Hans Rauscher über das Aufwachsen im Gemeindebau

    5. Mai 2019, 08:00
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    Das "Rote Wien" wird gefeiert und angefeindet. Eine seiner größten Leistungen war der soziale Wohnbau. Wie war es, im "Gemeindebau" aufzuwachsen?

    Die Adresse an der Schönbrunner Strasse und die am Bacherpark, beide im fünften Wiener Gemeindebezirk (Margareten) gelegen, trennen ein paar Hundert Meter Luftlinie. Von der Wohnungsqualität und von der gesellschaftspolitischen Idee her war es ein Quantensprung.

    Die "Schönbrunner Straße" war ein finsteres, enges, billig hingebautes Zinshaus der Gründerzeit, mit Klosett und Wasserentnahmestelle (Bassena) am Gang. Die Wohnung bestand aus Zimmer und Küche. Aus. Vom Gang aus betrat man sofort die winzige Wohnküche, von der aus eine Tür in das Schlafzimmer führte. Hier lebten in den 1920er-und 1930er-Jahren drei Personen, mein Vater und seine Eltern. Als mein Vater 1945 aus dem Krieg zurückkam, zogen drei weitere Personen hinzu: meine Eltern und ich als Säugling. Das Eheleben meiner jungen Eltern fand in den ersten Jahren auf einem eisernen Klappbett in der Küche statt.

    foto: robert newald
    Der Sandleiten-Hof in Wien-Ottakring, erbaut 1928, war ein Signalbau der Arbeiterbewegung. Heute geht es "im Gemeindebau" oft um die Zuwanderer.

    Das war unhaltbar, und der vom Architekturstudenten Hannes Rauscher flehentlich angeschriebene Stadtrat hatte ein Einsehen. Die kleine Familie zog in eine Gemeindewohnung im soeben fertiggestellten Eiselsberg-Hof am Bacherplatz, ebenfalls in Wien fünf. Sie bestand aus Wohnküche (mit herunterklappbarem Bett) und einem kleinen Schlafzimmer. Aber es gab ein Bad und ein Klo innen. Die Wohnung war hell, sie ging auf zwei begrünte Höfe hinaus, es war genug Platz zum Spielen. Nebenan war ein Kindergarten, mit dem Motto "Licht, Freude und Geselligkeit für Dein Kind" an der Wand. In der alten Wohnung hatte es nur einen winzigen, versifften Innenhof gegeben, in den manchmal fahrende Sänger kamen, denen man in Papier verpackte Zehngroschenstücke hinunterwarf. Spielen konnte man in dem "Ratzenstadel" nicht.

    Anlässlich der sehenswerten Ausstellung Das Rote Wien im Wien-Museum sind allerlei Artikel über die dahinterstehende Ideologie erschienen. Natürlich gab es die – aber auf ganz praktischer, sozialpolitischer, menschenfreundlicher Ebene war das Projekt Gemeindebau (und alles drum herum) ein Triumph.

    Hunderttausende konnten nun menschenwürdig wohnen – und, was viele vielleicht nicht zu schätzen wussten, in erstklassiger moderner Architektur. Besonders die Gemeindebauten der 20er- und 30er-Jahre sind teils Neue Sachlichkeit, teils Art-déco-Stil.

    Kleine Leute

    Der Eiselsberg-Hof am Bacherplatz war ein Nachkriegsgemeindebau und entsprechend schlichter. Darauf achteten wir Kinder natürlich nicht. Uns war der größere Auslauf wichtig, die Möglichkeit, im Hof aus dem offenen Fenster einer Parterrewohnung die Fußballübertragung zu hören und später einen Plattenspieler mit Bill Haley in Gang zu setzen. Bis der Erste aus dem Fenster oben herunterbrüllte. Die Hausparteien waren überwiegend Angestellte, kleine Geschäftsleute, Handwerker. Margareten war ein Arbeiterbezirk, aber das "echte" Proletariat wohnte nicht in diesem Hof. Mit den wirklich toughen Kids kamen wir im Bacherpark gegenüber in Kontakt. Auch damals gab es Jugendbanden. Die "Bacherbande" sorgte für blutige Nasen bei uns. Mein wertvollster Besitz, ein Prinz Eisenherz-Comicheft, wurde mir von drei älteren Burschen abgenommen. Das heutige Äquivalent ist der Handyraub.

    foto: hans rauscher
    Nachkriegsarchitektur: der Eiselsberg-Hof im fünften Bezirk.

