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, durch ein Roboterimitat seiner selbst ersetzen.

    Als zeitweise auf einem Bildschirm auftauchender Gast seines Avatars behandelt er in seinem Vortrag grundsätzliche Fragen. Was macht den Unterschied zwischen Mensch und Maschine überhaupt aus? Eigenständiges "Denken"? Selbstbestimmtes Handeln? Gefühle? Auch im alten biologischen Festkörper laufen fixe Programme. Gedanken, Meinungen, Handlungen: Ist die Menschmaschine nicht ohnehin fix programmiert und verläuft unser Leben nach Schablone? Kann nicht einfach ein Roboter unseren Job übernehmen? Der wird auch nicht krank oder "stirbt". Höchstens mal, dass ein Teil der Silikonhaut ausgetauscht werden muss, eine Mutter lose ist oder eine Sicherung durchbrennt. Die Festplatte aber überlebt. Uncanny Valley bezeichnet das ungute Gefühl, das einen beschleicht, wenn in der äußeren Ähnlichkeit zwischen Mensch und Roboter die optische oder behavioristische Bruchstelle auftaucht. Ein Roboterwissenschaftler sagt im Interview den schönen Satz: "Technik ist die Natur des Menschen." Thomas Melle wird uns noch ein wenig erhalten bleiben müssen.

    Die guten alten Gefühle

    Die guten alten menschlichen Gefühle jenseits von 0 und 1 besangen anschließend die großen britischen Melancholiker Flotation Toy Warning in der Minoritenkirche. Es geht zu feierlicher, tapferer und erhabener Musik im angezogenen Trauer- und Hymnenduktus um Herzerweiterung, das Verlorengehen und Wiedergefundenwerden. Hier kommt keine Maschine beim berühmten Turing-Test als Mensch durch. Roboter können nicht weinen. Und solange wir grundsätzlich Probleme mit Intelligenz haben, wird uns auch keine künstliche retten. (Christian Schachinger, 5.5.2019)

    • Autor Thomas Melle im "unheimlichen Tal".
      foto: donaufestival/we2/gabriela neeb

      Autor Thomas Melle im "unheimlichen Tal".

    • Autor Thomas Melle lässt sich durch ein Roboterimitat auf der Bühne ersetzen. Gemeinsam mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll entwickelte er die Performance Unheimliches Tal/Uncanny Valley.
      foto: donaufestival/we2/gabriela neeb

      Autor Thomas Melle lässt sich durch ein Roboterimitat auf der Bühne ersetzen. Gemeinsam mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll entwickelte er die Performance Unheimliches Tal/Uncanny Valley.

    Share if you care.