    Die acht Jahre im Eiselsberg-Hof waren aber insgesamt eine angenehme Kindheit. Man war fast immer im Kinderrudel unterwegs. Die Familien lernten einander zum Teil näher kennen. Die Politisierung? Was man als Kind so mitbekommt: Am 1. Mai hatten viele, nicht alle, das Fähnchen mit den drei roten Pfeilen im Fenster. Auch wer nicht so intensiv an "den Sozialismus" glaubte, war froh über dessen soziale Leistung.

    In meiner Familie gab es in der Generation der Großeltern eine starke Kulturkluft. Die Eltern meines Vaters kamen "vom Land", der Großvater war Polizist, christlich-sozial. Die Großmutter mütterlicherseits (ihr Mann war längst weg) war sozialdemokratische Krankenschwester und Aktivistin. Auch sie wohnte in einem Gemeindebau, dem Matteotti-Hof aus den 20er-Jahren, ebenfalls im fünften Bezirk. Benannt war "ihr" Hof nach dem von italienischen Faschisten ermordeten linken Politiker Giacomo Matteotti. Es war eine Großanlage in beeindruckendem Art-déco-Stil.

    foto: hans rauscher
    Matteotti-Hof: Großanlage in beeindruckendem Art-déco-Stil.

    Noch in den 50er-Jahren lag bei Oma zu Hause die Zeitschrift Die Frau (früher: Die Unzufriedene). Sozialdemokratisches Bildungsbewusstsein spiegelte sich in ihrem reich bestückten Bücherschrank. Beim väterlichen Großvater stand eher die Wachauer Heimatdichterin und Hitler-Verehrerin Maria Grengg. Sie mussten wegen der Heirat ihrer Kinder miteinander auskommen: die rote Krankenschwester und der schwarze Polizist, der im Februar 1934 "auch ausgerückt" war, wie er später knapp sagte. An Kämpfen habe er nicht teilgenommen.

    Kleine Städte

    In einer der Großanlagen, in der 1934 tatsächlich gekämpft wurde, dem Sandleiten-Hof im 16. Bezirk (Ottakring), lebte eine Nenntante. Sie war Ziehschwester meiner Mutter, die dort eine Zeitlang solidarisch untergebracht war. Sie erzählte einmal, dass sich die "roten Schutzbündler" nach einem kurzen Schusswechsel rasch zurückgezogen hatten. Einen Häuserkampf wollte man nicht.

    foto: foto: robert newald
    Der Sandleiten-Hof ist ein besonders schönes Beispiel für qualitätsvolle, an Art déco angelehnte Architektur. Der größte Gemeindebau der Zwischenkriegszeit (heute 4.000 Bewohner) wirkt durch seine Vielfalt.

    Die Zwischenkriegsgemeindebauten waren kleine Städte mit eigener Infrastruktur (Geschäfte, Gemeinschaftswäschereien, Büchereien etc.). Mit dem beginnenden Wohlstand hörte sich das auf.

    Die "Arbeiterkultur" kämpfte allerdings auch mit kleinbürgerlichen Anwandlungen. Dabei wollten die Planer der Gemeindebauten ein Gesamtkunstwerk und boten Musterzimmer von bekannten Architekten an. Die 30er-Jahre-Fauteuils meiner Großmutter im Matteotti-Hof würden heute im Dorotheum hohe Preise erzielen (wenn es sie noch gäbe). Eine Dornstab-Leuchte aus den 50er-Jahren von Kalmar habe ich kürzlich im Antiquitätenhandel wiedererkannt – um 2.000 Euro.

    Den Eiselsberg-Hof verließen wir, als auch diese Wohnung zu klein wurde. 1958 zogen wir in den Emil-Reich-Hof, eine neue Anlage an der Döblinger Hauptstraße. Es war sehr grün dort und schon fast bürgerlich. Fast alle Kinder im Bau studierten. Meine Mutter lebte insgesamt 59 Jahre dort. Als die Gemeinde irgendwann in den Neunzigerjahren die Miete fast verdoppeln wollte, um die Fassadensanierung zu bezahlen, streikten die Mieter. Die Fassade ist bis heute unsaniert, und die verbliebenen alten Mieter beschweren sich über den Migrationshintergrund der neuen.

    Auch wenn man schon sehr lange nicht mehr im sozialen Wohnbau wohnt, muss man zu dem Schluss kommen, dass er im Großen und Ganzen funktionierte und bis heute funktioniert. Aber die Stimmung ist heute anders. Damals war sie von Zuversicht geprägt, dass es weiter aufwärts gehen werde. Heute herrschen eher Abstiegsängste: dass es einem schlechter gehen wird, weil die Zuwanderer in der Nachbarwohnung auch Zugang zu sozialen Leistungen haben. (Hans Rauscher, 5.5.2019)

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